Stand: 13.02.2016 17:10 Uhr

Kirchenkongress zwischen Himmel und Hölle

von Alexander Nortrup

Von christlichen Schulen über spirituelle Reiseveranstalter und bibeltreuen Unternehmensberatern bis hin zur frommen Partnervermittlung ("Wünschen Sie sich einen gläubigen Partner?") - die Angebote beim "Willow Creek"-Kongress 2016 in Hannover unter dem Motto "Zukunft, Hoffnung, Kirche" waren bunt und ungewöhnlich. Denn für beinahe jede Lebenslage konnten die 10.000 Teilnehmer - Mitglieder überwiegend aus evangelischen Landes- und Freikirchen im deutschsprachigen Raum - von Donnerstag bis Sonnabend einen Ansprechpartner mit Verbindungen nach ganz oben finden. Auch die soziale Seite der christlichen Kirchen fand sich wieder: von Heilsarmee bis Diakonie stellten viele Organisationen aus. Selbst ein nachgebautes Folter-Gefängnis aus dem Iran hatte der Verein "Open Doors" installiert, um Menschen für das Leiden von verfolgten Christen zu sensibilisieren.

10.000 beim Kirchenkongress

Viele Ehrenamtliche helfen mit

Doch was Besucher aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz vor allem in die TUI-Arena gelockt hatte, waren gewaltig inszenierte und launig-unterhaltsame Keynote-Vorträge von Sprechern aus dem kirchlichen Spektrum, die ihre Sicht auf den christlichen Glauben und seine Vermittlung weitergaben. So sollten die Besucher Wegweisung für ihr ehren- und hauptamtliches Engagement in Kirchen unterschiedlichster Art bekommen. Auch der Kongress selbst bot Gelegenheit zur Mithilfe: 474 ehrenamtliche Helfer packten mit an, darunter auch knapp 50 US-amerikanische Freiwillige aus der Chicagoer Großkirche "Willow Creek", die sich laut Kongress-Pressesprecher Christoph Irion extra Urlaub genommen hätten. Obwohl sie anfangs noch skeptisch gegenüber dem Einfluss der Amerikaner waren, sind inzwischen vor allem die Landeskirchen sehr interessiert: Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister schrieb ein Vorwort für das Tagungsprogramm, die größte Besuchergruppe stellte mit 34 Prozent die evangelische Landeskirche.

Willow Creek - Großgemeinde mit Mission

Die freikirchliche Gemeinde aus Chicago um Gründer Bill Hybels sieht ihre Mission nicht nur im eigenen Land, wo sie selbst unter den Großkirchen mit mehr als 26.000 Gottesdienstbesuchern pro Wochenende eine große Nummer ist. Hybels und seine Mitarbeiter geben ihre Erfahrungen in der Vergrößerung von Gemeinden seit mehr als 20 Jahren in Europa weiter. Die Gemeinde war von Hybels 1975 mit einer Handvoll Mitstreiter gegründet worden und innerhalb weniger Jahre stark gewachsen. Seit 1996 veranstaltet die überkonfessionelle Vereinigung alle zwei Jahre Kongresse in Deutschland, der nächste ist für Februar 2018 in Dortmund geplant.

Kirchen-Vorträge als Pop-Konzert inszeniert

Im Saal wurde ein Aufwand wie sonst nur bei Pop-Konzerten betrieben: Während der Vorträge wurden kleine Erklär-Clips eingespielt, eine Band sorgte für spirituelle Live-Musik. Leo Bigger, Pastor einer Züricher Freikirche, präsentierte in Lederjacke und offenen Schnürstiefeln seine Konzepte, um Menschen zum Gottesdienst einzuladen ("Beim Golfspielen kann Dir keiner weglaufen, da spreche ich am Liebsten Menschen an"). Ulrich Eggers, Vorsitzender des Kongress-Trägervereins "Willow Creek Deutschland", feierte die Rolle der Willow-Kongresse in Deutschland: "Gerade in der derzeitigen Weltlage suchen die Menschen Orientierung und Ermutigung. Wir wollen ihnen neue Inspiration geben". Michael Herbst, Theologie-Professor an der Universität Greifswald, lobte etwas nüchterner den positiven Beitrag, den Willow Creek für die Kirchen in Deutschland leiste. "Das Geheimnis liegt in dem, was man den schlafenden Riesen nennt: Christen sollen befähigt werden, Wort und Tat im Alltag umzusetzen", sagte er. Gerade in der Flüchtlingskrise sei die Kirche relevant: "Wir leben in einer Zeit, in der es wichtig ist, dass sich die Kirchen und Christen in Deutschland von einer Haltung des Gebens zu einer Haltung des Teilens wandeln", sagte er.

Vom Spieleentwickler zum Pastor

Für den 20-jährigen Samuel Hinderer war der Kongress mehr als eine bunte Großveranstaltung: "Ich höre hier Vorträge von Leuten, die für mich absolute Vorbilder sind", schwärmte er im Gespräch mit NDR.de. Der junge Mann aus Karlsruhe hat gerade eine theologische Ausbildung absolviert, nun will er Mechatroniker werden, weil er "lieber in einem praktischen Beruf mit Menschen über den Glauben ins Gespräch kommen will." Sein Freund Robin Zimmermann dagegen hat gerade einen Bachelor als Computerspiele-Entwickler erworben. Dennoch will der 23-Jährige nun alles umschmeißen und Pastor werden: "Beim letzten Kongress in Leipzig hat sich das für mich ganz klar gezeigt. Und hier in Hannover habe ich dafür viel Bestätigung bekommen."