Stand: 14.03.2016 15:36 Uhr

Deichgesetz bringt Hausbesitzer in die Bredouille

von Ina Kast

Kirschbäume und Häuser auf dem Deich - die einzigartige Kulturlandschaft im Alten Land ist nicht ohne Grund Anwärter für das UNESCO-Welterbe: Einzigartig ist der Liebreiz der Dörfer entlang der Flüsse Este und Lühe. Die traditionelle Siedlungsform entstand im 17. Jahrhundert, als Menschen begannen, ihre Häuser auf dem Deich zu errichten. Bis heute lebt im Alten Land ein Viertel der Menschen in Deichhäusern. Doch laut Niedersächsischem Deichgesetz (NDG) ist diese Bebauung illegal. Die Häuser vor, auf und unmittelbar hinter dem Deich haben eine Genehmigung, die widerrufbar ist. Diese Rechtslage bereitet den Bewohnern schon lange Zeit Sorge und hat für sie auch finanzielle Folgen: Banken sehen Schwierigkeiten darin, die Immobilien zu beleihen, weil die Häuser keinen rechtlichen Bestandschutz haben. Die CDU schlägt nun vor, das Deichgesetz zu ändern und hat dazu einen Antrag im Niedersächsischen Landtag eingereicht.

Deichgesetz: Deichschutz versus Tradition

Werden die Häuser auf dem Deich verschwinden?

"Dass es zu so großen rechtlichen Schwierigkeiten kommen könnte, war mir damals überhaupt nicht klar", sagt Volker Weinhard. Er ist 1999 nach Mittelnkirchen im Landkreis Stade auf den Deich gezogen, in eine denkmalgeschützte Reetdachkate. "Meine Frau und ich fanden das viel schöner, als in ein neues Haus zu ziehen", sagt Weinhard. Das Leben auf dem Deich habe einen besonderen Reiz. "Die Lage direkt am Fluss ist einfach traumhaft", schwärmt er. Doch Ende 2011 brannte das Haus bis auf die Grundmauern nieder. Nach aktueller Gesetzeslage war es nicht möglich, das Haus an derselben Stelle wieder zu errichten. "Wir mussten dann ein komplett neues Haus auf dem Grundstück an anderer Stelle bauen", erzählt Weinhard. Das Niedersächsische Deichgesetz schreibt vor, dass jede Nutzung des Deiches nur zum Zweck der Deicherhaltung erlaubt ist. Auch Modernisierungs- oder Umbaumaßnahmen sind somit verboten. "Auf lange Sicht werden wir nach aktueller Gesetzeslage grüne Deiche haben, weil die Häuser mit der Zeit verschwinden werden", glaubt Weinhard.

Umweltministerium sieht keinen Grund für Gesetzesänderung

Den Vorwurf, es sei das politische Ziel, die Dörfer an Lühe und Este zu entsiedeln, weist das von den Grünen geführte Umweltministerium von sich. "Die Bedeutung sicherer Deiche sei gerade für den Schutz des Lebens und Wirtschaftens im Alten Land, also für den Erhalt der bestehenden Siedlungen, hoch", so das Ministerium. Ziel müsse es sein, auf Dauer sicherzustellen, dass sich die Situation für den Küstenschutz in Anerkennung der bestehenden Strukturen langfristig nicht verschlechtert. Laut Ministerium ist das auf Grundlage des geltenden Deichrechts gegeben. Außerdem ließe das NDG in der jetzigen Fassung "ausreichend Spielraum, um zu sachgerechten Entscheidungen in besonders gelagerten Einzelfällen zu kommen". Doch die Bewohner sind auf das Wohlwollen der Politik angewiesen.

Grüne Landtagsabgeordnete hofft auf Lösungen

Grünen-Politikerin Elke Twesten findet dagegen, dass es "kein Dauerzustand sein kann, wenn betroffene Altländer von Sondergenehmigung zu Sondergenehmigung springen müssen." Twesten vertritt den Landkreis Stade und damit auch das Alte Land im Niedersächsischen Landtag. "Wir Abgeordneten in Hannover sind Seismografen unserer Region", sagt sie. Seit sieben Jahren sei sie im Landtag fortlaufend mit der Problematik konfrontiert. "Jetzt ist ein Punkt gekommen, an dem wir wirklich ins Gespräch kommen und Lösungen finden müssen", so Twesten. Im Laufe der Jahre habe sie ein besonderes Bewusstsein für die Situation am Deich bekommen. "Ich würde nicht so vehement und so engagiert für die Hausbesitzer eintreten, wenn ich nicht deren Nöte gespürt hätte."

Politiker sollen sich ein Bild vor Ort machen

Auch wenn ihre Parteifreunde im Umweltministerium bislang keine Zustimmung für eine Änderung des NDG signalisieren, ist sich Twesten sicher, dass sich die Gespräche nun zuspitzen werden und eine Lösung gefunden wird - parteiübergreifend. Hausbesitzer Weinhard wünscht sich, dass die Politik in Hannover ihren Blick "vom Schreibtisch hin zum Alten Land wirft". In diesem Punkt stimmt ihm die grüne Landtagsabgeordnete Twesten zu: "Ich würde mich freuen, wenn schließlich alle Politiker aus Hannover ins Alte Land fahren und sich dort selbst ein Bild davon machen können, wie schön und schützenswert diese einzigartige Kulturlandschaft in Niedersachsen ist."