Stand: 27.06.2016 07:15 Uhr

Hat Hannover 78 Jahre zu wenig auf dem Buckel?

von Oliver Weiße

Mit dem Alter ist das so eine Sache: Bei Menschen gilt es, sich in jungen Jahren möglichst alt zu machen, um dann im fortgeschrittenen Alter mit den Lebensjahren zumindest zu kokettieren oder nicht bei der ganzen Wahrheit zu bleiben. Mit Städten verhält es sich dagegen anders: Da zählt das Alter sehr wohl. Nehmen wir Hannover: Die niedersächsische Landeshauptstadt hat an diesem Sonntag, am 26. Juni, ihr 775. Stadtjubiläum mit einem großen Familienfest im Maschpark gefeiert. Dass Hannover damals vor mehr als sieben Jahrhunderten, also 1241, gewissermaßen wie "frisch aus dem Ei gepellt" als Stadt ins Licht der Weltgeschichte trat, erscheint bei näherer Betrachtung allerdings nicht so ganz richtig. Wenn man schon bei menschlichen Vergleich bleiben möchte, setzten zumindest die "Geburtswehen" schon erheblich früher ein - und ein "Geburtshelfer", dass werden sicherlich einige der heutigen Hannoveraner nicht so gern lesen wollen, war ein berühmter Braunschweiger.

775 Jahre alt - und Hannover feiert sich

Ein Braunschweiger machte Hannover hoffähig

Es war der Welfe Heinrich der Löwe, zum damaligen Zeitpunkt noch mächtigster Reichsfürst nach seinem Vetter und Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der als Herzog von Sachsen und Bayern im Jahr 1163 einen Hoftag in Hannover abhielt und so dem Ort an der Leine zu seiner ersten urkundlich verbrieften Erwähnung verhalf. Darüber dass er den Hoftag nicht in irgendeinem verschlafenen Nest abgehalten hat, sind sich Historiker ziemlich sicher. Die Weihe der Ägiedienkirche in jenem Jahr ist ein Beleg dafür, dass Hannover schon eine Weile existierte. Und auch die Zerstörung des Ortes 1189 im Zuge der Streitigkeiten zwischen Staufern und Welfen spreche dafür, dass Hannover schon damals nicht so unbedeutend gewesen kann.

Eine Collage zeigt Hannover in den vierziger Jahren. © NDR Fotograf: Oliver Weiße

Hannovers Geschichte im Schnelldurchlauf

Hannover feiert am 26. Juni sein 775. Stadtjubiläum. Wir zeigen Ihnen vorab die wichtigsten Ereignisse aus rund 800 Jahren Stadtgeschichte.

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Nationalsozialisten legten Stadtjubiläum 1941 fest

Dass das Jahr 1241 zum Anlass für das Stadtjubiläum genommen wurde, ist eine Entscheidung, die erst vor 75 Jahren - also 1941 - getroffen worden ist. "Die Nationalsozialisten haben damals die Bestätigung der Stadtrechte, die sich zu diesem Zeitpunkt zum 700. Mal jährte, zu Hannovers Jubiläumstag gemacht", sagt Klaus Mlynek. 1241 seien die Stadtrechte Hannovers von Heinrichs Enkel, Herzog Otto dem Kind, jedoch lediglich bestätigt worden, so Mlynek. Das bedeute, dass Hannover schon vorher eine Stadt gewesen sein muss. Mlynek leitete lange Jahre das hannoversche Stadtarchiv und ist Mit-Verfasser mehrerer Bücher zur Geschichte der Stadt.

Video
02:27 min

"Hannover wird 1163 erstmals urkundlich erwähnt"

Erwähnung findet Hannover schon vor 1241. Warum die Stadt nun jedoch erst ihr 775-jähriges Jubiläum feiert, erklärt Klaus Mlynek, ehem. Direktor des Stadtarchivs Hannover. Video (02:27 min)

Die Bestätigung der Stadtrechte war eine runde Sache

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Mit dieser heute im hannoverschen Stadtarchiv gehüteten Urkunde bestätigt Herzog Otto das Kind 1241 die Rechte der Stadt Hannover. Das Schriftstück gehört zu den ältesten Zeugnissen über das mittelalterliche Hannover.

Viel sei nicht über die Gründe bekannt, warum die Nationalsozialisten unter dem damaligen Bürgermeister Henricus Haltenhoff sich dieses Datum herausgriffen. Eine Erklärung könnte die Urkunde liefern, auf der ausdrücklich die Stadtrechte bestätigt wurden und die noch heute im Stadtarchiv verwahrt wird. Vielleicht lag es aber auch am Jahr 1163 beispielsweise, also dem Jahr des besagten Hoftages, mit dem es damals keinen runden Jahrestag gegeben hätte. Den Hannoveranern war es laut Mlynek damals auch wahrscheinlich egal. Denn vier Tage vor dem 26. Juni, also am 22. Juni, hatte das nationalsozialistische Deutschland mit dem Überfall auf die Sowjetunion eine neue Front im Zweiten Weltkrieg eröffnet, und viele junge Männer auch aus Hannover mussten an die Ostfront.

