Stand: 23.10.2017 14:16 Uhr

Töchter in Tunesien: Es bleibt nur die Hoffnung

von Christina von Saß

Auf dem Bett im Hotelzimmer in Tunis liegen zwei Kinderzahnbürsten und zwei Tuben mit bunter Zahnpasta. Katharina Schmidt hat noch viele andere Geschenke für ihre beiden Mädchen im Gepäck - aber die Zahnbürsten sind der Ärztin aus Hannover besonders wichtig. "Niemand achtet dort darauf, dass Mimi und Hanna ihre Zähne putzen. Deshalb bringe ich ihnen das immer mit, wenn ich komme", erzählt die 38-Jährige. Seit zwei Jahren steckt sie mitten im Albtraum ihres Lebens: Nach der Trennung hat ihr Ex-Mann die beiden Kinder nach Kasserine gebracht, ein Provinznest dicht an der algerischen Grenze, 300 Kilometer von der Hauptstadt Tunis entfernt. Und seitdem versucht Schmidt, ihre Töchter wieder nach Deutschland zu holen - bislang vergeblich. Ihr Ex-Mann sitzt mittlerweile in Deutschland im Gefängnis. Das Amtsgericht Hannover hat ihn im Mai wegen Kindesentziehung zu neun Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt.

Katharina Schmidt und Reporterin in Tunis.

Mutter aus Hannover kämpft um ihre Töchter

Hallo Niedersachsen -

Seit zwei Jahren kämpft eine Mutter aus Hannover um ihre Töchter. Die Familie des Ex-Mannes hält die Kinder in Tunesien fest, obwohl sie das alleinige Sorgerecht hat.

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Niemand kann ihr helfen

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Katharina Schmidt war bereits ein halbes Dutzend Mal in Tunesien, um ihre Töchter nach Hannover zu holen. Bislang ohne Erfolg.

Eine Geschichte, die eigentlich unglaublich ist: Zwei kleine deutsche Mädchen müssen als Quasi-Waisen im tunesischen Hinterland leben. Die Mutter hat alles Recht auf ihrer Seite. Und doch kann ihr niemand helfen.

Es ist früh um 8 Uhr, als Katharina Schmidt mit ihrer Schwester in Tunis das Hotel verlässt. Acht Mal hat sie schon versucht zu erreichen, dass die tunesischen Behörden endlich das Urteil in die Tat umsetzen, das ihr das Sorgerecht für Maryam und Hanna zuspricht. Acht Mal schon waren die tunesischen Behörden nicht in der Lage, ihr ihre Mädchen wiederzugeben. Mal befand das Jugendamt in Tunis, es sei nicht zuständig, mal sagte der Staatsanwalt in Kasserine, man könne nichts tun. Und immer wieder hieß es: Der Großvater sei eben dagegen, dass die Kinder wieder nach Deutschland kommen. Tatsächlich weigert der sich im Namen seines Sohnes, also des Vaters der Kinder. Und das Wort der beiden hat im Tunesien des Jahres 2017 offensichtlich immer noch mehr Gewicht als Recht und Gesetz.

Behörden schieben Verantwortung weiter

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Schmidt und ihre Schwester entscheiden, mit dem Schreiben selbst zum Jugendamt zu gehen.

Katharina Schmidt ist an diesem Morgen auf dem Weg zu ihrer Anwältin. Die hat nicht viel Zeit, man trifft sich auf der Straße, direkt am Gericht. Die Anwältin war gerade beim Generalstaatsanwalt und hat ein Schreiben mitgebracht, dass das Jugendamt anweist, das Sorgerechtsurteil zu vollstrecken. Das Amt hat der Anwältin mitgeteilt, dass es darauf schon geantwortet habe. Aber der Generalstaatsanwalt hat angeblich nichts bekommen. So gehe das hier immerzu, sagt Schmidt: Eine Behörde schiebt die Verantwortung der anderen zu oder es heißt, sie solle nächste Woche wiederkommen. Aber Katharina Schmidt kann nicht einfach so ein paar Tage später wiederkommen. Sie arbeitet in Hannover als Gynäkologin. Alle ein bis zwei Monate fliegt sie nach Tunesien und versucht, irgendetwas zu erreichen. Oft muss sie dafür Dienste tauschen und frei nehmen. Zum Glück hat sie einen Arbeitgeber, der sie unterstützt.

"Gegen den Willen des Großvaters geht nichts"

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Der Mann vom Jugendamt sagt Schmidt, dass er nichts für sie tun kann.

