Stand: 02.01.2016 19:57 Uhr

Wird Geschichte zum Reichstagsbrand neu geschrieben?

von Angelika Henkel

Es ist eines der rätselhaftesten Kapitel der Zeitgeschichte - und nur die wenigsten wissen, dass ausgerechnet Männer aus Hannover dabei eine wichtige Rolle spielten. Es geht um die Deutungshoheit eines Ereignisses, um die Geschichtsschreibung eines Wendepunktes in der deutschen Geschichte. Es geht um den Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933. Damals ging das deutsche Parlament in Flammen auf. Die politischen Folgen waren verheerend: Die Nationalsozialisten erließen Verordnungen, die das Verhaften von politischen Gegnern möglich machten. Als Brandstifter verurteilt wurde nur eine einzige Person: der Holländer Marinus van der Lubbe. "Man kann es in Schulbüchern lesen, man kann es im Brockhaus lesen, offizielle Geschichtsschreibung ist: Ein Täter, Marinus van der Lubbe, hat den Reichstag angezündet. Es gibt viele Zweifel und sehr viele Zweifler, gezweifelt wird zu Recht", sagt Karola Hagemann vom Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. Sie ist Teil eines Teams im LKA, das die Vergangenheit der Behörde nach dem Krieg erforscht.

Das Reichstagsgebäude steht 1933 in Flammen. © dpa Picture-Alliance GmbH

Reichstagsbrand 1933 bis heute ungeklärt

Hallo Niedersachsen -

Ausgerechnet ein Mitarbeiter des Verfassungschutzes, Fritz Tobias, entwickelte eine Theorie rund um den Reichstagsbrand 1933. Noch heute streiten Historiker über seine These.

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LKA recherchiert die eigene Geschichte

Dabei geht es im LKA eigentlich nur am Rande um das Ereignis des Reichstagsbrandes. Das Interesse von Karola Hagemann und ihren Kollegen gilt vor allem dem ersten Leiter des Landeskriminalpolizeiamtes. Er heißt Walter Zirpins und ist ein Mann, der unter den Nazis Karriere gemacht hatte. Nach dem Krieg fasste er als hochrangiger, einflussreicher Kriminalbeamter in Hannover Fuß. Die LKA-Forscher tragen derzeit viele Informationen über seine Biografie zusammen. Dabei kreisen sie immer wieder um den Reichstagsbrand. Denn als Experte für Brandsachen war Walter Zirpins einer der Hauptermittler in Berlin.

Viele Menschen glauben nicht an einen Einzeltäter

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Karola Hagemann und ihre Kollegen vom Landeskriminalamt recherchieren zu dem hannoverschen Kriminalbeamten Walter Zirpins.

Im niedersächsischen Innenministerium der fünfziger Jahre trifft Zirpins auf eine weitere interessante Person. Sein Name ist Fritz Tobias. Er baut in Niedersachsen nach dem Krieg den Geheimdienst, die Nachrichtenpolizei, auf. Und er interessiert sich für Geschichte, schreibt gerne. 1959 gelingt ihm eine spektakuläre Veröffentlichung. Obwohl er Beamter im Innenministerium ist, schreibt er für das politische Magazin "Der Spiegel" einen Text über den Reichstagsbrand. Er rekonstruiert die Abläufe der Nacht, lässt viele Zeugen zu Wort kommen. Auch Zirpins ist eine seiner Quellen. Sein Ergebnis liest sich auf den ersten Blick überzeugend: Es war ein einzelner Täter, Marinus van der Lubbe, der im Reichstag Feuer gelegt hatte. Die Ermittlungen der Polizei damals seien absolut korrekt gewesen. Seine Darstellung erregt Aufsehen. Denn insgeheim sind damals viele Menschen überzeugt, dass die Nationalsozialisten als politische Profiteure im Hintergrund selbst für die Tat gesorgt hatten. Der Artikel des niedersächsischen Verfassungsschützers wird zwar unter Historikern kontrovers debattiert, entwickelt sich aber letztlich zur herrschenden Meinung in der Wissenschaft und in der Publizistik.

Welches Interesse verfolgte der Verfassungsschützer?

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Hat Fritz Tobias die Geschichtsschreibung gezielt von Hannover aus gesteuert?

Mehr denn je stellt sich heute aber eine Frage, die die Deutungshoheit fundamental in Zweifel zieht: Steuerte Fritz Tobias diese Geschichtsschreibung von Hannover aus in vollem Bewusstsein? Dafür gibt es Anzeichen. Denn Fritz Tobias verteidigte seine These vehement gegen Zweifler. Er ignorierte die zum Teil widersprüchlichen Ergebnisse, die sie recherchierten. Das verwundert Karola Hagemann vom LKA Niedersachsen: "Warum er das tat, das können wir nicht sagen. Er muss ein Interesse verfolgt haben, denn er hat für die Verfolgung dieser These sogar illegale Mittel angewendet. Er hat Zweifler unter Druck gesetzt - das ist inzwischen beweisbar. Aber warum er diese These verteidigte, das kann man nicht mit Gewissheit sagen."

