Stand: 10.06.2015 21:29 Uhr

Schüler-Protest: Marwan und Mohamed sollen bleiben

von Marie-Caroline Chlebosch

Aus allen Ecken der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Salzhemmendorf (Landkreis Hameln-Pyrmont) strömen Kinder und Jugendliche auf den Pausenhof. Zwischen zwei Basketballkörben bilden sie einen riesigen Kreis. Gemurmel, Gewusel. In der Mitte des Kreises stehen ihre Mitschüler Marwan und Mohamed - zwei syrische Flüchtlinge, die auf der Gesamtschule die zehnte und neunte Klasse des Gymnasiums besuchen. Schulkamerad Dimitri Schulte-van Eeuwen steigt auf eine Tischtennisplatte und hebt seinen linken Zeigefinger. Schlagartig wird es still. Er ruft: "3, 2, 1". 600 Schüler brüllen ihm "Save Kraja!" entgegen. Und nochmal: "Save Kraja!", was so viel heißt wie "Rettet Kraja". Der Ruf schallt weit über das Schulgelände hinaus. Es ist ein Aufschrei für die Brüder Marwan und Mohamed Kraja, ein Aufschrei gegen deren Abschiebung nach Slowenien. Denn bislang sind sie, ihre Geschwister und ihre Eltern in Deutschland geduldet, doch ihr Antrag auf Asyl in Niedersachsen wurde nun abgelehnt.

Schüler solidarisieren sich mit Flüchtlingen

Flüchtlinge nehmen am Regelunterricht teil

Geht es nach ihren Mitschülern, sollen die beiden Jugendlichen bleiben. "Die beiden haben sich hier extrem integriert", sagt der 15-jährige Philipp Sürig, ein anderer Schülersprecher. "Sie spielen Fußball, sie treffen sich regelmäßig mit Freunden, sie sind gut in der Schule, denn sie besuchen das Gymnasium", sagt er. "Diese Bildung haben sie in anderen Ländern vielleicht nicht." Sein Schulkamerad, Liam Ratsak, ergänzt nachdrücklich: "Wir haben uns im Internet die Camps in Slowenien angeguckt und das sind ja menschenunwürdige Verhältnisse im Vergleich zu hier." Er möchte nicht, dass jemand, den er kennt und lieb gewonnen hat, so aufwächst. Liam Ratsak und Marwan Kraja besuchen dieselbe Klasse. Denn sowohl Marwan, als auch Mohamed Kraja gehen in den ganz normalen Unterricht.

Gut in Naturwissenschaften

Englisch, Physik und Geschichte, ebenso wie Mathe, Biologie oder Deutschunterricht gehören zu ihrem normalen Alltag in der Schule. Und das nach nur zehn Monaten in Salzhemmendorf. "Marwan und Mohamed haben zusätzlich Deutschförderunterricht und werden dort, was die deutsche Sprache angeht, noch weiter auf den Stand gebracht", sagt Christine Sprengel, die Schulleiterin der KGS Salzhemmendorf. "Die beiden haben in vielen Fächern inzwischen gute Noten erreicht, vor allem in den Naturwissenschaften, wo es noch nicht so auf die Sprache ankommt." An der KGS sei man guter Hoffnung, dass die beiden ihr Abitur machen würden, "wie alle anderen Freunde, die sie hier haben, auch".

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Schüler-Protest gegen Abschiebung

10.06.2015 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Salzhemmendorfer Schüler protestieren gegen die Abschiebung ihrer Freunde Marwan und Mohamed Kraja. Die Flüchtlinge aus Syrien sind in Niedersachsen gut integriert. Video (04:35 min)

Schulleitung und Eltern stehen hinter Protest

Die Schüler der KGS haben innerhalb der Schule schnell Verbündete gefunden. Schulleiterin Sprengel begleitet den Protest ihrer Schüler von Anfang an. Die Protestplanung fand nur innerhalb ihrer Freizeit statt, nach der Schule. Die Durchführung in den Pausen. Deshalb stehen auch Eltern und Lehrer hinter den Protestaktionen. "Es gibt keinen Grund, warum diese Familie hier weggehen sollte. Wir leben in einer strukturschwachen Gegend und wir freuen uns über jede Familie mit fünf Kindern, die hier herkommt", meint Christine Sprengel. Das werte den Ort auf. Auch sie sagt: Die Familie habe sich gut integriert, sie habe viele Freunde gefunden. "Meine Schüler sehen überhaupt nicht ein, dass sie ihre Freunde wieder hergeben sollen. Und meine Kollegen sehen nicht ein, dass sie so tolle Schüler wie Marwan und Mohamed wieder hergeben sollen", führt sie fort.