Stand: 31.05.2017 19:32 Uhr

Jäger retten Kitze vor der tödlichen Mähmaschine

von Ulrike Kressel

Die feuchte, warme Witterung der vergangenen Wochen hat das Gras auf den Wiesen kräftig wachsen lassen. Die erste Mahd der Grünflächen hat überall im Land begonnen. Für viele Wildtiere, zum Beispiel Rehe, sind die kniehohen, saftig grünen Wiesen offenbar ein idealer Ort, ihre Kitze gut getarnt zu verstecken. Die vermeintliche Sicherheit des hohen Grases ist jedoch trügerisch. So schützt es zwar vor Fressfeinden wie dem Fuchs, nicht aber vor der drohenden Gefahr durch Mähfahrzeuge. Genaue Zahlen, wie viele Wildtiere tatsächlich bei der Mahd getötet werden, gibt es nicht. Der Deutsche Tierschutzbund schätzt aber, dass bundesweit jährlich rund 500.000 Wildtiere, darunter 100.000 Rehkitze, von Mähfahrzeugen erfasst werden. Landwirte und Jäger suchen deshalb gemeinsam Wege, die Tiere zu schützen.

Suche nach dem kleinen Kitz im tiefen Gras

Rettung aus der Luft

In einigen Jägerschaften des Landes Niedersachsen würden bereits Flugdrohnen zur Rettung von Kitzen eingesetzt, sagt Florian Rölfing, Sprecher der Landesjägerschaft. So unterstützt beispielsweise Jäger Markus Böller seinen Kollegen Stefan Switalla im Jagdrevier Echem (Landkreis Lüneburg) bei der Suche nach Kitzen. Böller hat dafür eigens seine Drohne mit einer Wärmebildkamera aufgerüstet. Steht eine Mahd an, fährt er raus und überfliegt systematisch die jeweiligen Flächen. Das Jagdrevier von Stefan Switalla in Echem umfasst rund 900 Hektar, davon knapp 600 Hektar Grünland. Zu viel, um vor jeder Mahd die Flächen zu Fuß nach Kitzen abzugehen, so der Jagdpächter. Allein schon deshalb, weil sich die Mahd innerhalb weniger Tage ereignet und sich nicht genügend Leute finden, die helfen. Er ist deshalb froh, Unterstützung aus der Luft zu bekommen. Doch das Verfahren stecke noch in den Kinderschuhen, sagt er. Zudem könne sich nicht jeder ein solches Flugobjekt leisten. Die Anschaffungskosten seien sehr hoch.  

Schleswig-Holstein
5 Bilder

Rehkitze durch "Anti-Treibjagd" schützen

30.05.2017 06:40 Uhr
NDR 1 Welle Nord

Jan Bastick bricht mit rund 30 weiteren freiwilligen Helfern zu einer "Anti-Treibjagd" in Rastorf auf. Das Ganze dient dem Schutz von Rehkitzen. Was hat es damit auf sich? Bildergalerie

Keine hundertprozentige Sicherheit

Ob Rehkitze oder andere Wildtiere mithilfe der Drohne entdeckt werden, hängt nach Angaben der Experten maßgeblich davon ab, zu welcher Tageszeit nach ihnen gesucht wird und wie die Wetterbedingungen zum Zeitpunkt der Suche sind. Überflüge in den frühen Morgenstunden oder der zeitigen Abenddämmerung seien optimal. Mit steigender Sonne erhöht sich die Umgebungstemperatur so stark, dass sich in den aufgeheizten Flächen kaum ein Unterschied zur Temperatur eines Kitzes darstellen lässt - so die Ergebnisse eines Projekts zur Rehkitz-Rettung im Emsland. Erfahrungen, die auch Jäger Markus Böller in Echem gemacht hat. "Es kommt vor, dass ein Maulwurfshügel einen ähnlichen Wärmepunkt zeigt wie ein Reh", sagt er. Hilfreich sei deshalb, dass er parallel zur Anzeige der Wärmebildkamera die aktuellen Echtbilder der Drohnenkamera sehen und beide miteinander vergleichen könne.

Die Suche am Boden: von klassisch bis Hightech

Der Einsatz von Drohnen bei der Wildtierrettung ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Es geht auch ganz klassisch. Zum Beispiel kann man die Flächen mit ausgebildeten Jagdhunden absuchen. Diese Methode eigne sich besonders bei Wildtieren wie Hasen oder Fasanen, so die Jäger. Bei der Suche nach Rehkitzen hingegen zeige sie nur geringen Erfolg. Ein Grund sei, dass die Kitze kaum Eigengeruch hätten und so von Hunden nicht wahrgenommen werden könnten.

