Stand: 22.06.2017 16:19 Uhr

Strafanzeige: real analysiert Kunden per Video

Die Datenschutz-Organisation Digitalcourage hat Strafanzeige gegen die Supermarkt-Kette real gestellt. Das Handelsunternehmen hat mittlerweile bestätigt, in Filialen in Hannover und Hildesheim Kameras zur Analyse ihrer Kunden einzusetzen. Ein entsprechender Testbetrieb laufe in 40 der bundesweit 285 Märkte bereits seit vergangenem Herbst. Auch die Deutsche Post nutze derzeit ein derartiges Videoanalyse-System, so die Organisation und hat das Unternehmen deshalb ebenfalls angezeigt.

Kameras analysieren Alter, Geschlecht und Blickkontakt

Die Kameras analysieren demnach automatisch das Geschlecht und das vermutete Alter des Kunden sowie die Dauer der Betrachtung. Ziel sei es, so ein Sprecher von real, die Qualität der ausgestrahlten Werbefilme zielgruppenorientiert anzupassen. Wer genau die jeweilige Person ist, soll nach Angaben des Unternehmens aber nicht erkannt und gespeichert werden. Die Daten würden von real selbst nicht genutzt, sondern an den Betreiber der Video-Analyse Echion übermittelt, hieß es von Seiten der Supermarkt-Kette.

Privatsphäre wird massiv verletzt

Die Organisation Digitalcourage kritisiert, dass die Privatsphäre der Kunden durch den Einsatz der Videoanalyse massiv verletzt wird. Denn in den betroffenen Filialen werde lediglich auf konventionelle Kameraüberwachung hingewiesen - der Hinweis auf Gesichtserkennung und intelligente Datenverarbeitung fehle. Folglich habe der Kunde keine Möglichkeit, der Beobachtung überhaupt zu widersprechen.

Kritik von der Landesdatenschutz-Behörde

Die niedersächsische Landesdatenschutz-Behörde sieht Gesichtsanalysen wie sie real und die Deutsche Post derzeit einsetzen grundsätzlich kritisch. Die Videoaufnahmen ließen Rückschlüsse auf sensible personenbezogene Daten zu, sagte Sprecher Jens Thurow NDR 1 Niedersachsen. Davor warnt auch die Bielefelder Organistion. In Kombination mit Zeitstempeln der Aufnahme und den Informationen der Kassensysteme sei es möglich, die Kunden zu identifizieren.

Aussicht auf Erfolg?

Rechtsanwalt Markus Kompa, den Digitalcourage mit der Strafanzeige gegen die beiden Unternehmen beauftragt hat, hält es für möglich, dass nun entsprechende Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet werden. Aussicht auf Erfolg hätten diese wahrscheinlich aber nur, wenn Betroffene selbst Strafanzeige erstatten, so Kompa.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.06.2017 | 12:00 Uhr

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