Stand: 27.04.2017 08:33 Uhr

Ein Jahr nach "Kurtis" Tod: Aufruhr im Wolfsland

von Ulrike Kressel

Es ist der Abend des 27. April 2016: Ein Scharfschütze der Polizei erschießt im Heidekreis den jungen Wolfsrüden MT6 alias "Kurti". Das Tier aus dem Munsteraner Rudel soll sich Menschen wiederholt bis auf wenige Meter genähert haben. Ein Verhalten, das für das niedersächsische Umweltministerium nicht zu verantworten war. Deshalb der Tötungsbefehl - ein Präzedenzfall im Umgang mit Wölfen in Niedersachsen, in ganz Deutschland. Doch das Vertrauen der Öffentlichkeit in ein funktionierendes Wolfsmanagement konnte das Umweltministerium offenbar nicht gewinnen. Die Diskussion um den Wolf scheint aufgeregter denn je.

Chronologie: Der Wolf in Niedersachsen (ab 2015)

Der Wolf im politischen Fadenkreuz

Kommt das Thema Wolf auf den Tisch, ist Streit programmiert, sowohl im Niedersächsischen Landtag als auch auf lokaler Ebene. So will die CDU im Landtag eine Obergrenze für Wölfe durchsetzen. In einem "Sieben-Punkte-Plan" fordert die Fraktion zum Beispiel, dass abwandernde Jungwölfe und Einzelgänger ungeachtet der aktuellen Rechtslage bejagt, also getötet werden dürfen. Ähnlich sieht es die FDP-Fraktion. Deren Sprecher Gero Hocker fordert zudem die Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht.

Brandbrief aus dem Landkreis Uelzen

Auf kommunaler Ebene sind zahlreiche Resolutionen auf den Weg gebracht worden, so auch im Landkreis Uelzen. In einem Brandbrief an die Landesregierung ruft der Uelzener Kreistag das Kabinett auf, mehr zum Schutz der Weidetiere und der Menschen in der Region zu unternehmen. Auch hier fordert die Mehrheit der Politiker, sogenannte Problemwölfe töten zu dürfen.

"Da wird etwas hochgekocht"

Das Engagement einzelner Kommunalpolitiker ging sogar so weit, einen örtlichen Waldkindergarten umsiedeln zu wollen - allerdings ohne vorher mit den Betroffenen selbst Rücksprache gehalten zu haben. Klaudia Growitz, Leiterin der Ebstorfer Kindertagesstätte im Landkreis Uelzen, war "erschrocken": Dass ihr Waldkindergarten auf Antrag der CDU-Fraktion mit sofortiger Wirkung verlegt werden sollte, erfuhr sie aus der örtlichen Presse. "Man hätte mit uns sprechen müssen", sagte sie NDR.de. Growitz, ihre Kolleginnen und die Elternschaft fühlten sich übergangen: "Da wurde etwas über unsere Köpfe hinweg bestimmt, was wir gar nicht wollten." Sie könne verstehen, dass es unterschiedliche Auffassungen zum Thema Wolf gebe, dennoch halte sie die Reaktion der CDU-Fraktion für übertrieben. "Da wird etwas hochgekocht, wir haben keine Angst, im Wald zu sein", betonte Growitz. Weder hätten die Eltern Probleme damit, ihre Kinder weiterhin in den Wald zu schicken, noch hätten Mitarbeiterinnen Angst, die Kinder dort zu betreuen. Der örtliche Wolfsberater habe Eltern und Mitarbeiter des Kindergartens über die augenblickliche Situation aufgeklärt, so Growitz: "Sachlich, ohne Polemik." Mit dem Ergebnis, dass keiner der Beteiligten derzeit Handlungsbedarf sehe.

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Protestaktionen: Schafskadaver und Mahnfeuer

Die Rückkehr der Wölfe veranlasst nicht nur Politiker im Land, sich zu positionieren. Auch Weidetierhalter und verschiedene Interessensverbände zeigen vehement Flagge. Zum Teil mit medienwirksamen Auftritten: Ende vergangenen Jahres kippten Tierhalter vor dem Landtag in Hannover aus Protest tote - vermutlich vom Wolf gerissene - Schafe ab. Sie forderten ein konsequentes Handeln der Landesregierung, mehr finanzielle Unterstützung und den Abschuss von Wölfen, die wiederholt Nutztiere reißen.

