Stand: 14.03.2016 18:00 Uhr

15-Jährige entschuldigt sich nach Messerattacke

von Lena Kampf, Georg Mascolo
Bild vergrößern
Ende Februar hat eine 15-Jährige einen Polizisten am Hauptbahnhof Hannover mit einem Messer schwer verletzt.

Als die Polizisten sie am Westausgang des Hauptbahnhofs in Hannover anhielten, stach sie zu: Safia S. hatte im Ärmel ein Messer versteckt und ein weiteres in der Handtasche. Seit der Tat vor gut zwei Wochen sitzt die 15-Jährige wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft. Und die Sicherheitsbehörden gehen seither der Frage nach, ob die Attacke ein Terroranschlag war, ein Angriff einer religiösen Fanatikerin, die dem Aufruf des sogenannten Islamischen Staates folgte: zuschlagen, wo immer es möglich ist, gegen wen auch immer.

Suche nach Motiv

Solche Anschläge hat es bereits in Europa gegeben: 2013 erstachen zwei Konvertiten auf offener Straße einen Soldaten in London, im vergangenen Dezember bedrängte ebenfalls in London ein Mann mehrere Passanten in einer U-Bahnstation mit einem Messer. Bei beiden Angriffen riefen die Täter islamistische Parolen, die Taten wurden als Terroranschläge gewertet. Safia S. aber stach wortlos zu.

In manchen Medien in Hannover wird die Schülerin schon nur noch das "Terror-Mädchen" oder das "ISIS-Mädchen" genannt. Doch würde sich eine Terroristin für ihre Tat entschuldigen?

Messerstecherin entschuldigt sich bei verletztem Polizisten

Nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" hat Safia S. dem verletzten Beamten einen Brief aus der Haft geschrieben. Er wurde sofort beschlagnahmt, gilt als Geständnis und damit als Beweismittel. Es tue ihr leid, heißt es darin, sie wünsche sich, das Geschehene ungeschehen machen zu können und hoffe, dass er ihr die Tat eines Tages vergeben könne.

Verteidigung spricht von "öffentlicher Vorverurteilung"

In der vergangenen Woche wies die Verteidigung der Schülerin darauf hin, dass es bisher keine Belege für eine terroristisch motivierte Tat oder eine Verbindung zum IS gebe. Die "öffentliche Vorverurteilung" habe ein Ausmaß erreicht, "welches die Durchführung eines rechtsstaatlichen Verfahrens gefährdet."

Auf ihrer Facebookseite schwärmt Safia S. für Allah, aber auch für Justin Bieber und Leonardo di Caprio. Die Deutsch-Marokkanerin gilt als Anhängerin eines radikal-religiösen Gedankenguts, in Hannover verkehrte sie im vom Verfassungsschutz beobachteten "Deutschsprachigen Islam-Kreis". Noch am Tag der Tat soll sie dort gewesen sein. Schon als siebenjähriges Kind hat ihre Mutter sie an der Seite des Salafisten-Predigers Pierre Vogel Koranverse zitieren lassen, im Januar reiste die Gymnasiastin nach Istanbul, offenbar um von dort nach Syrien zu gelangen. So jedenfalls schilderte es die Mutter am 22. Januar in einer Vermisstenanzeige bei der Polizei. Safia S. wurde von der Mutter zurück nach Hannover geholt, seither ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen der "Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat".

Auch Ermittlungen gegen ihren Bruder

Auch gegen einen ihrer Brüder wird ermittelt, er soll ebenfalls in die Türkei gereist sein und dort beim versuchten Grenzübertritt nach Syrien von der türkischen Polizei verhaftet worden sein. Im Nachhinein stellte es sich heraus, dass er bei einschlägigen Koran-Verteilungsaktionen in Hannover dabei war.

Safia S. hat ausgesagt, sie habe sich durch die Polizisten "provoziert" gefühlt. Auch habe sie die Beamten nicht verfolgt, sondern ihren Rucksack gesucht, der ihr kurz zuvor abhanden gekommen sei. Andererseits aber sprach sie auch davon, dass sie mit der "IS-Regierung" in Verbindung stehe.

Hinweise auf mögliche Märtyrer-Operation

Aus der bisherigen Auswertung einer riesigen Menge What's App-Chats, die auf dem Handy der Schülerin sichergestellt wurden, ergibt sich dass Safia S. womöglich in engem Kontakt zu einem anderen Hannoveraner Schüler stand, gegen den die Bundesanwaltschaft bereits ermittelt. Er war als Ordner bei dem im vergangenen November wegen einer Terrorwarnung abgesagten Länderspiels im Stadion in Hannover eingesetzt, später soll er auf Instagram zwei Videos hochgeladen haben: Eines zeigt einen jungen Mann in einer Ordnerweste des Deutschen Fussball-Bundes in dem bereits geräumten Stadion. Zu hören sind die Worte "Pray for Raqqa" ("bete für Raqqa") und die arabische Bezeichnung für den IS. Zudem fanden die Ermittler in den Chats eine Passage, die darauf hindeutet, dass das Mädchen eine Märtyrer-Operation begehen wolle, wenn sie nicht vor ihrer Mutter fliehen könne. War der Angriff auf den Polizisten also genau diese Märtyrer-Operation?

Nun prüft die für Terrorismusverfahren zuständige Bundesanwaltschaft, ob sie den Fall übernehmen wird. In Hannover ist eine teilweise bizarre politische Debatte ausgebrochen: Warum Verfassungsschutz und Polizei das Mädchen nicht schon beobachtet hätten, als sie als Siebenjährige den Koran zitierte. Oder warum sie nicht zumindest nach ihrer Rückkehr aus Istanbul lückenlos überwacht wurde.

Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen haben die Polizeibehörden ihre Beamten über die Attacke unterrichtet. In den Bund-Ländergremien werden Maßnahmen zum künftigen "Eigenschutz" gegen einfache Angriffe gegen Polizisten diskutiert.

Weitere Informationen

Messerangriff: Jetzt redet der Vater

Ende Februar soll die 15-jährige Safia in Hannover auf einen Bundespolizisten eingestochen haben. Ihr Vater vermutet ein islamistisches Motiv für die Tat. mehr

Messerattacke: Welches Motiv hatte 15-Jährige?

Bei der Attacke auf einen Polizisten in Hannover hatte die 15-jährige Verdächtige laut Staatsanwaltschaft keine Komplizen. Ihr Motiv ist weiter unklar. Der Vater vermutet Radikalisierung. mehr

Messerattacke: Verletztem Polizisten geht es besser

Die Messerattacke auf einen Polizisten in Hannover hat am Mittwoch für hitzige Debatten im Landtag gesorgt. Das Opfer konnte unterdessen aus dem Krankenhaus entlassen werden. mehr