Stand: 25.04.2017 16:39 Uhr

Krawalle in Hameln: Verfahren endet früher

Als im Januar 2015 ein mutmaßlicher Tankstellenräuber aus dem Amtsgericht in Hameln zu fliehen versucht, stürzt er aus einem Fenster im siebten Stock. Angehörige des 26-Jährigen attackieren daraufhin das Notarzt-Team. Vor dem Krankenhaus kommt es nach der Todesnachricht zu schweren Ausschreitungen. 24 Polizisten und sechs weitere Personen werden verletzt. Der Prozess gegen sechs Familienmitglieder am Landgericht Hannover steht nun kurz nach seiner Eröffnung bereits vor dem Ende. Verteidiger und Gericht haben sich auf eine Abkürzung des Verfahrens verständigt. Fünf der sechs Angeklagten sollen demnach Bewährungsstrafen erhalten, wenn sie am nächsten Prozesstag ein Geständnis ablegen.

Bruder des Toten muss auf jeden Fall in Haft

Lediglich der Bruder des Getöteten muss auch nach dem Deal mit einer Freiheitsstrafe rechnen. Bei ihm einigten sich Gericht und Verteidigung auf eine Strafe zwischen einem Jahr und elf Monaten und zwei Jahren und sechs Monaten. Der Hintergrund: Bei dem Mann wird ein vorheriges Urteil wegen Einbruchdiebstahls einbezogen. Der Prozess wird am Donnerstag mit den Erklärungen der Angeklagten fortgesetzt. Das Urteil soll voraussichtlich am 17. Mai fallen, sagte ein Gerichtssprecher.

Richter sieht "deutliches Problem"

Mit dem Deal wollen die Beteiligten ein langwieriges Verfahren zu vermeiden. Bislang sind 30 Verhandlungstage angesetzt, bei einer Verhandlung würde das Urteil voraussichtlich im September fallen. Der Richter betonte mit Blick auf eine mögliche Verständigung auch den psychischen Zustand der mitangeklagten Mutter. Für sie sei der Prozess eine besondere Belastung, zumal die Todesumstände ihres Sohnes sehr tragisch seien. Ihrem Anwalt zufolge leide die 50-Jährige weiter unter dem Verlust, eine Verhandlung sei für sie nur schwierig durchzustehen. Trotz allen Verständnisses betonte der Richter, dass es ein "deutliches Problem" gebe, wenn eine Familie so massiv auf eine derartige Situation reagiere. Allein der Mutter werden zwölf Straftaten vorgeworfen, unter anderem soll sie das Gerücht verbreitet haben, dass Beamte ihren Sohn aus dem Fenster gestoßen hätten. Nach seinem Tod habe sie gerufen: "Hameln, die Richterin und das Krankenhaus sollten brennen."

26-Jähriger stürzte auf der Flucht aus siebtem Stock

Die Mutter und fünf Männer müssen sich unter anderem wegen Landfriedensbruchs, Körperverletzung und Beleidigung verantworten. Anlass für die Ausschreitungen war der misslungene Fluchtversuch des 26-Jährigen aus dem Hamelner Gericht. Er wollte während des Haftprüfungstermins flüchten und fiel dabei aus einem Fenster des Gebäudes. Rund 30 Familienangehörige versammelten sich daraufhin vor dem Krankenhaus, in dem der Gestürzte später starb. Dort kam es zu Auseinandersetzungen, weil die Mutter und der Onkel die Gruppe angeheizt haben sollen, die Beamten zu attackieren. Neben Mutter und Onkel ist auch der Bruder des Verstorbenen angeklagt. Der 27-Jährige soll einen Tag vor dem Sturz versucht haben, seinen Bruder aus einem Streifenwagen zu befreien und muss sich wegen versuchter Gefangenenbefreiung verantworten.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen im Landgericht

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Das Landgericht Hannover am Montag: Die Polizei ist mit zusätzlichen Beamten im Einsatz, um Ausschreitungen zu verhindern.

Um weitere Ausschreitungen vor Gericht zu verhindern, waren zum Prozessauftakt mehr Beamten vor Ort als üblich und Prozessbesucher mussten sich einer Personenkontrolle unterziehen. Dazu gehörten der Gang durch einen Körperscanner sowie das Kopieren der Ausweise. Allerdings blieb der erwartete Andrang aus, nach Informationen von NDR 1 Niedersachsen kamen kaum weitere Angehörige, die meisten Besucherplätze im Gerichtssaal blieben leer. Die Angeklagten gehören nach offiziellen Informationen der Volksgruppe der Mhallamiye-Kurden an. Das geht unter anderem aus Informationen des Landeskriminalamts und einer Kleinen Anfrage an das Sozialministerium hervor, in der es um die Integration der sogenannten M-Kurden in Niedersachsen geht. Der Anwalt der Mutter betonte dem NDR gegenüber wiederum, dass ihre Familie nicht der Volksgruppe angehöre.

Hintergrund zu den Mhallamiye-Kurden

Mhallamiye-Kurden haben ihre Wurzeln in der Türkei, von wo aus sie Ende der 1920er-Jahre in den Libanon auswanderten. Die Mehrheit stammt aus der südostanatolischen Provinz Mardin. Während des libanesischen Bürgerkriegs in den 1980er-Jahren flohen viele nach Europa, unter anderem nach Deutschland. In Niedersachsen lebt die auch als M-Kurden bezeichnete Minderheit unter anderem in Hannover, Hildesheim, Göttingen, Osnabrück, Braunschweig und Lüneburg.

Einzelne Mhallamiye-Kurden bereiten der Justiz seit Jahren Probleme. Schwerpunkte sind Drogenhandel, Bedrohung und Körperverletzung, Diebstahl, Betrug und Raub. Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes Niedersachsen ist die Zahl der Straftaten von Mitgliedern der Minderheit in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2002 waren es rund 100, im Jahr 2011 bereits 600.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 25.04.2017 | 15:00 Uhr

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