Stand: 06.11.2017 15:16 Uhr

Missbrauch: "Kirche hat die Täter geschützt"

Missbrauchsopfer Matthias Katsch sieht die Kirche in der Pflicht, den Missbrauchsopfern mehr anzubieten als die reine Anerkennung des Leids.

Am 16. Oktober hat ein Gutachten, das das Bistum Hildesheim in Auftrag gegeben hat, festgestellt: Peter R. soll als Religionslehrer im Bistum in elf Fällen Schüler missbraucht haben. Diese Zahl zumindest konnte ihm nachgewiesen werden, Experten gehen aber von einer deutlich höheren Zahl aus. Matthias Katsch, 54, ist Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch. Auch er wurde zwischen seinem 13. und 14. Lebensjahr von Priester Peter R., damals sein Religionslehrer am katholischen Canisiuskolleg in Berlin, sexuell missbraucht. 2010 machten er und andere ehemalige Mitschüler den Missbrauch öffentlich. Insgesamt nannten 41 ehemalige Schüler Peter R. als Täter. Peter R. arbeitete zwischen 1982 und 2003 in verschiedenen Gemeinden im Bistum Hildesheim. Er wurde für seine Taten nie strafrechtlich zur Verantwortung gezogen, die Kirche leitete trotz Aussagen von Opfern bis 2010 keine Ermittlungen ein. Als sich von 2010 an immer mehr Opfer meldeten, waren die Taten bereits verjährt. NDR.de hat mit Katsch über seine Sicht zum Gutachten und zum Umgang der Kirche damit gesprochen.

Wie ist Ihre Erinnerung an Priester Peter R.?

Matthias Katsch: Ein sehr großer Mann, übergewichtig, schon damals. Ich denke, das hat sich nicht geändert. Eher ungepflegt, Brillenträger mit Sehfehler. Kein attraktiver Mann, wenn man so will. Aber er hatte eine gewinnende Art im Umgang mit Jugendlichen. Wobei es auch Jungen gab, die ihn ganz heftig abgelehnt haben, damals schon. Aber ich glaube, er wäre nicht so "erfolgreich" gewesen, wenn er es zum Beispiel in seiner Sprache nicht geschafft hätte, Zugänge zu uns jungen Menschen zu finden.

Pressekonferenz.

Missbrauch: Bistum ließ Täter gewähren

Hallo Niedersachsen -

Drei Jahrzehnte Missbrauch unter dem Radar der katholischen Kirche: Ein Gutachten bestätigt, dass das Bistum Hildesheim nichts unternommen hat, um einen Täter zu stoppen.

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Peter R. hat im Canisiuskolleg jahrelang Jungen missbraucht, später waren es Mädchen und junge Frauen. Was ist das für ein Täter? Wie würden Sie ausdrücken, was er den Opfern angetan hat?

Katsch: Für mich ist das ein Missbrauchstäter. Jemand, der ohne Rücksicht auf andere seine sexuellen und emotionalen Bedürfnisse durchgesetzt und dabei alle Grenzen überschritten hat, die man überschreiten kann. Es gibt in den über 40 Opferberichten, die es für das Canisiuskolleg gibt, eine ganze Bandbreite an sexuell motivierten Handlungen. Ich glaube, Missbrauchstäter trifft es am präzisesten. Missbrauch von Macht. Letztlich geht es an dieser Stelle weniger um Sexualität - schon gar nicht, was die Opfer angeht. Sondern es geht in erster Linie um den Missbrauch von Macht. Und er ist offensichtlich auch ein Mensch, der in seinen beruflichen Zusammenhängen immer wieder gezielt nach Situationen gesucht hat, wo er über andere, jüngere, verletzlichere Menschen verfügen kann. Das ist, glaube ich, etwas, das einzigartig ist, auch wenn man es mit anderen Institutionen vergleicht. Es gibt Missbrauch im Sport, es gibt Missbrauch in vielen Situationen. Aber in der organisierten Verantwortungslosigkeit, wie das in der katholischen Kirche - und zwar nicht nur in Hildesheim, sondern weltweit - möglich möglich gewesen ist, ist das schon einzigartig. Dieses Gutachten belegt das noch mal sehr eindrücklich.

