Stand: 21.02.2016 10:16 Uhr

Mit Gummi gegen "Kurti": Wer vergrämt den Wolf?

von Ulrike Kressel

Wie geht es weiter mit dem verhaltensauffälligen Munsteraner Wolf, der in sozialen Netzwerken liebevoll "Kurti" genannt wird? Drohen ihm, der seit seiner Besenderung bei den Behörden ganz nüchtern unter dem Namen MT 06 gelistet ist, Abschuss oder Vergrämung? Um Antworten zu finden und dem Umweltministerium in Hannover eine Empfehlung auszusprechen, ist am Sonnabend der niedersächsische Arbeitskreis Wolf zu einer Krisensitzung zusammengekommen. Eingeladen hatte Frank Faß, Vorsitzender des Arbeitskreises und Leiter des Wolfcenter Dörverden im Landkreis Verden. Dem Arbeitskreis gehören unter anderem Jäger, Förster, Naturschützer, Nutztierhalter und Wolfsberater an. Mit dabei waren auch Vertreter aus dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, sowie Almut Kottwitz (Grüne), Staatssekretärin im niedersächsischen Umweltministerium. In der Sitzung bezog der Arbeitskreis klar Stellung: Der Wolf müsse am Leben bleiben. Erst müsse versucht werden, den Wolf zu vergrämen.

Dem Wolf Grenzen aufzeigen

Noch am Donnerstag hatte Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) erstmals einen möglichen Abschuss des Tieres ins Gespräch gebracht. Die niedersächsische Landesjägerschaft erklärte daraufhin, sie werde sich an einem Abschuss nicht beteiligen - weil der Wolf nicht dem Jagdrecht, sondern dem Naturschutzrecht unterliege, so die Jäger. Auch für den Arbeitskreis kommt eine solche Entnahme nicht infrage - zunächst. Das Tier soll erst einmal durch den Einsatz von Gummigeschossen vergrämt werden, erklärt Faß. Dadurch solle dem Tier klargemacht werden: "Menschen zu nahe zu kommen, ist gefährlich." Bevor also das letzte Mittel, ein möglicher Abschuss des Wolfes, in Betracht gezogen werde, müsse versucht werden, dem Wolf so Grenzen aufzuzeigen. Der Arbeitskreis hat auch noch einmal deutlich gemacht, dass allein aus artenschutzrechtlichen Gründen zum jetzigen Zeitpunkt kein Abschuss des Wolfes angeordnet werden könne. Das ist ihm zufolge nur zu vertreten, wenn alle anderen Maßnahmen vorher gescheitert sind. Zumal auch bislang keine offensichtliche Gefahr für Menschen bestanden habe. Der Wolf habe sich bislang zu keiner Zeit dem Menschen gegenüber aggressiv verhalten. Dennoch sei Eile geboten, erklärte Faß. In den kommenden Tagen solle geprüft werden, welche behördlichen Genehmigungen für eine Vergrämungs-Aktion notwendig seien.

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Wolfsberater: Ministerium zu lange untätig geblieben

Klaus Bullerjahn, Wolfsberater aus dem Landkreis Uelzen, sieht die Zuständigkeit für eine Lösung des Problems mit dem Wolf auf Seiten des Umweltministeriums. Seit der Besenderung zweier Tiere aus dem Munsteraner Rudel habe das Ministerium es versäumt, erforderliche Maßnahmen für eine mögliche Vergrämung auf den Weg zu bringen. Es sei nichts passiert, so Bullerjahn. Nun hofft er, dass der Druck auf das Umweltministerium so groß ist, dass umgehend gehandelt werde.

Vergrämung: hohe Kunst und Novum

Trotz seiner Kritik an Wenzels Ministerium, machte der Wolfsberater bei der Sitzung auch deutlich, dass eine Vergrämung nicht von heute auf morgen durchzuführen sei. Bevor mit Gummimunition auf das Tier geschossen werden dürfe, müsse ein sogenannter Tierversuchsantrag gestellt werden. Dabei handelt es sich um eine behördliche Genehmigung, die es erlaubt, einem Wildtier Schmerzen oder Verletzungen zuzuführen. Zudem müsse vorher geklärt werden, wie die Vergrämung an sich überhaupt durchgeführt werde. "Es ist naiv zu glauben, dass wenn ich einem Wolf mit einem Gewehr hinterherlaufe, um ihn mit irgendetwas zu beschießen, der Wolf daraus eine Lehre zieht." Eigentlich müsse man den Wolf dazu bringen, sich neugierig einem Menschen anzunähern, um ihn dann eine negative Erfahrung machen zu lassen, erklärt Bullerjahn eine mögliche Vorgehensweise. "Und das nicht nur einmal, sondern möglichst aus unterschiedlichen Situationen heraus."

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Wer hat genug Erfahrung?

Bei dem Treffen in Hannover war man sich einig: Experten aus Niedersachsen müssten sich um eine solche Vergrämung kümmern. Doch die gibt es noch nicht. Erfahrung mit dem gezielten Verscheuchen von Wölfen hat niemand im Land. Wieder ein Versäumnis des Umweltministeriums, sagt Wolfsberater Bullerjahn. Bereits vor einem halben Jahr hatte Staatssekretärin Kottwitz angekündigt, eine sogenannte schnelle Eingreiftruppe zu benennen, auszubilden und mit dem nötigen Equipment auszurüsten. Passiert sei wieder nichts, so Bullerjahn.

Chronologie: Der Wolf in Niedersachsen (ab 2015)

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