Stand: 19.03.2016 19:57 Uhr

Tausende Kurden protestieren gegen türkische Regierung

Mehr als 12.000 Kurden haben in Hannover bei einem Protestzug gegen die türkische Regierung demonstriert. Anlass war das kurdische Neujahrsfests Newroz. Doch im Kern ging es weniger um Folklore, sondern um aktuelle politische Botschaften: "Unser alljährliches Treffen wollen wir heute dazu nutzen, um auf die Unterdrückung der Kurden durch die massiven Militäreinsätze der Türkei im Südosten des Landes aufmerksam zu machen", sagte Organisatorin Aytan Kaplan zu Beginn des Marsches durch die Innenstadt.

Newroz und Protest: Kurden ziehen durch die Stadt

Mehr als 12.000 Teilnehmer - und keine Ausschreitungen

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Kurdische Proteste: Zwischen Verständnis und Kritik

Das kurdische Neujahrsfest hat am Sonnabend mehr als 12.000 Kurden nach Hannover geführt. Sie protestierten vehement, aber friedlich sowohl gegen die türkische als auch die deutsche Regierung. (19.03.2016) mehr

Nachdem es 2009 und 2015 in Hannover zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen kurdischen Teilnehmern und türkischstämmigen Geschäftsleuten gekommen war, blieb es dieses Mal an der Strecke ruhig. Lediglich einige verbotene Fahnen, unter anderem mit Motiven der verbotenen Kurden-Organisation PKK, seien aus dem Verkehr gezogen worden, hieß es. Zur Abschlusskundgebung am Waterlooplatz, bei der neben zahlreichen kurdischen Politikern auch der Linken-Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm eine Ansprache hielt, kamen laut den Veranstaltern rund 30.000 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Polizei Hannover ging dagegen lediglich von knapp 12.000 Personen aus.

Jahrzehntelanger Konflikt um kurdische Unabhängigkeit

Der Konflikt zwischen den Kurden und der türkischen Regierung schwelt bereits seit Jahrzehnten. Die Kurden, die unter anderem Gebiete in der Türkei, in Syrien, dem Irak und im Iran bevölkern, erheben Anspruch auf einen eigenen unabhängigen Staat oder zumindest weitgehende Autonomie. Die verbotene kurdische PKK und die türkische Regierung haben den Konflikt in der Vergangenheit und jetzt auch wieder mit Waffengewalt ausgetragen. Ankara betrachtet die kurdischen Siedlungsgebiete als Teil der Türkei - eine Autonomie steht für die türkische Regierung deshalb außer Frage. Jahrzehntelang wurde zudem in der Türkei offiziell nicht von Kurden, sondern von Bergtürken gesprochen. Derzeit steht auch Deutschland als Verbündeter und Verhandlungspartner der Türkei bei kurdischen Oppositionsgruppen in der Kritik.

Demo gegen Refugee Camp abgesagt

Eigentlich waren für den Nachmittag in Hannover drei weitere Demonstrationen angemeldet. Eine für 14 Uhr am Weißekreuzplatz geplante Demo gegen das dortige Flüchtlingscamp ist allerdings kurz vor Beginn abgesagt worden. Am selben Ort hatten wiederum Unterstützer der Flüchtlinge zwei Protestveranstaltungen mit jeweils rund 50 Teilnehmern angemeldet. Eine dieser Kundgebungen mit dem Motto "Rassismus ist keine Meinung - Solidarität mit dem Refugee Camp Hannover" startete am Mittag, die zweite sollte um 17 Uhr beginnen.

Newroz gilt als Ausdruck nationaler Identität

Das Neujahrsfest Newroz ist für die Kurden ein Ausdruck ihrer nationalen Identität und ein Zeichen ihres Widerstandes gegen die Unterdrückung. Newroz bedeutet "neuer Tag". Auch zahlreiche mittelasiatische Völker, darunter Iraner, Aserbaidschaner und Afghanen, feiern am 21. März den "Sieg des Lichts über die Dunkelheit". Vor allem in Ländern, in denen die kurdische Minderheit nicht anerkannt ist, hat das Neujahrsfest heute auch eine politische Bedeutung.

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Politikwissenschaftler warnt vor Gewaltexport

In Hannover demonstrieren Tausende Kurden gegen Erdogans Politik. Der Konflikt zwischen Kurden und der Türkei könnte auch nach Deutschland exportiert werden, warnt Politikwissenschaftler Burak Çopur auf tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 19.03.2016 | 12:00 Uhr