Stand: 03.02.2016 16:42 Uhr

Russischer Propagandafilm spielt in Hannover

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Es geht um dieses Video auf der russischen Internet-Seite "The Insider".

Kremltreue Medien in Russland haben sich offenbar auf Deutschland eingeschossen. Die angebliche Entführung und Vergewaltigung einer 13-Jährigen durch Flüchtlinge in Berlin hatte auch in Niedersachsen Demonstrationen von Russlanddeutschen gegen angebliche "Ausländergewalt" ausgelöst. Die Berliner Polizei hat eine Vergewaltigung jedoch längst dementiert, die Berichte waren demnach Falschmeldungen. Jetzt ist im Internet ein Video eines russischen Fernsehsenders aufgetaucht, das wiederum eine angebliche Vergewaltigung zum Inhalt hat wie auch eine angebliche Tötung in einer Flüchtlingsunterkunft. Das Video zeigt teilweise Bilder aus Hannover. Laut einem Bericht in den Tagesthemen behauptet eine Frau darin, eine Bekannte sei in einer hannoverschen Flüchtlingsunterkunft vergewaltigt und ermordet worden.

Interviewpartnerin bietet für 500 Euro Statements an

Bei Teilen des 25-minütigen Films handelt es sich jedoch offenbar um eine Fälschung, sagen die Journalisten des unabhängigen russischen Internetportals "The Insider". Sie wollen eine der Interview-Partnerinnen, im Film Viktoria Schmidt genannt, enttarnt haben. Wie die Tagesthemen weiter berichten, stammte ihre Geschichte von einer russischen Internetplattform, auf der sich vor allem Nationalisten austauschten. Die Interview-Partnerin kannte niemanden in dem hannoverschen Flüchtlingsheim. Laut einem Bericht der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (HAZ) heißt sie auch nicht Viktoria Schmidt, sondern Natalja. Für 500 Euro biete sie russischen Sendern entsprechende Aussagen vor laufender Kamera an.

Polizei: Das ist ein Hoax

Der Polizei in Hannover ist ein wie im Video geschilderter Fall nicht bekannt. Weder eine Vergewaltigung noch einen Mord im Flüchtlingsheim habe es gegeben, so eine Sprecherin. Ein ähnliches Gerücht war bereits im Oktober aufgetaucht. Damals bereits hatte die Polizeidirektion auf ihrer Facebook-Seite betont: "Es ist uns wichtig, euch wissen zu lassen, dass uns ein solcher Sachverhalt nicht bekannt ist. Bei diesen Meldungen handelt es sich also um einen sogenannten Hoax".

Was ist ein Hoax?

Hoax ist das englische Wort für Jux, Scherz oder auch Schwindel. Es bezeichnet eine Falschmeldung, die oftmals über das Internet gestreut wird und auf die Gutgläubigkeit der Nutzer setzt, die die Meldung weiterverbreiten.

Stadt: Erstmal die Wirkung abwarten

Laut HAZ ist unklar, warum sich der russische Sender Hannover als Drehort ausgesucht hat. Ein Sprecher der Stadt geht davon aus, dass es sich dabei um einen Zufall handelt - und das Problem nicht typisch hannoversch ist. Die Verwaltung sehe derzeit keinen Grund einzuschreiten. Man wolle die Sache nicht dramatisieren oder hochspielen und zunächst beobachten, wie das Thema in den deutsch-russischen Gemeinden aufgenommen werde. Bei Gelegenheit könne es dann in Gesprächen aufgegriffen werden. "Wir gehen aber davon aus, dass die Russlanddeutschen sich nicht nur aus solchen Filmen informieren". Wenn jemand jedoch dem Video Glauben schenke, könnte dies eine fatale Wirkung haben, so der Stadtsprecher.

Russlanddeutsche distanzieren sich

Lilli Bischof von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Niedersachsen nennt den Film "unüberlegt und unverantwortlich". Sie selbst habe ihn nur gesehen, weil sie darauf aufmerksam gemacht wurde. Die Landesvorsitzende geht davon aus, dass russische Rechtsradikale damit bei den Deutschen aus Russland Unruhe stiften wollten. "Wir sind keine Rechten. Wir sind nicht für Putin", betont sie. Die Deutschen in Russland wollten vielmehr, dass alle Menschen in Frieden miteinander leben. Viele Berichte suggerierten, dass die Russen in Deutschland sich fremdsteuern lassen, heißt es dazu auch in einer Stellungnahme des Bundesvorstands der Landsmannschaft. Er forderte zu einem sensiblen und differenzierten Umgang mit den Deutschen aus Russland auf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 03.02.2016 | 12:00 Uhr