Stand: 16.01.2017 20:15 Uhr

Vier gleiche Kiesel sind vier Überlebende

Die Holocaust-Überlebende Marion Blumenthal Lazan ist glücklich darüber, dass niedersächsische Schüler ihre Geschichte im Unterricht behandeln werden.

Marion Blumenthal Lazan kam als Kind ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Sie überlebte. Später beschrieb sie ihren Leidensweg und die Geschichte ihrer Familie in einem Buch. "Vier kleine Kiesel" heißt die Erzählung. Jetzt gibt es die Biografie der heute 82-Jährigen auch als Schulbuch. Damit soll jüngeren Schülern die Geschichte der Verfolgung von Menschen während der NS-Zeit nähergebracht werden. Am Montag wurde das Werk in Hannover vorgestellt.

Kiesel als Symbol für das Überleben

Marion Blumenthal Lazan stammt aus Hoya (Landkreis Nienburg) und lebt heute in New York. Ihre Lebenserinnerungen erschienen erstmals 1996 in den USA und Deutschland. Inzwischen gibt es das Büchlein auch auf Niederländisch, Japanisch und Hebräisch. Marion Blumenthal Lazan berichtet darin von der beginnenden Verfolgung durch die Nationalsozialisten, über die Haft im Lager Bergen-Belsen, die Befreiung und die Auswanderung in die USA. Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten hat, gefördert vom Land Niedersachsen, zusammen mit Pädagogen das Buch nun in eine neue Form gebracht und es mit Material für Lehrer ergänzt. Die vier Kieselsteine aus dem Titel haben eine besondere Bedeutung: "Marion hat jeden Tag vier identische Kiesel gesucht. Das war für sie ein Ritual: Wenn ich alle vier Kiesel finde, dann überleben wir als Familie, als vierköpfige Familie diesen Tag", erklärt Andrea Becher, Professorin für Sachunterrichtsdidaktik, die in dem Schulbuch-Projekt mitgearbeitet hat.

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Marion Blumenthal Lazan mit einem Kinderfoto. Als sie neun war, kam sie ins KZ.
Erinnerungsstücke immer dabei

Marion Blumenthal Lazan ist glücklich darüber, dass nun niedersächsische Schüler ihre Geschichte im Unterricht behandeln werden: "Dass den jungen Schülern immer wieder beigebracht wird, was damals passiert ist, gibt mir Genugtuung", sagt sie im Interview mit NDR 1 Niedersachsen. Lange hat sie über ihre Ängste, den Hunger und die Krankheiten geschwiegen. Doch inzwischen reist die 82-Jährige um die Welt und spricht mit Jugendlichen. Marion Blumenthal Lazan bewahrt auch Erinnerungsstücke auf, die sie zur Präsentation des Buches gemitbracht hat. Dazu gehört auch das Eiserne Kreuz, mit dem der Vater nach dem Ersten Weltkrieg geehrt wurde. "Ein paar Jahre später haben sie ihn eingesperrt". Auch den Judenstern, den sie als Kind tragen musste, hatte sie dabei.

Die Geschichte der Familie Blumenthal

In Hoya an der Weser hatte die Familie Blumenthal ein angesehenes Schuhgeschäft. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde es gemieden. Die Novemberpogrome erlebten die Blumenthals in Hannover.
Marion Blumenthal Lazan war neun Jahre alt, als sie mit ihrem Bruder und ihren Eltern nach Bergen-Belsen deportiert wurde. In dem Lager sammelte sie jeden Tag vier möglichst gleiche Kieselsteine, als Symbol dafür, dass die Familie überlebt und zusammenbleibt.
Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste die Familie mit etwa 2.500 anderen Häftlingen in einen Zug steigen. 13 Tage waren sie zusammengepfercht unterwegs. Am 23. April 1945 wurde der Zug von den Russen im brandenburgischen Tröbitz befreit. Etwa sechs Wochen später starb Vater Walter an Fleckfieber - eine Folge der Haft.
Mutter und Kinder überlebten. Marion wog noch 13 Kilo bei der Befreiung. Die drei wanderten in die USA aus. 1948 kamen sie in New York an. Ohne Geld, ohne Heimat und mit zwei kranken Kindern schaffte Mutter Ruth den Neuanfang. Die 13-jährige Marion besuchte erstmals eine richtige Schule, heiratete mit 18 Jahren Nathaniel Lazan und ist heute stolz auf ihre drei Kinder, neun Enkel und zwei Urenkel. Ihre Mutter Ruth starb 2012 kurz vor ihrem 105. Geburtstag.

"Es ist eine Verpflichtung"

Die 82-Jährige betont, wie wichtig es sei, über die NS-Verbrechen zu sprechen. "Ich habe zwei Botschaften: Der Holocaust ist tatsächlich geschehen, und seid mitfühlend und respektvoll zueinander", sagt Marion Blumenthal Lazan. Die heutige Generation sei die letzte, die noch unmittelbar von Zeitzeugen von der Ausgrenzung und Ermordung von Juden und anderen Minderheiten erfahren könne. "Wir müssen damit bei unseren Kindern anfangen. Wir müssen tolerant gegenüber anderen sein und dürfen niemanden aufgrund seiner Religion, Hautfarbe oder nationalen Herkunft beurteilen." Deshalb will die 82-Jährige mit ihren Vorträgen so lange weitermachen, wie es geht. "Wir sind nicht mehr viele Überlebende. Es ist eine Verpflichtung."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 16.01.2017 | 17:00 Uhr

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