Chance erst 1963 ...

Nach dem Krieg hätten die Stadtoberen im Jahr 1963 den 800. Geburtstag von Hannover feierlich begehen können. Doch das unterblieb, wie Mlynek sagt. Vielleicht hänge es auch ein wenig mit der "Geschichtsfeindlichkeit" der nach dem Zweiten Weltkrieg in Hannover regierenden Politiker zusammen, sagt Mlynek. Dieses mangelnde Bewusstsein für das historische Erbe könne man eben auch daran ablesen, wie der Wiederaufbau Hannovers geplant worden sei - als autogerechte Stadt, urteilt der frühere Stadtarchiv-Chef.

… und dann wohl 1991 endgültig vertan

Weil Hannover unter dem früheren Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD) dann im Jahr 1991 den 750. Jubiläumstag feierte, sei nun wohl die Chance vertan, sich an einem anderen Datum zu orientieren, beispielsweise am Jahr 1163.

Wahre Geburtsstunde bleibt im Dunkeln

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02:39 min

"Hannover ist Schritt für Schritt gewachsen"

Wie alt ist Hannover wirklich? Nach Historiker Prof. Carl-Hans Hauptmeyer darf mit größter Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass die Stadt älter ist als 775 Jahre. Video (02:39 min)

Im Fall von Hannover sei es im Gegensatz zu anderen Städten schwierig von der eigentlichen "Geburtsstunde" zu sprechen, weil Hannover nach den Worten von Carl-Hans Hauptmeyer eine gewachsene Stadt und eben keine durch einen Fürsten oder König gegründete Stadt sei. Der Historiker, der lange an der Universität Hannover zur Regionalgeschichte forschte und lehrte, vertritt jedenfalls die Meinung, dass Hannover erheblich älter ist, als die sozusagen beglaubigten 775 Jahre als Stadt. Bereits im Mittelalter sei die Gegend ein wichtiger Schnittpunkt bedeutender Handelswege von West nach Ost und vom Süden in den Norden gewesen. Das hätte das Gebiet, auf dem heute die Überbleibsel des mittelalterlichen Hannovers liegen, für eine städtische Siedlung geradezu prädestiniert, erklärt Hauptmeyer. Von dieser Lage profitiere Hannover bis in die heutige Zeit.

Verwaltung bestätigt "Stadt"-Jubiläumsdatierung

Die Stadtverwaltung verweist auf auf einen anderen Kenner der hannoverschen Geschichte. Der frühere Direktor des Historischen Museums, Helmuth Plath, habe 1990 die Frage, ob der 26. Juni 1241 das geeignete Jubiläumsdatum sei, mit einem "deutlichen Ja" beantwortet, schreibt Stadtsprecherin Konstanze Kalmus in ihrer Antwort an die Redaktion. Plath habe vor nun 26 Jahren ausgeführt, dass der Prozess der Stadtwerdung rund 100 Jahre gedauert habe und mit der Bestätigung der Stadtrechte im Jahr 1241 seinen vorläufigen Abschluss gefunden habe und Hannover seit dem eine Stadt im Rechtssinne sei, so die Stadtsprecherin Kalmus. Auf dieser Grundlage habe man 1991 das 750. Stadtjubiläum begangen. Auf die Einschätzung von Carl-Hans Hauptmeyer und Klaus Mlynek geht die Stadtsprecherin in ihrem Schreiben nicht ein.

Andere Städte machen sich so alt wie möglich

Andere Städte dagegen nehmen gern ihre erste urkundliche Erwähnung, um das Alter zu datieren. Die bayerische Landeshauptstadt München zum Beispiel hat es sich einfacher als Hannover gemacht und die erste urkundliche Erwähnung von 1158 zum Anlass genommen und dies 2008 aufwendig gefeiert. Auch Dresden oder Nürnberg nehmen auf die erste urkundliche Erwähnung Bezug. In Hannover hat man so aber noch Zeit für die Vorbereitung auf das nächste runde Jubiläum. Bis zur 800-Jahr-Feier ist es genau noch ein Vierteljahrhundert.

Die Altstadt von Hannover.

Wie alt ist Hannover wirklich?

Hallo Niedersachsen -

"Civitas Honovere" - diese Wörter auf einer Urkunde von 1241 sind Grundlage des Stadtjubiläums von Hannover. Historiker halten die Stadt aber für älter als 775 Jahre.

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