Heute geht Schmidt kurzerhand selbst mit dem Schreiben zum Jugendamt, um dort eine Antwort zu bekommen. Die Anwältin hat keine Zeit sie zu begleiten - dennoch wird sie später 1.500 Euro für ihre Dienste verlangen. Es sind nur ein paar Schritte, quer über die "Kasbah", den riesigen Platz vor dem Rathaus in Tunis. Das Amt ist um die Ecke, von außen ein grauer Kasten, innen heruntergekommen mit abgeblättertem Putz an den Wänden. Die Gittertüren am Beginn der Flure vermitteln eher den Eindruck eines Gefängnisses als den einer Behörde, die sich um das Wohl von Kindern kümmert. Auf dem Gang der Abteilung für Sorgerechts-Streitigkeiten treffen Schmidt und ihre Schwester auf einen Mitarbeiter. Mit verschränkten Armen hört er zu, als die Frau aus Deutschland ihm auf Französisch ihre Not schildert. Seine Antwort ist wieder einmal entmutigend: Zum x-ten Mal hört Schmidt, dass der Großvater in Kasserine dagegen sei und man deshalb nichts für sie tun könne.

Kurze Hoffnung auf ein gutes Ende

Unverrichteter Dinge verlässt Katharina Schmidt das Jugendamt. Sie hat noch einen Termin bei der deutschen Botschaft - der ebenso ergebnislos bleiben wird. Am späten Nachmittag ruft dann überraschend der Mann aus dem Jugendamt an. "Wir sollen sofort nochmal zu ihm fahren, er hat Neuigkeiten", erzählt Schmidt aufgeregt. "Vier Mitarbeiter wollen morgen mit mir nach Kasserine fahren, die Kinder holen!" Schlagartig breitet sich Euphorie aus. Wird es diesmal wirklich klappen? Wird der tunesische Staat endlich seine eigenen Gesetze umsetzen und Maryam und Hanna ihrer Mutter übergeben? Tatsächlich ist am nächsten Morgen um 6 Uhr eine kleine Kolonne von Tunis nach Kasserine unterwegs. Im ersten Wagen, einem weißen Pick-up, sitzen bewaffnete Mitarbeiter des Jugendamts. Dahinter in einem Mietwagen die Mutter aus Hannover, gemeinsam mit einem Fahrer und einem Übersetzer. Vier Stunden dauert die Fahrt, über weite Strecken auf schlechten Straßen und durch arme Dörfer.

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"Nie macht irgendjemand irgendwas!"

Gegen 10 Uhr am Vormittag haben die Wagen die kleine Polizeistation in Kasserine erreicht. Noch ist Katharina Schmidt vorsichtig optimistisch: "Das gab es noch nie, dass offizielle Behördenvertreter mitgefahren sind." Doch als ein paar Stunden später erst der Vater und dann die Schwester ihres Ex-Mannes auftauchen, schwindet ihre Hoffnung. Das hat sie schon zu oft erlebt: Anstatt dass die Mädchen aus dem Haus der Familie geholt und zu ihrer Mutter gebracht werden, werden offensichtlich wieder nur die Angehörigen ihres Ex-Mannes befragt. Und tatsächlich hört sie bald darauf am Telefon vom Jugendamt, dass man mit dem Großvater gesprochen und er nein gesagt habe. Und man deshalb auch heute leider nichts tun könne. Man kann nur ahnen, wie schwer die erneute Enttäuschung auf Katharina Schmidt lastet. Ihre Stimme ist hoch und laut, als sie mit ihrer Anwältin telefoniert. Vier Stunden Fahrt, vier Stunden Warten im Auto - in die Polizeistation durfte sie nicht - nun scheint ihre Energie zu schwinden. Schmidt fängt an zu zittern. Ihre Stimme klingt tonlos, als sie sagt: "Es ist wie immer. Keiner ist bereit, mir meine Kinder zu geben! Die Befehle bleiben die gleichen, immer von anderen Stellen, es kommen immer andere Leute. Aber nie macht irgendjemand irgendwas!"

"Töchter sollen nie wieder nach Deutschland"

Nicht einmal ihre Mädchen wird Schmidt heute noch sehen können. Nach der Befragung des Großvaters und der ganzen Aufregung ist es für sie zu gefährlich, zu der Familie zu fahren. In der Vergangenheit sind die Angehörigen ihr gegenüber schon aggressiv geworden. Auf der Rückfahrt nach Tunis hören wir noch aus Kasserine, dass sich die Familie dort am Abend mit Freunden und Nachbarn auf der Straße versammelt hat. Dabei habe es geheißen: "Niemals wird sie ihre Kinder wiederbekommen".

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 23.10.2017 | 19:30 Uhr

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