Stand: 02.06.2015 17:21 Uhr

Auschwitz-Prozess wird erneut unterbrochen

Bild vergrößern
Am Mittwoch wird es keinen Auschwitz-Prozesstag geben. Der Angeklagte Gröning ist nicht vernehmungsfähig, heißt es.

Schon wieder muss der Auschwitz-Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning am Lüneburger Landgericht unterbrochen werden. Nach der Verhandlung am Dienstag sollte das Verfahren eigentlich am Mittwoch fortgesetzt werden - nun ist der nächste Prozesstag erst für die kommende Woche geplant. Der Grund dafür: Ein medizinischer Sachverständiger hat erneut die Vernehmungsunfähigkeit des 93 Jahre alten Angeklagten festgestellt. Zuvor hatte sich Angela Orosz-Richt vor Gericht geäußert. Sie wurde am 21. Dezember 1944 im Vernichtungslager geboren, unter den widrigsten Umständen.

Zeugin spricht Gröning direkt an

Immer wieder wendete sich die heute 70-Jährige direkt an Gröning, der sich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen verantworten muss. "Ich wog nur ein Kilogramm", erzählte Orosz-Richt. "Wir weinen immer noch über die, die Sie von uns genommen haben, Herr Gröning", sagte sie im Gericht. "Wie kann ich je vergeben?" Die Zeugin verlor bis auf ihre Mutter ihre komplette Familie in Auschwitz.

Bild vergrößern
Wer trägt die Verantwortung an den Morden im KZ? "Solche wie Sie, Herr Gröning", sagt Zeugin Angela Orosz-Richt vor Gericht.
"Er wurde durch Erschöpfung ermordet"

Vor dem Landgericht schilderte Angela Orosz-Richt den Leidensweg ihrer Mutter und des Vaters, den sie nie kennengelernt hat. Ihr Vater habe die unmenschlichen Bedingungen nicht überlebt, sagte Orosz-Richt. "Er wurde durch Erschöpfung ermordet." Sie wolle einen anklagenden Finger auf diejenigen richten, die verantwortlich gewesen seien und profitiert hätten: "Solche wie Sie, Herr Gröning." Immer wieder sprach sie den Angeklagten direkt an. An diesem Dienstag wäre der Geburtstag ihres Vaters. "Herr Gröning, ich kann nicht zum Grab meines Vaters gehen und ein Gebet sprechen, weil er keines hat." Seine Asche sei irgendwo in Auschwitz verstreut.

Experimente an der schwangeren Mutter

Angela Orosz-Richt berichtete vor dem Landgericht außerdem erschütternde Details über Versuche des Lagerarztes Josef Mengele. An ihrer mit ihr im siebten Monat schwangeren Mutter habe Mengele Sterilisierungsexperimente vorgenommen, so Orosz-Richt. Immer wieder seien ihrer Mutter brennende Substanzen injiziert worden. "Direkt dahinter war der Fötus, das war ich", sagte die 70-Jährige. "Diese Experimente sind der Grund dafür, dass ich keine Brüder oder Schwestern habe." Für Angela Orosz-Richt ist es jedes Mal sehr schmerzlich, wenn sie ihren Geburtsort eintragen muss: "Können Sie sich vorstellen, Sie müssen dort Auschwitz hinschreiben?"

Zwei Stunden nach der Geburt zum Zählappell

Die Zeugin war mit ihrem Enkel aus Montreal nach Lüneburg gekommen. Im kanadischen Fernsehen hatte sie kürzlich berichtet, bereits zwei Stunden nach der heimlichen Geburt habe ihre Mutter barfuß durch den Schnee zum Zählappell gehen müssen. "Wenn sie sich nicht hätte zählen lassen, wäre das das Ende der Geschichte für sie und für mich gewesen." Der Mutter von Angela Orosz-Richt gelang es, ihr Baby bis zur Befreiung einige Wochen lang vor den Nazis zu verstecken. Orosz-Richt berichtete, ihre Mutter habe ihr trotz Unterernährung und Entkräftung durch medizinische Experimente in Auschwitz die Brust gegeben, und zusätzlich auch dem zweiten überlebenden Baby des Lagers, einem Jungen namens George, der heute in Ungarn lebe.

Der "Buchhalter von Auschwitz"

Bild vergrößern
An der Rampe im KZ Auschwitz wurden mit dem Zug eingetroffene Häftlinge selektiert. Auch Gröning hat hier gearbeitet. (Archivbild)

Angela Orosz-Richts Eltern gehörten zu den rund 425.000 ungarischen Juden, die im Frühjahr 1944 per Zug nach Auschwitz deportiert wurden. Mindestens 300.000 von ihnen wurden in den Gaskammern umgebracht. Der heute 93-jährige Oskar Gröning hat gestanden, Geld aus dem Gepäck der Verschleppten genommen und an die SS in Berlin weitergeleitet zu haben. Zu Beginn des Verfahrens übernahm er eine moralische Mitschuld. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat der Angeklagte Spuren der Massentötung verwischt, indem er half, an der Bahnrampe in Auschwitz-Birkenau Gepäck wegzuschaffen.

Nicht der erste Prozess-Abbruch

Der auch als "Buchhalter von Auschwitz" bekannte Oskar Gröning muss sich seit dem 21. April vor dem Landgericht Lüneburg verantworten. Dass der Prozess unterbrochen werden muss, ist nicht das erste Mal. In der vergangenen Woche war ein Verhandlungstag mit Blick auf das Alter und die schlechte Verfassung des Angeklagten ausgefallen. Bereits vorher hatte es Probleme mit seiner Gesundheit gegeben. Zur Sicherheit hat das Gericht für den ursprünglich bis Ende Juli vorgesehenen Prozess jetzt weitere Termine bis in den November eingeplant.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 02.06.2015 | 10:00 Uhr