Stand: 16.03.2016 21:37 Uhr

Flüchtlinge drehen Film über Frauen auf der Flucht

von Ina Kast

"Dieses Bild geht mir nicht aus dem Kopf", sagt Almas mit bedächtiger Stimme. "Ich habe meinen Sohn tot in den Armen seines Vaters gesehen." Dann beginnt sie zu weinen. Die Syrerin ist eine von vielen Frauen im Camp Bad Fallingbostel, die wegen des Krieges ihre Heimat verlassen musste und nun in Deutschland ein Leben in Sicherheit beginnen will. Der Film "Stimmen der Flucht" gewährt tiefe Einblicke in das Seelenleben und den Alltag der weiblichen Asylbewerber. Die Protagonistinnen stammen aus dem Irak, dem Iran, Afghanistan und Syrien. In den knapp 40 Filmminuten erzählen sie in Interviewsequenzen ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Erinnerungen an das Leben vor dem Krieg, berichten aber auch vom Leid, das sie auf der Flucht nach Deutschland gesehen haben. "Ich sah eine tote Frau auf dem Boden, die ihren Sohn im Arm hatte. Sie waren beide erfroren", erzählt eine von ihnen.

40 Minuten über Flucht, Leid und Hoffnung

Filmemacher waren selber Flüchtlinge

Bei der Auswahl der Interviewten war es den beiden Filmemachern wichtig, sowohl junge als auch ältere Frauen zu befragen. Jeder Frau sollte Raum gegeben werden, um über ihre Sorgen, Ängste und Hoffnungen zu besprechen. So erzählt die 22-jährige Jala, dass ein Flüchtling keine täglichen Ziele und Aufgaben hat. Deshalb habe sie sich dazu entschieden, im Medical Centre mitzuarbeiten. Andere helfen in der Kleiderkammer als Dolmetscherin aus. Einige wurden für den Film auch im Deutschunterricht begleitet. Die beiden Männer hinter der Kamera sind erst vor einem halben Jahr selbst als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen: Regisseur Mohammad Makkieh (28) und Kameramann Hussein Alhamad (33) wohnen mittlerweile in einer Wohngemeinschaft in Bad Fallingbostel. Zuvor lebten sie selbst drei Monate in der Notunterkunft. Für die Filmarbeiten sind sie ins Camp zurückgekehrt. "Das war schon ein komisches Gefühl", sagt Mohammad. "Teilweise musste ich mir die Tränen aus dem Gesicht wischen, wenn uns die Frauen ihre Geschichte vor der Kamera erzählt haben", sagt Hussein.

"Frauen auf der Flucht sind besonders tapfer"

Es sei ein großer Vorteil gewesen, dass sie wissen und nachempfinden konnten, was die Frauen auf ihrer Flucht erlebt haben, sagen sie. Und dennoch würden Frauen anders fühlen als Männer und seien reflektierter, glaubt Mohammad. Und sein Cousin Hussein ergänzt: "Als ich auf der Flucht gesehen habe, wie stark und tapfer die Frauen auf der gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer waren, da habe ich sie bewundert und dachte, ich muss das jetzt auch aushalten." Der Film entstand während eines sechswöchigen Praktikums im Rahmen einer bundesweiten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Flüchtlinge. Journalistin Antje Diller-Wolff bot den beiden Syrern an, das Praktikum in ihrer Produktionsfirma zu absolvieren. Mit dem Ergebnis ist sie sehr zufrieden. "Ich muss schon sagen, dass der Film auch ein halber Imagefilm für Bad Fallingbostel geworden ist", sagt Diller-Wolff. Sie spielt damit auf die Landschafts- und Zeitrafferaufnahmen rund um das Camp in Bad Fallingbostel an.

Ein Trio beim Filmen.

Syrer zeigen Reportage über Flüchtlingsfrauen

Hallo Niedersachsen -

In ihrem Film beleuchten zwei syrische Flüchtlinge die Situation der Frauen im Camp Bad Fallingbostel. Sie geben Einblicke ins Seelenleben und den Alltag weiblicher Flüchtlinge.

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Layali hat eine Botschaft an "die Deutschen"

Die Interviewsequenzen mit den Asylbewerberinnen werden immer wieder unterbrochen durch diese Bilder aus der Natur. Ein Sprechertext sei bei dem Film nicht notwendig gewesen, so Diller-Wolff. Die Geschichten der Frauen im Camp entfalten ihre Wirkung unkommentiert am stärksten. Da die Frauen größtenteils Arabisch sprechen, arbeitet der Film mit deutschen Untertiteln. Diller-Wolff war erstaunt, wie viele Frauen sich bereit erklärten, ihre Geschichte vor der Kamera zu erzählen. So musste auch die 53-jährige Layali nicht lange nachdenken, ob sie im Film mitwirken möchte. "Mir war es wichtig, dass die Stimme der Frauen, die nach Deutschland gekommen sind, gehört wird", sagt sie. Layali hofft, dass sich der Blick auf die Flüchtlinge bei vielen Deutschen ändert. "Wir sind nicht gekommen, um hier Geld zu kassieren, sondern um uns hier in Sicherheit eine neue Zukunft aufzubauen", erklärt sie. In Syrien arbeite Layali in einer Bibliothek, las Bücher von Nietzsche und Schopenhauer. Nun hofft sie auch in Deutschland Arbeit zu finden - wie viele ihrer Landsfrauen. "Ich als arabische Frau möchte euch ganz klar sagen: Die arabische Frau ist berufstätig, sie ist Lehrerin, Ärztin oder Architektin." Doch neben dem Wunsch nach Arbeit wird eines im Film auch deutlich: Für die portraitierten Flüchtlingsfrauen ist die eigene Familie das Ein und Alles.

Mohammad und Hussein sind nun auf dem Deutschen Arbeitsmarkt

"In der Kürze liegt die Würze", sagt Mohammad grinsend bei der Filmpräsentation. Die Dreharbeiten dauerten zwar nur drei Wochen, doch er sei mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Morgen ist bereits der letzte Tag des Praktikums. Es folgen noch zwei Wochen Unterricht und Bewerbungstraining an der Volkshochschule in Bad Fallingbostel, in denen Mohammad und Hussein auf das Berufsleben in Deutschland vorbereitet werden. Antje Diller-Wolff hofft, dass die beiden eine Anstellung finden werden. "Ich kann nur wärmstens empfehlen, die beiden einzustellen. Sie haben ihr Handwerk gelernt und sind nebenbei auch noch pünktlich, zuverlässig und unglaublich charmant!" Geht es nach Hussein, dann möchte er schon sehr bald einen zweiten Film drehen. "Dann wird es um deutsche Frauen und ihre Ehemänner gehen", sagt er mit einem Augenzwinkern. Zunächst will er mit seinem Cousin nun aber die deutsche Sprache lernen.

Weitere Informationen
Link

"Stimmen der Flucht - Die Frauen im Camp"

"unternehmerinnen.tv" schreibt: "Selten war ein Projekt so intensiv und emotional wie dieses." Den Film von Hussein Alhamad und Mohammad Makkieh können Sie sich hier anschauen. extern

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