Stand: 19.02.2016 07:35 Uhr

Salzhemmendorf: Tattoos belasten Angeklagten

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Die drei Angeklagten sollen einen Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft verübt haben. (Archivbild)

Im Prozess um den Brandanschlag von Salzhemmendorf (Landkreis Hameln-Pyrmont) sind die drei Angeklagten weiter belastet worden. Mehrere Beamte von Polizei und Staatsschutz sagten am Donnerstag vor dem Landgericht Hannover aus. Bei der erkennungsdienstlichen Behandlung seien insbesondere Hinweise auf eine rechtsmotivierte Gesinnung des 31-jährigen mutmaßlichen Haupttäters aufgetaucht, so ein Ermittlungsbeamter. Er beschrieb die Tätowierungen des Mannes, der Ende August einen Brandsatz in die Flüchtlingsunterkunft geworfen haben soll. Der 31-Jährige trägt demnach ein Wikingerschiff mit einer Odal-Rune auf der Brust sowie einen Wikinger mit einem Totenkopfring auf dem Arm. Die Embleme seien in der Nazizeit von der SS und auch von der in den 1990er-Jahren verbotenen Neonazi-Organisation Wiking-Jugend benutzt worden, sagte der Beamte. Der 31-Jährige muss sich zusammen mit einem 25-Jährigen und einer 24-jährigen Frau wegen gemeinschaftlich versuchten Mordes verantworten.

Einschlägige Hinweise auf die rechte Szene

Die Verteidigung bestritt, dass der 31-Jährige verbotene Symbole trägt. Die Odal-Rune werde auch bei der Bundeswehr benutzt, hieß es. Bei seiner Festnahme soll der Angeklagte nach Aussagen der Ermittler eine Kundenkarte eines unter Rechtsextremen beliebten Bekleidungsgeschäftes im Portemonnaie bei sich getragen haben. Auf seinem Mobiltelefon wurde außerdem Musik einer rechtsextremen Band gefunden.

Angeklagte geben zu viel Alkohol als Auslöser an

Die Angeklagten hatten zum Prozessauftakt gestanden, einen Molotow-Cocktail in die Wohnung einer Familie aus Simbabwe geworfen zu haben, aber eine rechtsextreme Gesinnung abgestritten. Den Aussagen der drei Angeklagten zufolge war zu viel Alkohol der Auslöser für die Tat. Die beiden Männer bauten einen Molotowcocktail, die nüchterne 24-Jährige fuhr sie zum Tatort. Dort schleuderte der 31-Jährige den Brandsatz in die Wohnung der Familie. Die 34-jährige Mutter und ihre drei kleinen Kinder schliefen in einem Nebenraum und blieben unverletzt. Nur durch Zufall hatte der elfjährige Sohn ausnahmsweise mit im Zimmer der Mutter geschlafen.

25-Jähriger half nach der Tat bei Löscharbeiten

Am Tag nach der Tat wurden die Männer festgenommen. Ein Polizist, der als Zeuge vor Gericht auftrat, berichtete, dass sich der 31-Jährige in seiner Vernehmung vor allem selbst bedauert habe. Er habe sich immer wieder darauf berufen, "total stramm" gewesen zu sein. Nach der Tat habe er aber noch den Hund rausgelassen, sich die Zähne geputzt und sei am nächsten Morgen um 6 Uhr bei seiner Arbeit erschienen.

Der 25-Jährige, ist nach Angaben eines weiteren Ermittlungsbeamten eher "der typische Mitläufer" als selbst Agitator. "Mein Eindruck bestand, dass er leicht zu beeinflussen ist", sagte der Beamte. Der 25-Jährige, der Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist, hatte sich vor der Tat nach Hause fahren lassen, um seinen Pieper zu holen. In seiner Vernehmung sagte er nach Angabend es Beamten, dass sein Vater das Alarmierungsgerät nicht ausstellen könne und es die kleinen Geschwister hätte aufwecken können. Nach der Tat ging der Pieper der Freiwilligen Feuerwehr los und der 25-Jährige half bei den Löscharbeiten.

Verteidigung wollte Verfahren neu aufrollen lassen

Der Prozess war am Donnerstag nach dem Trubel um die Anwälte mehrerer Nebenkläger wie geplant fortgesetzt worden. Den Antrag der Verteidigung auf Aussetzung des Verfahrens lehnte der Vorsitzende Richter ab. Dafür gebe es keinerlei Gründe, sagte Wolfgang Rosenbusch. Auslöser für den Antrag war das Fax eines Anwalts aus Hannover. Darin ließen vier ehemalige Bewohner der betroffenen Asylbewerberunterkunft erklären, dass sie gegen ihren Willen als Nebenkläger in dem Prozess zugelassen worden seien. Der Verteidiger der 24-Jährigen, Christoph Rautenstengel, beantragte daraufhin die Aussetzung des Verfahrens, die anderen beiden Verteidiger schlossen sich ihm an. Rautenstengel argumentierte, dass Anwälte "im Stil eines Haustürgeschäfts" gezielt Bewohner des Hauses in Salzhemmendorf als Mandanten angeworben hätten.

Zwei weitere Prozesstermine angesetzt

Ursprünglich sollte bereits in einer Woche, am 26. Februar, das Urteil fallen. Der Vorsitzende Richter kündigte aber an, noch zwei weitere Verhandlungstermine anzusetzen. Voraussichtlich werden nun am 29. Februar die Plädoyers gehalten. Am 4. März könnte dann das Urteil verkündet werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 18.02.2016 | 14:00 Uhr