Stand: 25.09.2015 21:02 Uhr

Handeloh: Gehörten Heilpraktiker Sekte an?

von Ann-Kristin Mennen
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Rettungskräfte mussten in Handeloh krampfende Menschen mit Herzrasen und Luftnot versorgen. (Archiv)

Der Massenrausch während eines Heilpraktikertreffens in Handeloh (Landkreis Harburg) vor etwa drei Wochen ist vermutlich die Folge eines therapeutischen Drogenexperiments, möglicherweise sogar mit Sekten-Hintergrund. Die Organisatoren der Veranstaltung, eine Heilpraktikerin und ein Psychologe aus dem Raum Aachen, sollen der sogenannten Psycholyse-Bewegung nahestehen. Das hält auch der Religionspsychologe Michael Utsch von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche für wahrscheinlich. "Aus gut unterrichteten Kreisen wurde mir zugetragen, dass der Seminarleiter ein deutscher Psychologe ist, der auch bei dem Psycholyse-Therapeuten Samuel Widmer ausgebildet wurde." Widmer, ein Schweizer Arzt und Psychiater, arbeite schon lange mit bewusstseinserweiternden Drogen. "Widmer selbst versteht sich als eine Art erleuchtete Person, die Menschen in ein besseres Leben führen kann", sagt Utsch NDR.de. Anhänger der Psycholyse-Bewegung wollen mit Drogen ekstatische Erfahrungen und eine Art Bewusstseinserweiterung erleben.

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Lebensbedrohliche Drogenexperimente

Anfang September hatten sich 29 Seminarteilnehmer, überwiegend Heilpraktiker und einige Ärzte, in dem Tagungszentrum "Tanzheimat Inzmühlen"  südlich von Hamburg zum Teil auf dem Boden gewälzt, sie hatten Krämpfe, Luftnot und Herzrasen sowie schwerste Psychosen. Mehr als 160 Rettungskräfte waren im Einsatz. Einige der Teilnehmer schwebten kurzfristig in Lebensgefahr. Bei solchen Drogenexperimenten komme es immer wieder zu lebensbedrohlichen Situationen aufgrund von falschen Dosierungen, weiß Utsch. So waren im März 2009 zwei Teilnehmer einer solchen Sitzung in Berlin gestorben. Der Arzt, der das Seminar damals geleitet hat, sei ebenfalls bei Widmer ausgebildet worden und habe, weil er selbst unter Drogen stand, die Dosis falsch gesetzt, sagt Utsch. Die Experimente können außerdem Depressionen, Hirnschäden, Krampfanfälle oder Herzrasen auslösen. Die Wirkung kann sich bei einer Kombination verschiedener Mittel noch verstärken.

Was ist Psycholyse?

Sie nehmen Drogen und wollen so ihr Bewusstsein erweitern: Anhänger der sogenannten Psycholyse glauben, dass mithilfe von verschiedenen Psychedelika wie LSD und Psilocybin ein Zugang zu verdrängten Gefühlen und Erlebniswelten geschaffen werden kann. In Deutschland ist die "psycholytische Therapie" von den Kassen nicht zugelassen.

Dennoch hat es in Deutschland von den 60er-Jahren bis zum Jahr 2000 auch seriöse Psycholyse-Forschung gegeben. Und auch heute forschen Mediziner, vor allem in den USA, zu der therapeutischen Wirkung von halluzinogenen Drogen wie zum Beispiel Psilocybin oder MDMA.
In aktuellen Studien haben die Substanzen - unter ärztlicher Betreuung im Rahmen einer Psychotherapie eingesetzt - beeindruckende Erfolge gezeigt, etwa bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen oder bei existenziellen Ängsten zum Beispiel während der Sterbebegleitung.
Die Psycholyse-Forschung arbeitet an der Zulassung der Substanzen für therapeutische Zwecke und grenzt sich bewusst von der sogenannten Kirschblütengemeinschaft um den Schweizer Psychiater Samuel Widmer ab.

"Wildwuchs" unter Heilpraktikern

Bereits in der vergangenen Woche hatte der Schweizer "Tagesanzeiger" berichtet, dass der Organisator ein enger Vertrauter des Schweizer Psycholyse-Therapeuten Samuel Widmer ist. Er leitet in der Schweiz die sogenannte Kirschblütengemeinschaft, die von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche als "problematisch" eingestuft wird, Kritiker sprechen sogar von einer Sekte. Auch in Deutschland gebe es vor allem in der Heilpraktiker-Szene viel "Wildwuchs" und "Experimentierfreude", warnt Utsch. "Die Sehnsucht der Menschen nach ekstatischen Erfahrungen ist hoch, deshalb muss hier noch besser reguliert werden."

Ergebnisse der Blutproben stehen noch immer aus

Die Geschäftsführerin des Tagungszentrums in Handeloh hat sich unterdessen von den Veranstaltern des Seminars distanziert. Mit Esoterik habe man in Inzmühlen nichts zu tun, sagte sie. Beim Verband deutscher Heilpraktiker möchte man sich nicht mehr zu den Vorfällen äußern, solange die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft andauern, heißt es auf NDR Anfrage. Wann diese abgeschlossen sind, ist allerdings weiterhin völlig unklar. Denn noch immer liegen der Polizei in Harburg nicht alle Ergebnisse der 29 Blutproben aus der Gerichtsmedizin vor. Ob ein Zusammenhang besteht zwischen der Schweizer Psycholyse-Szene und den Vorfällen in Handeloh, dazu will sich Polizeisprecher Lars Nickelsen mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Laut Staatsanwaltschaft in Stade aber sind die Hintergründe der Tat für die Ermittler derzeit eher zweitrangig. "Uns geht es jetzt vor allem um die Fragen, ob illegale Drogen genommen worden sind und wer diese verabreicht hat", sagt Sprecher Kai Thomas Breas.

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