Ist also der Umgang der Verantwortlichen mit Priester Peter R. entscheidend dafür, dass er über Jahrzehnte Kinder und junge Erwachsene missbrauchen konnte, ohne wirkliche Konsequenzen fürchten zu müssen?

Katsch: Ja. Ich glaube, der entscheidende Grund ist tatsächlich, dass es eine Besonderheit des Tatkontextes "katholische Kirche" gegeben hat: Dem Täter sollte nichts passieren, es sollte keinen Ärger geben, keine Öffentlichkeit. Das schafft natürlich ideale Bedingungen, um die Dinge über einen sehr langen Zeitraum unter der Decke zu halten. Hinzu kommt fehlende Kommunikation zwischen den Beteiligten. Es gab die Schule in Berlin, den Jesuiten-Orden in Göttingen, die Verantwortlichen hier im Bistum: Wenn man nicht klar miteinander redet, ist das eine Einladung für Täter, es sich da bequem zu machen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

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Wie wichtig ist es Ihnen persönlich, dass es dieses Gutachten jetzt gibt?

Katsch: Ich bin froh. Ich bin sehr froh, dass wir das geschafft haben. Es war auch ein hartes Stück Arbeit. Und ich hätte mir auch gewünscht, dass das durch die Vertreter des Bistums anerkannt worden wäre. Denn es ist eben nicht selbstverständlich in Deutschland, dass einem Fall so gründlich nachgegangen wird. Und alles, was wir jetzt aufgedeckt haben, hätten wir auch schon 2010 aufdecken können, wenn man da die Bereitschaft und das Verständnis gehabt hätte, die Dinge zu untersuchen und Verantwortlichkeiten zu benennen.

Gab es etwas in dem Gutachten, das Sie überrascht hat?

Katsch: Na ja, was kann einen in dem Zusammenhang noch wirklich überraschen. Ich war ehrlich wieder entsetzt, dass es über all das hinaus, was wir schon wussten, noch weitere Opfer gegeben hat. Die im Dunkeln geblieben wären, wenn wir diese Untersuchung nicht beharrlich eingefordert und vorbereitet hätten. Das ist etwas, was mich noch einmal bestürzt hat.

Wie glaubwürdig tritt das Bistum jetzt Ihrer Ansicht nach auf? Insbesondere mit Blick auf Weihbischof Heinz-Günter Bongartz, der selbst schwere Fehler bei der Aufklärung des Falls Karin B. eingeräumt hat.

Katsch: Ich möchte hier keine Charakter-Urteile abgeben, ich glaube, das gehört sich an dieser Stelle auch nicht. Ich bin froh, dass wir diesen Schritt jetzt gegangen sind, dass das Bistum sich durchgerungen hat, diesen für das Bistum teilweise auch sehr kritischen Bericht erstellen und veröffentlichen zu lassen. Und ich bin mir auch sicher, dass sich die heute Verantwortlichen bemühen wollen, das Leben von Kindern und Jugendlichen sicherer zu machen. Und ich bewerte und verstehe dieses Gutachten auch als einen Beitrag dazu.

Wie geht es jetzt für Sie weiter, ist dieses Kapitel mit dem Gutachten abgeschlossen?

Katsch: Also auf einer persönlichen Ebene gibt es diesen Punkt nicht, dass man mit so einer Erfahrung abschließt. Man lernt, damit zu leben und vielleicht besser zu leben als in der Vergangenheit.

Peter R. ist seit 2003 im Ruhestand, als pensionierter Priester mit vollen Bezügen. Viele Opfer empfinden das als ungerecht. Können Sie dieses Gefühl nachvollziehen?

