Stand: 19.03.2016 19:31 Uhr

Kurdische Proteste: Zwischen Verständnis und Kritik

von Alexander Nortrup

Es ist noch früh am Sonnabend, aber auf dem Waterlooplatz in Hannover wird schon fleissig aufgebaut: Rund um den von einem Zirkusgastspiel noch arg ramponierten Rasen sind Dutzende Stände aufgebaut, auf einer großen Bühne gegenüber der Waterloosäule wird die Tonanlage geprobt, in mehreren Kreisen tanzen junge Menschen gemeinsam zu Folkloreklängen. Das kurdische Neujahrsfest Newroz und eine Demonstration durch die Innenstadt locken am Sonnabend Tausende Besucher in die niedersächsische Landeshauptstadt. Oft sind ganze Familien gemeinsam angereist, 170 Busse kamen den Veranstaltern nach aus dem ganzen Bundesgebiet an, mit kurdischen Besuchern aus der Region zählen sie so knapp 30.000 Menschen. Die Polizei spricht am Ende des Tages von 12.000 Personen. Irgendwo dazwischen liegt wohl die wahre Zahl.

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Trotz fröhlicher Musik und bunter Kleidung: Ein wirkliches Fest feiern will Songül Karabulut vom kurdischen Nationalkongress (KNK) nicht. "Newroz geht historisch auf die Befreiung der Völker vom assyrischen Tyrannen zurück", sagt die Politikerin, die als Außenpolitik-Expertin für den größten kurdischen Dachverband in Europa arbeitet. "Und auch im Moment kämpfen wir gegen die Unterdrückung durch den Islamischen Staat und den Massenmörder Erdoğan." Die kritische Haltung gegenüber der Türkei und ihrem Staatschef Recep Tayyip Erdoğan teilen viele Besucher des Festes. Auch wenn längst nicht alle mit massiver Gewalt als Mittel des Protests einverstanden sind: Demonstrant Ali Bilgiç etwa, der eigens aus der Nähe von Darmstadt angereist ist, präsentiert zwar stolz seine traditionelle Plunderhose, die auch kurdische Kämpfer tragen. Dennoch hoffe er inständig auf Frieden, sagt er: "Hoffentlich gibt es 2016 weniger Blutvergießen. Wir Kurden respektieren alle Menschen und möchten, dass sie einander mit behandeln."

Ein neuer Anschlag und neue Diskussionen

Als noch am Vormittag auf ihren Smartphones die Nachricht von dem neuen blutigen Selbstmordanschlag in Istanbul erscheint, verstärkt sich bei vielen Besuchern die ohnehin sehr politische Stimmung. Sie gehen wie Songül Karabulut davon aus, dass es sich, ähnlich wie bei den Attentaten auf Armee-Angehörige in Ankara, vermutlich um kurdische Täter handelt. Für Kurden-Sprecherin Karabulut sind die Anschläge "ein Ergebnis des Krieges gegen das kurdische Volk. Wir befürworten sie nicht, aber man sollte die Attentäter auch nicht übertrieben verurteilen. Sie wehren sich schließlich dagegen, dass die Türkei ihr Volk vernichten will."

"Wir sind nicht aggressiv - aber setzen uns zur Wehr"

Kurden seien eben keine Pazifisten, sagt das einflussreiche Mitglied des Nationalkongresses der Kurden: "Aber wir sind auch nicht aggressiv. Wir setzen uns nur zur Wehr." Das passe auch zum Motto der Veranstaltung: "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Dass die Europäische Union unter Federführung der Bundesregierung mit dem türkischen Staat ein Abkommen über die Rückführung von Flüchtlingen geschlossen hat, verärgert viele der Demonstranten. Die Kurden wollten Demokratie, Emanzipation und Frieden erreichen, sagt auch Yilmaz Kaba von der Föderation der Ezidischen Vereine. Es sei eine "Schande", dass Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nun Kritik an der Türkei nicht mehr gelten lassen wolle: "Menschenrechte müssen wir auch hier in Deutschland verteidigen."