Unklarheiten gibt es noch heute

Fritz Tobias war ursprünglich Buchhändler, stand der SPD nahe, half bei Entscheidungen über Entnazifizierungen. Er erscheint zunächst also nicht als Mann, von dem man denken könnte, dass er ehemalige Nationalsozialisten in Schutz nahm. Und dennoch stellt sich diese eine Frage: Warum beharrte er so sehr auf der Ein-Täter-Theorie? Denn über den historischen Kriminalfall "Reichstagsbrand" ist seit 1959 viel geschrieben worden. Es gibt Feuerwehrmänner, die überlieferte Spuren genau analysiert haben. Es gibt Bücher, in denen Zeugenaussagen zusammengetragen wurden. Bis heute ist vieles unklar. Verteidiger von Fritz Tobias loben, dass er beharrlich und unparteiisch forschte. Kritiker führen allerdings an, dass die Behauptungen aus dem "Spiegel" von damals heute so nicht mehr haltbar seien.

Wem halfen die Veröffentlichungen von Fritz Tobias?

"Man kann nur mutmaßen, warum Fritz Tobias so vehement über Jahrzehnte seine These verteidigte", betont auch Hersch Fischler. Der Soziologe aus Düsseldorf hat viel publiziert und mit seinen akribischen Nachforschungen mehrere Historikerkommissionen angestoßen. Er hat sich tief eingearbeitet in die Einzelheiten rund um den Reichstagsbrand: "Er wollte Kollegen helfen", vermutet Fischler im NDR Interview. "Und zwar jenen Kollegen, die 1933 als Beamte der preußischen Kriminalpolizei im Reichstagsbrand ermittelten, die vorm Reichsgericht aussagten und die Fehler gemacht hatten." Karola Hagemann vom LKA ergänzt: "Ganz klar und eindeutig hat es tatsächlich den alten nationalsozialistischen Polizisten genützt. Denen drohten teilweise Prozesse, das wäre sehr peinlich geworden für sie, hätte ihren Job gekostet."

Polizeibeamte profitierten von der Ein-Täter-Theorie

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Der Reichstagsbrand von 1933 wird die Forscher auch weiter beschäftigen.

Die Ein-Täter-Theorie könnte also von interessierten Polizeikreisen in Hannover über einen Verfassungsschützer, der im Spiegel schrieb, gesteuert worden sein. Und einer der Profiteure könnte Walter Zirpins gewesen sein. Aber auch Rudolf Diels, ehemaliger Gestapo-Chef, lebte mittlerweile in der niedersächsischen Hauptstadt. Er habe sich nach dem Krieg mit einer Vielzahl von Untersuchungen zu seinen Aktivitäten während des Dritten Reichs auseinandersetzen müssen, schreibt der US-amerikanische Historiker Benjamin Carter Hett in einem Artikel in der Zeitung "Welt". Dabei habe er die öffentliche Darstellung des Reichstagsbrandes immer wieder an seine eigene rechtliche Situation angepasst. Hett hat mit seinem vor einigen Monaten erschienenen Buch "Burning the Reichstag" in Fachkreisen für Aufmerksamkeit gesorgt. Er führt eine ganze Reihe weiterer Polizeibeamter an, denen die Ein-Täter-Theorie von Verfassungsschützer Fritz Tobias gerade recht gekommen sein dürfte.

Ein Vermerk, der Fragen aufwirft

Im Nachlass von Fritz Tobias tauchte ein Papier auf, das aufhorchen lässt. Tobias selbst hat es verfasst, es ist ein Vermerk vom 9. März 1963. Wenn es stimmt, was er da schreibt, dann stand hinter seinen Thesen ein Auftrag von ganz oben: "Den ersten dienstlichen Auftrag zur Untersuchung der näheren Umstände des Reichstagsbrandfalles erhielt ich bereits Ende 1951/ Anfang 1952." Er habe damals als Referent für die Nachrichtenpolizei ständig "heikle personelle Aufträge" bekommen - von Innenminister Richard Borowski (SPD), dem Staatssekretär oder anderen. Gab es einen Auftrag der Landesregierung? Gar einer Behörde wie dem Verfassungsschutz? Das ist nicht erwiesen. Es kann sein, dass Fritz Tobias mit dem Papier lediglich seine eigenen Untersuchungen rechtfertigen wollte.

Nachlass von Tobias umfasst viele tausend Akten

Inzwischen liegt der Nachlass von Fritz Tobias dem Bundesarchiv in Koblenz vor. Es umfasst viele tausend Akten, die jetzt nach und nach möglicherweise frei gegeben werden. Forscher wie Hersch Fischler hoffen daher, dass der Zugang zum Privatnachlass im Bundesarchiv weitere Aufschlüsse gibt. Und dass es ein Interesse an einer komplexen Aufklärung gibt. Beim LKA dürfte es den Forschungsrahmen der Behörde allerdings sprengen. Fragen stellen sich sowohl an den Verfassungsschutz wie auch an die Landesregierung von damals und an den Spiegel - eine Aufgabe, die wohl das Parlament, die Behörde selbst oder eine Universität anstoßen müssten.

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Hallo Niedersachsen | 02.01.2016 | 19:30 Uhr