Stand: 20.02.2017 11:23 Uhr

Stickoxid - Die überschätzte Gefahr?

von Jan Starkebaum

Abgase sind ungesund. Der Straßenverkehr verschmutzt die Luft stark. Gleichzeitig verzeichnen Mediziner, dass die Zahl der Asthma-Patienten steigt. Soweit so klar. Politisch geht es scheinbar klar weiter. Dort ist Stickoxid in den Fokus gerückt. Und so hatte der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) die Presse zu einer Messstation in Hannover geladen, um zu informieren, wie Abgas gemessen wird. Bei dieser Gelegenheit stellt Wenzel gleich mal eine saftige Forderung: Der Bund solle jedes Jahr 500 Millionen Euro ausgeben, damit in den Kommunen mehr Elektroautos auf die Straßen kommen. "Das wird ein großes Programm sein müssen, aber der Bund kann hier nicht länger auf dem Schlauch stehen", so Wenzel.

Stickoxid: "Völlig falsche Parameter"?

Will man den Menschen helfen und etwas gegen den Anstieg der Lungenkrankheiten tun, dann plagen den Professor Tobias Welte erhebliche Zweifel, ob die Politik allgemein auf dem richtigen Weg ist. Für den Mediziner greift die aktuelle Diskussion um Stickoxid zu kurz. "Aus meiner Sicht ist das der vollkommen falsche Parameter. Keine Frage - Stickoxide haben eine negative Wirkung auf das Atemsystem. Aber es ist bei Weitem nicht der Schadstoff mit der größten Wirkung", sagt er. Welte, 30 Jahre Berufserfahrung und 700 Publikationen, leitet die größte Universitäts-Lungenklinik in Deutschland. Und: Seine Meinung widerspricht der gängigen Einschätzung zum Thema Stickoxid.

"Feinstaub ist das viel größere Problem"

Der Professor aus Hannover ist sich sicher: Feinstaub in der Luft ist für die Menschen viel gefährlicher als Stickoxid. Dabei handelt es sich nicht um ein Gas, sondern um winzige Partikel. Die kleinsten davon können sogar die Lunge passieren, in den Organismus gelangen und ihn schädigen. Die Datenlage sei erdrückend, so Welte: "Ich glaube, dass Feinstaub eine wesentlich größere Bedeutung hat als Stickoxid. Deshalb wäre es wichtig, sich darauf zu konzentrieren."

Widerspruch zu WHO und Umweltbundesamt

Das Umweltbundesamt misst und beurteilt die Luftqualität in Deutschland. Hier herrscht eine ganz andere Meinung zum Abgas Stickoxid, die auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO gedeckt wird. "Stickstoffdioxid ist ein ätzendes Reizgas, es schädigt das Schleimhautgewebe im gesamten Atemtrakt und reizt die Augen. Durch die dabei auftretenden Entzündungsreaktionen verstärkt es die Reizwirkung anderer Luftschadstoffe zusätzlich. In der Folge können Atemnot, Husten, Bronchitis oder etwa Lungenödeme auftreten", heißt es etwa auf der Internetseite zum Thema. In Großstädten verursache demnach der Straßenverkehr den Großteil der Emissionen.

Großstädte überschreiten Grenzwerte

Auch der Umweltminister warnt vor Stickoxid. Fünf Städte überschreiten die Grenzwerte deutlich. Hannover, Oldenburg, Osnabrück, Hildesheim und Hameln. Gerade so am Limit von 40 Mikrogramm im Jahresmittel liegen dagegen Braunschweig und Göttingen. Dagegen muss etwas getan werden, weil die EU schon mit Strafzahlungen droht. Soweit sollte es nicht kommen. Die Ballungsgebiete drohen den Kampf gegen das Stickoxid zu verlieren.

Aufregung wie beim Ozon in den 1990er-Jahren?

"Ein großes Problem der Politik besteht darin, dass sie immer nach etwas Messbarem sucht. Hier verkennt man aber, dass es viele Einflüsse gibt, die die Aussagekraft dieser Messwerte verändern. Das dringt aber nicht durch", meint Professor Welte. Ein offensichtlicher Widerspruch zur weit verbreiteten Auffassung bei den führenden Gesundheitsbehörden. "Wenn Sie an Ozon denken, das war der Hype in den 19990er-Jahren. Heute redet keiner mehr davon. Ozon und Stickoxid sind in ihrer Schädlichkeit sehr gut zu vergleichen." Das heiße nicht, dass sie harmlos seien, aber überschätzt.

Stickoxid ist flüchtig

Doch wer hat nun recht? Die Frage ist tatsächlich nicht ganz leicht zu beantworten. Hilfreich ist zu wissen, dass die kritischen Stickoxid-Werte nur an großen Straßenkreuzungen gemessen werden. "Mit zunehmender Entfernung zu verkehrsreichen Straßen verringert sich die Konzentration in der Luft", schreibt das Umweltbundesamt. In der Fläche sind die Werte unbedenklich. Das erlaubt zumindest die Zweifel von Welte. Denn wie soll ein Abgas, das nur punktuell zu kritischen Werten führt, für den Anstieg von Lungenerkrankungen verantwortlich sein? Womöglich ein Hinweis darauf, dass die ultrafeinen Staubpartikel tatsächlich den größeren Einfluss haben.

Feinstaub im Griff?

"Die Messwerte beim Feinstaub sind deutlich zurückgegangen. Das ist ein Erfolg der Umweltpolitik der letzten Jahrzehnte", sagt Umweltminister Wenzel. Doch die aktuelle Forschung erlaubt auch eine andere Betrachtung. "Die Gesundheitsschäden durch kleine Feinstaub-Partikel sind viel größer als bisher angenommen wurde." So schreibt es der Verkehrsclub Österreich (VCÖ), auf den auch das Deutsche Zentrum für Lungenforschung verweist. Je kleiner der Feinstaub, desto größer die Gefahr, so die Faustregel. "Derzeit wird das Gewicht von Feinstaub gemessen, was aber aufgrund des geringen Gewichts der gefährlichen ultrafeinen Partikel ungenügend ist. Geeigneter ist die Messung der Partikelanzahl in der Luft", heißt es beim VCÖ weiter.

Komplexe Probleme brauchen komplexe Lösungen           

Fest steht: Die Zahl der Lungenkranken steigt. Der Verkehr stößt ungesunde Abgase und Partikel aus. Fraglich ist allerdings, ob die aktuellen Mess-Methoden den richtigen Nachweis für Ursache und Wirkung erbringen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 15.02.2017 | 19:30 Uhr

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