Neu in Niedersachsen sind sogenannte Mahnfeuer, mit denen auf die "Wolfsproblematik" aufmerksam gemacht werden soll. So will Organisatorin und Pferdehalterin Maike Schulz-Broers in der Ortschaft Stadorf im Landkreis Uelzen regelmäßig ein Feuer entfachen, um den verantwortlichen Politikern im Land deutlich zu machen: Eine uneingeschränkte Ausbreitung und Vermehrung der Wölfe könne und dürfe es in einer Kulturlandschaft nicht geben. Siedlungen seien Tabuzonen, die notfalls auch durch Abschüsse von Wölfen verteidigt werden müssten, sagt sie. Mittlerweile sei eine Grenze erreicht, die keine weiteren Zugeständnisse erlaube. Jetzt seien die Politiker in der Pflicht, zu handeln.

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Umweltministerkonferenz mit Spannung erwartet

Eine Bejagung von Wölfen verstößt derzeit gegen geltendes Recht. Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene sind Wölfe gleich mehrfach streng geschützt. Erst wenn dieser Schutzstatus kippen würde, dürften Wölfe bejagt werden. Doch dazu müsste der Bestand der Raubtiere so groß sein, dass sich die Art selbst erhalten könnte. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sieht das noch nicht gegeben. Auf der nächsten Umweltministerkonferenz Anfang Mai im brandenburgischen Bad Saarow soll das Ministerium einen Bericht zur aktuellen Wolfspopulation vorlegen.

Tiere schützen können nur die Halter

Experten sind sich derweil jedoch einig, dass die Bejagung von Wölfen keinen Schutz vor Nutztierrissen bedeutet. Den könnten nur die Tierhalter leisten, indem sie ihrer Fürsorgepflicht nachkämen und ihre Tiere ausreichend schützten. Fachleute sind außerdem der Ansicht, dass das Töten von Nutztieren kein auffälliges Verhalten eines Wolfs ist. Hätten Wölfe die Möglichkeit, nicht oder nur unzureichend geschützte Weidetiere zu erbeuten, könne ihnen das nicht zum Vorwurf gemacht werden. Um zu verhindern, dass Wölfe leichte Beute machen, sei ausreichender Herdenschutz unabdingbar, beispielsweise durch wolfssichere Zäune und Herdenschutzhunde. Der Herdenschutz müsse in Niedersachsen flächendeckend umgesetzt werde, sagt auch Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne).

Nutztierrisse leicht gestiegen

Die Auswertung der Riss-Statistik des Wildtiermanagements hat ergeben, dass die Zahl der vom Wolf getöteten Weidetiere 2016 im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen ist. Insgesamt wurden 175 Tiere, meist Schafe, nachweislich durch Wölfe getötet. 2015 waren es 165 Tiere. Im Vergleich zum Jahr 2015 hat sich auch die Zahl der Wölfe in Niedersachsen erhöht. Nach jüngsten Schätzungen des Wolfsbeauftragten der Landesjägerschaft leben in Niedersachsen rund 90 Wölfe.

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Wie auffällig sind Niedersachsens Wölfe tatsächlich?

Nach dem Vorfall mit "Kurti" habe es in Niedersachsen bisher keinen Wolf gegeben, der ein ähnliches auffälliges Verhalten gezeigt habe, so eine Sprecherin des Wolfsbüros beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Dass Niedersachsen aktuell über den Abschuss eines weiteren Wolfes nachdenkt, bestätigte sie so nicht: Mitarbeiter des Wolfsbüros hätten lediglich eine Meldung über einen Wolf verfolgt, der sich im Heidekreis einem langsam fahrenden, dann stehenden Auto genähert haben soll. Die Experten könnten allerdings anhand dieser einzigen Meldung keine Aussage über ein Verhaltensmuster machen, hieß es. Bei der Bewertung von Begegnungen zwischen Wolf und Mensch stimme sich das Wolfsbüro mit der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf (DBBW) ab.

Neue Wege im Wolfsmanagement

Ein Jahr nach dem Abschuss des Wolfs "Kurti" fordern Umweltverbände wie der NABU und der International Fund for Animal Welfare (IFAW) mehr Transparenz und eine bessere Vernetzung im sogenannten Wolfsmonitoring von Bund und Ländern. Als dringlichste Aufgabe sehen die Verbände mehr Engagement bei der Prävention: Die Bevölkerung müsse besser aufgeklärt werden, um unerwünschte Verhaltensentwicklungen bei Wölfen zu vermeiden. So gehen Experten davon aus, dass "Kurti" angefüttert wurde und sich deshalb Menschen gegenüber wenig scheu zeigte. Einen Bedarf an Aufklärung und Information sieht offenbar auch Umweltminister Wenzel. Er hat angekündigt, das Wolfsmanagement in Niedersachsen zu verbessern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 27.04.2017 | 07:30 Uhr

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