Stand: 02.12.2015 14:41 Uhr

Dorf mit Vision: Dinkel statt Gas in Bohlsen

von Andreas Rabe

"Wir können hier alle autark leben", sagt Jürgen Winter. Er ist Vorsitzender der Genossenschaft Bürgerenergie Bohlsen. "Wir können unabhängig sein von Gas und Öl", meint er. Dafür müssten die Bohlsener lediglich Getreidehülsen verbrennen und einen Kreislauf über Wärmetauscher in Gang bringen. Eine große Vision, aber Winter und die Betreiber der Bohlsener Mühle sind überzeugt, dass die Mühle genug Dinkelschalen - sogenannte Spelzen - abwirft, damit alle 170 Haushalte von Bohlsen im Landkreis Uelzen zum Beispiel mit heißem Wasser versorgt werden könnten.

Bohlsener Mühle macht Dinkelabfall zu Brennstoff

Jeden Monat 100 Tonnen Dinkelabfall

Seit 2012 hat sich die Menge des verarbeiteten Dinkels an der Bohlsener Mühle verdoppelt. "Wegen des Bio-Trends steigt die Nachfrage nach Dinkel unaufhörlich", sagt Anette Makus von der Bohlsener Mühle. Noch vor drei Jahren musste das Unternehmen jeden Monat 3.000 Euro für die Entsorgung der Dinkelschalen zahlen. Heute produziert die Mühle jeden Monat 100 Tonnen Spelzen. "Und das ist kein Abfall, sondern ein Rohstoff", sagt Makus. Seit drei Jahren betreibt die Mühle eine Presse. Mit der ließen sich die Getreidehülsen zu Pellets verarbeiten. Und die wiederum könnten in die Verbrennung.

Bohlsener Mühle für nachhaltiges Konzept ausgezeichnet

Anstatt Geld für die Entsorgung zu zahlen, ließe sich aus den Dinkelresten also ein Geschäft machen. Es gehe der Mühle aber nicht um Profit, betont Makus. Viel mehr würde mit dem Kreislauf der Verbrennung die Philosophie der Nachhaltigkeit im Unternehmen weitergeführt. Seit 1979 verarbeitet die Bohlsener Mühle überwiegend regionales Bio-Getreide. Für seinen Ansatz wurde das Unternehmen in der vergangenen Woche mit dem deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. "Wir verstehen Bio ganzheitlich, quasi als Synonym für Nachhaltigkeit", sagt Makus. Auch deshalb will die Mühle die Kooperation mit dem Dorf.

Stev Matthiesen präsentiert Getreidehülsen und Pellets in einem Labor in der Mühle. © NDR Fotograf: Andreas Rabe

Vom Korn zum Pellet: Die Mühle im Einsatz

Aus der Not eine Tugend machen: Müller Stev Matthiessen erklärt, wie die Bohlsener Mühle aus 100 Tonnen Dinkelabfall im Monat, Pellets zur Verbrennung mit einer Presse herstellt.

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90 Haushalte müssten in Genossenschaft eintreten

Für die Anwohner soll es heißes Wasser geben, die Bohlsener Mühle selbst will mit den Pellets künftig ihre neue Bäckerei beheizen. Sollten sich genügend Haushalte anschließen, könnten der Ort und die Mühle mehr als 1.000 Tonnen Kohlendioxid im Jahr einsparen, meint Makus. Noch aber steht das Genossenschafts-Projekt auf wackeligen Füßen, denn 90 Haushalte müssten mitmachen. "Die Technik steht quasi bereit, es ist alles berechnet", sagt Winter. Für 600 Euro jährliche Grundgebühr gäbe es die Kilowattstunde für 5,5 Cent. "Bei modernen, gut sanierten Häusern, können wir nicht mithalten. Aber für viele der alten Bauernhäuser hier im Ort wäre das ein gutes Geschäft."

Irgendwann muss die Entscheidung fallen

Zu Spitzenzeiten, etwa wenn am Morgen viele die Dusche aufdrehen, soll eine Biogas-Anlage gleichmäßige Wärme garantieren und Gas zuliefern. Und auch für den schlimmsten anzunehmenden Fall - die Bohlsener Mühle geht pleite oder beendet die Dinkelproduktion - hat die Genossenschaft der Dorfbewohner einen Plan B: "Wir können die Verbrennung innerhalb kurzer Zeit auf Holzpellets umstellen", sagt Winter. "Das wäre nicht mehr so kostengünstig, aber eine Notlösung, die funktionieren würde", meint er. Ein bislang einmaliges Projekt in der Region - das nun "nur noch" auf den Startschuss wartet. Aber derzeit fehlen noch etwa 20 Haushalte, die das Projekt finanziell sichern. Winter sagt: "Wir planen jetzt seit drei Jahren daran. Bis Ende Dezember heißt es nun hop oder top. Irgendwann muss die Entscheidung fallen."

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