Katsch: Ja, natürlich. Seit 2010, seit wir uns damit auseinandersetzen, fordern wir Hilfe, Aufklärung und Genugtuung, das heißt also auch Entschädigung. Man kann das nicht wieder gutmachen, der Schaden ist angerichtet. Aber man kann den Menschen helfen, damit klarzukommen. Insofern appelliere ich an dieser Stelle auch erneut an die in der Kirche Verantwortlichen, den Opfern über eine reine Anerkennung des Leids hinaus etwas anzubieten. Und zwar jenseits dessen, was unser Gesundheitssystem an Hilfestellungen bereit hält. Denn ich glaube, über diesen Punkt in der Diskussion sollten wir langsam hinwegkommen. Es geht nicht nur darum anzuerkennen, sondern auch Konsequenzen zu ziehen und Unterstützung anzubieten, zu helfen.

Das Gutachten lastet vor allem dem Vorgänger von Bischof Norbert Trelle, Josef Homeyer, schwere Versäumnisse im Umgang mit Peter R. an. Aber auch Trelle selbst hat zugegeben, dass das Bistum bei der Aufarbeitung des Falls Fehler gemacht hat. Das Gutachten wurde aber erst der Öffentlichkeit vorgestellt, nachdem Bischof Trelle im September in den Ruhestand verabschiedet worden war - obwohl er es schon mehrere Wochen vor seinem Abschied vorliegen hatte. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?

Katsch: Es geht hier um ein Thema, bei dem man in der Vergangenheit versäumt hat, transparent zu sein. Jetzt sollte alles getan werden, um diese Transparenz zu schaffen und Verantwortung zu signalisieren. Und insofern bedaure ich, dass Bischof Trelle diesen Bericht nicht mehr der Öffentlichkeit vorgestellt hat. In der katholischen Kirche ist der Bischof derjenige, der die Macht hat in einem Bistum, der oberste Dienstherr, der oberste Verantwortliche, Gerichtsherr in jeglicher Hinsicht. Und wenn die Dinge gut laufen, sind die Bischöfe auch sehr darauf bedacht, dass ihnen diese allein zukommende Kompetenz nicht geschmälert wird. Wenn es aber kritisch wird, dann gilt das offensichtlich nicht mehr in gleicher Weise.

Halten Sie es auch heute noch für möglich, dass jemand unter dem Radar der Kirche so lange Missbrauchstaten verübt? Oder ist das seit dem Bekanntwerden der vielen Fälle am Canisiuskolleg 2010 und später dann auch in anderen Bistümern nicht mehr möglich?

Katsch: Ich glaube, seit 2010 hat sich leider zu wenig verändert. Zwar hat sich einiges verändert: Es gibt eine erhöhte Bereitschaft, auch über diese Themen in der Kirche zu sprechen. Aber wir leben ja in einer globalisierten Gesellschaft, in einer Weltkirche, und da gibt es noch genügend Nischen für Täterinnen und Täter, um ihre Bedürfnisse, ihre Machtfantasien missbräuchlich auszuleben. Es gibt ja auch in diesem Fall den Bezug nach Südamerika (Anmerkung der Redaktion: Peter R. reiste oft nach Chile und hatte auch Jugendliche aus Chile und Mexiko zu Gast, mindestens drei von ihnen missbrauchte er laut Gutachten). Das ist auch ein Markenzeichen von Missbrauchstätern in der Katholischen Kirche, dass sie aus dem Norden in den Süden unterwegs waren und sind. Und ich sehe nicht, dass es bisher gelungen wäre, ein Bewusstsein dafür zu schaffen - zum Beispiel in Rom im Vatikan -, dass es dringend notwendig ist, im Sinne einer Vorbeugung und Risikoverminderung offensiver an das Thema heranzugehen.
Das Interview führte Anette Deutskens

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Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 06.11.2017 | 14:00 Uhr

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