Stand: 06.02.2016 13:59 Uhr

Krebs in Bothel: Menschen warten auf Antworten

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Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) ist am Freitag nach Rotenburg gekommen. (Archivbild)

Als die niedersächsische Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) am Freitag gegen Abend am Kreishaus in Rotenburg (Wümme) eintrifft, wird sie schon erwartet. Etwa 70 Menschen aus dem Ort und den umliegenden Gemeinden haben sich hier versammelt, um auf Transparenten ihre Verzweiflung und Empörung deutlich zu machen: "Stirbt unser Dorf an Krebs?", steht auf den Plakaten und " Wir wollen leben" , "Sauberes Grundwasser für uns und unsere Kinder", "Exxon es reicht" und vieles mehr. Die Menschen warten auf Antworten auf die Frage, warum in ihrem Landkreis überdurchschnittlich viele Menschen an Krebs sterben.

Keine Gespräche mit den Bürgern

Ilse-Doris Grass ist selbst an Krebs erkrankt. Sie stammt aus dem 55-Einwohner-Dörfchen Bellen: "Es gibt bei uns kein Haus, was nicht von Krebs betroffen ist. Und wir können uns auch nicht erinnern, dass in den letzten Jahren jemand gestorben ist, der keinen Krebs hatte." Das hat die Rentnerin der Gesundheitsministerin schon schriftlich mitgeteilt, bekam aber nie eine Antwort, wie sie erzählt. Jetzt ist die 77-Jährige zum Kreishaus nach Rotenburg gekommen, um es der Besucherin aus Hannover selbst zu sagen. Aber auch hier bleibt keine Zeit für ein Gespräch. Die Ministerin hat es eilig. Cornelia Rundt ist gekommen, um hinter verschlossenen Türen Kommunalpolitikern und Ärzten einen Zwischenbericht über den derzeitigen Stand der Ursachenforschung zu den Krebsfällen im Landkreis zu geben.

Forschungsergebnisse frühestens Ende 2016

Vorwürfe, die Landesregierung nehme die Ängste der Bevölkerung nicht ernst, weist Rundt mit aller Deutlichkeit zurück. Das Land Niedersachsen habe den Landkreis von Anfang an bei der Aufklärung unterstützt. Doch Tatsache ist: Forschungsergebnisse gibt es noch nicht. Frühestens Ende des Jahres sei damit zu rechnen, erklärt die SPD-Ministerin. Derzeit seien Experten noch damit beschäftigt, Fragebögen aus der Bevölkerung auszuwerten. "Darüber hinaus prüft im Moment das Landesgesundheitsamt die Frage, welche Ursachen für diese Krebsarten weltweit bekannt sind", berichtet Rundt, "und der Abgleich wird uns letztlich weiterbringen, was die Ursachen hier in der Region betrifft."

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Kann die Erdgasförderung schuld sein?

Nach Ansicht vieler Rotenburger wird hier eine der wesentlichen Fragen vernachlässigt: "Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, dass jetzt nicht unmittelbar parallel die Untersuchungen laufen, ob das mit dem Erdgas zusammenhängen kann", sagt Dirk Eberle, Bürgermeister aus Bothel (parteilos). Genau diese Frage aber brennt der Bevölkerung am meisten unter den Nägeln: Stehen die häufigen Krebsfälle im Zusammenhang mit der Erdgasförderung im Landkreis Rotenburg? Davon nämlich sind die meisten hier überzeugt. Dass die Forschung darauf derzeit keine Antwort sucht, verstehen die Menschen vor dem Kreishaus nicht. Sie fühlen sich von der Landesregierung im Stich gelassen. "Hannover ist weit, man nimmt uns nicht ernst", klagt einer. "Wir sind Stimmvieh und so kann es nicht weitergehen." Manche wollen nicht länger auf ein Ergebnis warten. So erzählt Friedhard Voss aus Moordorf: "Einige Leute ziehen schon weg, weil sie Angst um ihr Leben haben."

200 Ärzte schlagen Alarm

Vor wenigen Wochen hatten bereits mehr als 200 Ärzte in einem Brief an die Ministerin mehr Unterstützung von der Landesregierung gefordert. "Wir wenden uns jetzt mit der dringenden Bitte an Sie, die Ursachenforschung durch die rasche Bereitstellung ausreichender finanzieller Mittel für die unbedingt notwendigen wissenschaftlichen Untersuchungen sicherzustellen", hieß es in dem Schreiben der Ärzte an Rundt. Nach Angaben des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN) sind zwischen 2003 bis 2012 41 Männer aus Bothel an Blut- und Lymphdrüsenkrebs erkrankt. 21 Erkrankungen wären in diesem Zeitraum statistisch normal gewesen, sagte Joachim Kieschke, ärztlicher Leiter der Registrierungsstelle des EKN in Rotenburg.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 06.02.2016 | 12:00 Uhr