Neben dem Abschreiten der Fläche gebe es auch die Möglichkeit, die Tiere mit einfachen Hilfsmitteln aufzuschrecken. Das Aufstellen von Knistertüten, Flatterbändern oder Duschradios sei kostengünstig und effektiv. Nach Angaben der Landesjägerschaft können ein bis zwei dieser sogenannten Vergrämungsmethoden pro Hektar fast die Hälfte der Wildtiere vertreiben.

Helfen kann auch ein tragbares Infrarotgerät, das beispielsweise Rehkitze anhand ihrer höheren Wärmestrahlung im Vergleich zur Umgebung ausfindig macht. Der Einsatz solcher Geräte funktioniert nach Meinung von Experten allerdings eher auf kleinen Flächen, da diese zu Fuß abgesucht werden müssen.

Letzte Rettungsversuche während der Mahd

Sehr gute Erfahrungen gebe es während der Mahd mit sogenannten akustischen Wildrettern, die am Mähwerk montiert werden, sagt Johann Högemann, Obmann für Naturschutz der Jägerschaft Lingen. Mit einer Frequenz von rund 110 Dezibel, vergleichbar dem Geräusch einer Kreissäge, wird das Wild aufgescheucht und von der zu mähenden Fläche vertrieben. Im Landkreis Emsland könnten so zwischen 50 und 70 Prozent Flug- und Rehwild sowie Hasen vor dem Tod gerettet werden, so Högemann. Beim Rehwild wirke diese Maßnahme allerdings nur bei älteren Tieren, die ihrer Mutter schon folgen können. Eine der wichtigsten Methoden sei das Mähen von innen nach außen, so die Empfehlung der Landesjägerschaft. Die Wildtiere könnten so fliehen und trotzdem in Deckung bleiben. Dieses Verfahren sei nachgewiesenermaßen weder zeit- noch kostenintensiver. Weiter sollte gerade in Gebieten mit einer hohen Wilddichte die Mähgeschwindigkeit angepasst, also langsamer gefahren werden. Und vor allem rät die Jägerschaft, nicht bei Dunkelheit zu mähen. Helles Scheinwerferlicht löse kein Fluchtverhalten aus, sonder bewirke eher das Gegenteil. Die Tiere würden sich instinktiv verstecken und dazu tief in das Gras drücken.

Der Mix macht's

Vor dem Hintergrund, dass die Flächen immer größer, die Maschinen immer schneller, die Mähbreiten immer ausufernder werden, erscheint die Herausforderung, Wildtiere zu retten, immens. Jede der Methoden hat Vor- und Nachteile, abhängig von den jeweiligen Rahmenbedingungen und der Tierart. Letztendlich sei wohl ein Mix aus verschiedenen Methoden das Beste, so Johann Högemann. Auch der Naturschutzbund (NABU) und das Landvolk Niedersachsen empfehlen die vorgestellten Maßnahmen zur Vermeidung unnötiger Wildtieropfer durch die Mahd.

Kommunikation zwischen Landwirt und Jäger notwendig

Zudem weisen Landvolk, Jägerschaft und Naturschutzbund unisono darauf hin, dass die Wildtierrettung beginnen müsse, bevor die Mähmaschine kommt. Dazu sollten Absprachen zwischen Landwirten und Jägern frühzeitig vor dem Mahdtermin erfolgen. In seinem Revier in Echem funktioniere das gut, sagt Jagdpächter Stefan Switalla. Ihm seien aber auch andere Fälle bekannt: "In der Kommunikation untereinander gibt es schon noch Nachholbedarf." Vor allem appelliert Switalla an die Industrie und die Politik, sich stärker für die Entwicklung zuverlässiger Rettungssysteme einzusetzen: Bei der heutigen technischen Entwicklung müsse es doch Möglichkeiten geben, Rettungssysteme auf den Markt zu bringen, die den qualvollen Tod der Wildtiere verhindern. Auf Nachfrage von NDR.de beim Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium erklärt ein Sprecher, dass derzeit keine Projekte zur Verbesserung der Mähtechnik durchgeführt oder gefördert werden.

Landvolk: Absprachen nicht immer möglich

Unabhängig davon, dass alle Beteiligten ihren Willen zur Rettung der Tiere betonen, weist die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz auch auf die rechtliche Verpflichtung zum Schutz der Tiere hin. So stelle schon die billigende Inkaufnahme der Möglichkeit des Tötens von Wirbeltieren ohne ersichtlichen Grund eine Straftat nach Paragraf 17 Absatz 1 Tierschutzgesetz dar. Die Sprecherin des Niedersächsischen Landvolks, Gabi von der Brelie, verweist aber auch auf die Schwierigkeit der Umsetzung. So sei es beispielsweise allein aufgrund der unbeständigen Wetterbedingungen nicht immer möglich, die Mahdtermine frühzeitig abzusprechen. Letztendlich, so von der Brelie, stehe jeder einzelne Landwirt in der Verantwortung, entsprechende Maßnahmen zum Schutz der Tiere zu veranlassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 01.06.2017 | 17:00 Uhr

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