Stand: 09.09.2014 15:36 Uhr

Clan-Konflikt: Polizei bleibt in Alarmbereitschaft

Nach der Schießerei vor dem Lüneburger Krankenhaus ist die vergangene Nacht ruhig geblieben. Die Polizei ist aber weiterhin vor dem Klinikgebäude präsent und in Alarmbereitschaft. Vier Männer einer der Familien liegen nach einer Prügelei am Freitag und einer Schießerei am Sonnabend noch im Krankenhaus. "Es ist nicht auszuschließen, dass die beteiligten Familien den Streit noch nicht beendet haben", sagte eine Polizeisprecherin. Hintergrund der blutigen Auseinandersetzung ist offenbar eine Familienfehde zwischen zwei rivalisierenden kurdischen Clans. Daran war auch ein angehender Polizist aus Schleswig-Holstein beteiligt, wie der Lüneburger Polizeidirektor Hans-Jürgen Felgentreu gegenüber NDR.de bestätigte. Ihm zufolge gehört der Polizei-Anwärter zu einer der beteiligten Familien. Der 31-Jährige war nach dem Streit zwischen den beiden Clans am Sonnabend vorübergehend festgenommen worden. Er wurde wieder freigelassen, weil er nicht auf die Opfer geschossen haben soll.

Suche nach 33-jährigem Tatverdächtigen läuft

Die Polizei hat inzwischen eine mehr als zehnköpfige Ermittlungsgruppe eingerichtet, die bei der Suche nach einem weiteren Tatverdächtigen helfen soll. Der 33-Jährige soll auf der Flucht sein. Auch die Tatwaffe, mit der drei der Männer durch gezielte Schüsse verletzt wurden, konnte bisher nicht gefunden werden. Bereitschaftspolizisten suchten am Montag im Lüneburger Stadtgebiet nach Angehörigen der beteiligten Familien.

Oberbürgermeister Mädge entsetzt über Justiz

Bis vor zwei Jahren gab es wegen der Konflikte zwischen den Clans eine Sonderkommission (Soko) in Lüneburg. Eine von Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) geforderte Reaktivierung mache nach zwei Jahren aber keinen Sinn, sagte Felgentreu. Die Ermittlungsgruppe werde aber auf das Personal und die Erkenntnisse der vor zwei Jahren aufgelösten Sonderkommission zurückgreifen, so Felgentreu. Die Soko sei damals aufgelöst worden, weil die Ermittlungen gegen die Familien zu keinem Ergebnis geführt hatten. Die Polizei verdächtigt die kurdischen Clans, zum Teil seit Jahren an kriminellen Geschäften beteiligt zu sein. Oberbürgermeister Mädge bezeichnete die Auflösung der Sonderkommission als "den größten Fehler". Mit Fassungslosigkeit reagierte er auf die Freilassung eines Tatverdächtigen nach der Schießerei. Staatsanwaltschaft und Gerichte müssten in diesem Fall ihrGewaltmonopol mit aller Härte einsetzen.

Ehrverletzungen werden mit Waffen beantwortet

Beim niedersächsischen Landeskriminalamt (LKA) erklärt man sich solche Auseinandersetzungen wie in Lüneburg mit dem kulturellen Hintergrund der Clans, die patriarchalisch geprägt seien. Ein Angriff auf ein Mitglied einer Familie werde als Angriff auf den gesamten großfamiliären Haushalt verstanden, erklärte LKA-Sprecher Frank Federau. Ehrverletzungen müssten demnach "gerächt" werden - auch mit Handfeuerwaffen und Messern. Bei mindestens einer der beteiligten Familien handelt es sich um Mhallamiye-Kurden. In Niedersachsen leben mehr als 2.000 Angehörige dieser ethnischen Minderheit. Diese könne und wolle man nicht stigmatisieren, sagte Federau. Es gebe aber zahlreiche Familienclans, die mit Drogen handelten und für ihre hohe Gewaltbereitschaft bekannt seien. Große Teile der Mhallamiye-Kurden würden das deutsche Rechtssystem nicht anerkennen, so der LKA-Sprecher.

"Gezielter Anschlag" vor Klinikum

Die jüngste Auseinandersetzung zwischen den beiden Familien-Clans hatte bereits am Freitag in einem Lüneburger Fitness-Studio begonnen. Mit Fäusten und zerbrochenen Glasflaschen gingen die Mitglieder der Clans aufeinander los. Dabei wurden ein 26 und ein 28 Jahre alter Mann schwer verletzt und zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht. Vor der Klinik eskalierte die Fehde dann am Sonnabend. Hier schossen Angehörige der einen Familie auf die Mitglieder des rivalisierenden Clans. Drei Männer im Alter von 27, 32 und 51 Jahren wurden durch die Schüsse an Oberschenkel und Hüfte schwer verletzt. Die Einsatzleitung der Polizei sprach von einem "gezielten Anschlag". Warum die Auseinandersetzung derart eskalierte, ist laut Polizei noch unklar. In der jüngeren Vergangenheit sei es zwischen den Familien nur zu verbalen Auseinandersetzungen und kleineren Prügeleien gekommen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 08.09.2014 | 08:00 Uhr