Stand: 11.01.2016 20:47 Uhr

Mordfall Frederike: Ein Vater gibt nicht auf

von Kai Olschewski

An Hans von Möhlmann sind die vergangenen Monate nicht spurlos vorbeigezogen. Er ist schmaler geworden, hat zehn Kilogramm abgenommen. Gleichzeitig hat er viel bewegt, politische Diskussionen angestoßen, fast 100.000 Unterstützer gefunden - und es gibt sogar einen neuen Gerichtstermin. Es sind Veränderungen, die im Sommer noch unerreichbar schienen für den Vater der ermordeten Frederike: "Es ist anstrengend", sagt er. "Aber ich mache das für meine Tochter. Für mich ist wichtig, dass Gerechtigkeit, oder das, was wir unter Gerechtigkeit verstehen, zu Tage kommt."

Bedeutet "Rechtssicherheit" Freiheit für den mutmaßlichen Mörder?

Aus der Sicht des Rentners sind Recht und Gerechtigkeit derzeit zwei verschiedene Dinge. Seine Tochter Frederike wurde 1981 in einem Waldstück bei Celle vergewaltigt und ermordet. Ein 22-Jähriger wurde damals festgenommen und vom Landgericht Lüneburg zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Nach erfolgreicher Revision entschied das Landgericht Stade jedoch auf Freispruch. Es gab Zweifel an der Schuld des Angeklagten.

Erst viel später, im Jahr 2012, konnten dank moderner Kriminaltechnik DNA-Spuren nachgewiesen werden, die den Mann nachträglich schwer belasten. Für die Ermittler gibt es keine Zweifel: Der Freigesprochene ist mutmaßlich doch der Mörder von Frederike. Neu aufgerollt wurde der Prozess aber bis heute nicht. Denn: Grundsätzlich darf in Deutschland niemand wegen desselben Verbrechens noch einmal angeklagt werden. "Rechtssicherheit" heißt das und bedeutet, dass sich ein Freigesprochener seines Urteils sicher sein kann. Auch, wenn das Gericht damals noch gar nicht alle Indizien und Beweise kannte. Also lebenslange Freiheit für den mutmaßlichen Mörder?

Fast 100.000 Unterstützer auf Change.org

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Von Möhlmann (2. v. l.) hat bereits mit Vertretern des Bundesjustizminsteriums gesprochen.

Einen Fall zu Ungunsten des Freigesprochenen neu aufzurollen, ist schwierig. Ausnahmen stehen in Paragraf 362 der Strafprozessordnung, doch die Hürden sind hoch. Dazu gehört unter anderem ein Geständnis, welches hier aber nicht zu erwarten ist. Neue DNA-Spuren gehören bislang nicht dazu. Das will Hans von Möhlmann ändern. Unterstützt wird er dabei von seinem Rechtsanwalt Wolfram Schädler. Ein erfahrener Jurist, der zuletzt tätig war als Bundesanwalt am Bundesgerichtshof. Heute ist er pensioniert, sucht sich seine Fälle aus und will den Opferschutz in Deutschland voranbringen.

Gemeinsam haben sie eine Online-Petition auf der Plattform Change.org gestartet, die sich an Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) richtet. Darin fordern sie, die Strafprozessordnung zu ändern. Und werden unterstützt von mittlerweile fast 100.000 Unterzeichnern der Petition. Eine Zahl, die in Berlin offenbar aufhorchen lässt. Von Möhlmann, Schädler und weitere Mitstreiter wurden zu einem Gespräch ins Bundesministerium der Justiz geladen. Gleich fünf Beamte hörten ihnen zu.

Gespräch im Bundesministerium der Justiz

"Wir haben neue Argumente gebracht und ans Ausland verwiesen", sagt Rechtsanwalt Schädler. "Alle angelsächsischen Länder haben die DNA mittlerweile als Wiederaufnahmegrund berücksichtigt. Und wir sagen: Das müsste auch in Deutschland so sein. Wir wissen zwar, dass die Verfassung da eine Grenze setzt. Aber wir wollen ja auch gar keine neuen Beweismittel erlauben. Wir wollen, dass man die alten Beweismittel besser ausschöpft. Dann verletzt das auch nicht die Verfassung."

Bewegt sich also etwas? Das Bundesministerium der Justiz verweist auf NDR Anfrage auf hohe verfassungsrechtliche Hürden - und kündigt gleichzeitig schriftlich eine weitere, eingehende Prüfung an:

"In diese Prüfung fließen die Argumente, die Herr von Möhlmann und sein Rechtsanwalt (...) für eine Gesetzesänderung vorgebracht haben, ein." Bundesministerium der Justiz

Weitere Gespräche sollen folgen. Und wenn die Online-Petition die Schallgrenze von 100.000 Unterzeichnern durchbrochen hat, will Hans von Möhlmann noch einmal nach Berlin. "Alles ausdrucken", sagt er, "und dann dem Minister persönlich übergeben."

Neuer Gerichtstermin beim Oberlandesgericht

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Für von Möhlmann (li.) und Anwalt Schädler (re.) beginnt im März die Verhandlung um Schmerzensgeld.

Neben dem Strafrecht kämpfen die beiden auch auf dem Gebiet des Zivilrechts. Hier geht es um Schmerzensgeld. Nach Paragraf 199 BGB verjährt ein Anspruch auf Schadenersatz nach 30 Jahren. Strafrechtlich aber verjährt Mord nie. Juristisch kein Widerspruch, befand erst im September das Landgericht Lüneburg. Auch, dass Hans von Möhlmann seine Schadenersatzansprüche gar nicht geltend machen konnte, weil die neuen DNA-Beweise erst 31 Jahre nach dem Mord an Frederike vorlagen, spielte keine Rolle. Die Klage auf Schmerzensgeld wurde wegen Verjährung abgewiesen.

"Wir sehen das anders", sagt Rechtsanwalt Schädler. "Wir meinen, dass da ein Wertungswiderspruch ist. Wenn der Staat sagt: 'Das schwerste Verbrechen verjährt nie', dann verstehen wir nicht, warum der Anspruch daraus auf 30 Jahre begrenzt sein soll."

Mit dieser Argumentation hat sich Schädler an das Oberlandesgericht Celle gewandt. Mit Erfolg. Das OLG hat die Berufung jetzt angenommen. Keine Selbstverständlichkeit, sagt Schädler: "Das Gericht hätte die Möglichkeit gehabt, die Berufung wegen Aussichtslosigkeit zu verwerfen. Wir sind froh, diesen Termin bekommen zu haben. Das macht uns Mut. Auch hier werden wir wahrgenommen."

Spenden für Frederikes Vater

Im März wird der Fall Frederike in Celle verhandelt. Der Betrag, um den es geht, ist gering: 7.000 Euro Schmerzensgeld. Für jahrzehntelanges Leid des Vaters. Ohnehin aber gehe es nicht um Geld, sagen beide. Es gehe um ein Urteil. Es gehe um Gerechtigkeit, wie Hans von Möhlmann es nennt.

Leisten kann sich der Rentner diesen juristischen Gang eigentlich nicht. Doch auch hier versteckt sich eine Geschichte, von der er vor Monaten nicht zu träumen gewagt hätte: Unterzeichner der Online-Petition spenden auf ein Treuhandkonto. Die Prozess-Finanzierung steht. Und auch das berührt Frederikes Vater tief: "Diese menschliche Hilfsbereitschaft, die ist überwältigend und sehr gewaltig. Und sie zeigt mir, dass der Weg, den ich gehe, richtig ist."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 11.01.2016 | 19:30 Uhr