Kritik am Deal mit Erdoğan - und an der deutschen Kanzlerin

Als sich der Demonstrationszug gegen 11 Uhr schließlich in Bewegung setzt, hat ein Großaufgebot der Polizei die gesamte Strecke abgeriegelt, massive Verkehrsbehinderungen sind die Folge. Was die Hannoveraner mit den Anliegen der Kurden zu tun haben? Eine ganze Menge, sagt Pressesprecher Kaba. "Wir wollen sie darauf hinweisen, was ihre Regierung tut. Denn in unserer Heimat wird mit deutschen Waffen gemordet. Und Frau Merkel dealt zugleich mit Erdoğan. Dabei weiß sie ganz genau, was dort passiert." Die meisten anwesenden Kurden seien zudem deutsche Staatsbürger, sagt Kaba: "Wir sind Teil der Bundesrepublik. Aber wir dürfen trotzdem auch Kritik daran üben, wenn die deutsche Regierung einen Pakt mit einem Massenmörder schließt." Viele hätten Familienangehörige im Südosten der Türkei oder in Syrien verloren und seien "hoch emotionalisiert".

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Als die Demonstranten durch die zentral gelegene Osterstraße ziehen, sind einige Geschäfte trotz der besten Einkaufszeit am Sonnabend geschlossen, zu groß war bei einigen offenbar die Furcht vor Randale, nachdem es 2009 und 2015 bei Demonstrationen in Hannover zu Ausschreitungen gekommen war. "Die sehen ja bedrohlich aus. Was wollen die denn?", fragt einer der wenigen Passanten ahnungslos, und fährt schnell mit seinem Rad weiter. Ein Stück weiter, am Zebrastreifen vor der Marktkirche, steht Familie Schröder, deutlich besser informiert. Sie habe gerade auf dem Handy vom neuen Anschlag in Istanbul gelesen, sagt die Hannoveranerin. Und ihr Mann ergänzt: "Ich kann die Kurden schon verstehen. Der Deal mit Erdoğan ist nicht okay. Es ist total legitim, dagegen zu demonstrieren." Deutsche Waffen im Irak und Syrien, deutsche Deals mit der Türkei - wie viele Anwohner und Passanten in Hannover zeigen die Schröders Verständnis für die Kritik der Kurden.

Alles bleibt friedlich, auch am Steintor

Als die fahnenschwenkenden Menschenmassen den von türkischen Geschäften und Cafés geprägten Bereich rund um das Steintor erreichen, fassen sich die knapp 500 kurdischen Ordner an den Händen und bilden eine Kette. So gelingt es ihnen, die Demonstranten und die an der Straße stehenden türkischstämmigen Hannoveraner zu trennen, es kommt zu keinen Handgreiflichkeiten. Auch Zeki Ertem blickt von der Kreuzung am Steintor auf die vorbeiziehenden Kurden. Der in Nienburg wohnende Türke kam 1981 nach Deutschland, er hatte noch in der alten Heimat seinen Militärdienst mit zwei kurdischen Freunden absolviert. "Inzwischen ist das Verhältnis zwischen den Volksgruppen aber sehr schwierig geworden", bedauert Ertem.

Urlaubsflug nach Istanbul am Tag des blutigen Anschlags

Er wisse von kurdischen Familien in Nienburg, die die verbotene Untergrundorganisation PKK monatlich finanziell unterstützten, sagt Ertem. Und sehe das sehr kritisch. An diesem Sonnabend nach Hannover gekommen ist er aber, um seinen 22-jährigen Sohn zum Flughafen zu bringen: "Er fliegt mit seiner deutschen Freundin nach Istanbul in den Urlaub. Ausgerechnet am Check-in haben wir dann vom erneuten Anschlag gehört. Das war ein gewaltiger Schock." Der Onkel, der sich vor Ort um die beiden kümmern soll, werde sie nun zielsicher an Sehenswürdigkeiten wie der Hagia Sofia vorbeilotsen. "Wir haben zwar durchaus Verständnis für die Anliegen der Kurden", sagt Ertem nachdenklich." Aber dass unsere Kinder ein Opfer ihres Freiheitskampfes werden, wollen wir wirklich nicht riskieren."

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