Stand: 08.07.2015 13:59 Uhr

Auschwitz-Prozess: Nebenkläger fordern längere Haft

Anwälte der Nebenklage haben im Lüneburger Auschwitz-Prozess eine höhere Strafe für den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning gefordert als von der Staatsanwaltschaft beantragt. Bislang ist Gröning wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 300.000 Fällen angeklagt, wofür Staatsanwalt Jens Lehmann in seinem Plädoyer am Dienstag dreieinhalb Jahre Haft gefordert hatte. Davon sollten 22 Monate als bereits verbüßt betrachtet werden, da schon vor Jahrzehnten eine Verurteilung möglich gewesen sei. "Jeder hat das Recht, dass gegen ihn in angemessener Zeit verhandelt werden muss", hatte Lehmann gesagt. Nun haben Anwälte der Nebenklage das geforderte Strafmaß als zu milde bezeichnet. Dreieinhalb Jahre Haft reichten angesichts der Dimension der Verbrechen in Auschwitz nicht aus, sagte der Anwalt Christoph Rückel am Mittwoch vor dem Lüneburger Landgericht.

Verurteilung wegen Mordes?

Anwältin Suzan Baymak-Winterseel beantragte sogar, den 94-jährigen Gröning wegen Mordes in Mittäterschaft zu verurteilen. Allerdings sind sich in diesem Punkt die Nebenklage-Vertreter nicht einig. Anwalt Thomas Walther warnte davor, Haft-Tage gegen Menschenleben aufzurechnen. Die Nebenklage kritisierte zudem jahrzehntelanges Versagen der deutschen Justiz. Schon immer habe es die Möglichkeit gegeben, auch Mittäter wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen, sagte Nebenkläger-Anwalt Cornelius Nestler, der zusammen mit einem Kollegen mehr als 50 der über 70 Nebenkläger vertritt, in seinem Plädoyer am Mittwoch. Einer der Anwälte forderte zudem erneut eine Entschuldigung vom Angeklagten Oskar Gröning.

Urteil möglicherweise kommende Woche

Gröning, dessen Gesundheitszustand sich im Laufe des Prozesses verschlechterte, hatte zu Beginn des international beachteten Prozesses im April eingeräumt, in Auschwitz Geld aus dem Gepäck von Juden genommen und an das Wirtschaftsverwaltungshauptamt der SS in Berlin weitergeleitet zu haben. Auch hatte er sich zu einer moralischen Schuld bekannt. Erst in der vergangenen Woche ließ Gröning in einer Mitteilung erklären, dass durch seine Tätigkeit das System Auschwitz habe funktionieren können. Ein Urteil könnte in der kommenden Woche fallen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 08.07.2015 | 07:00 Uhr