Stand: 26.09.2017 17:29 Uhr

Impf-Verwirrung: Geld für besseren Grippe-Schutz?

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Ärzte dürfen statt des normalen Dreifach- auch einen Vierfach-Impfstoff verabreichen. Für Patienten ist das allerdings umständlich.

Mit dem Herbst beginnt auch die Zeit der Grippe-Impfungen. Doch über die gibt es jüngst einige Verwirrung: In den Medien kursieren Berichte, nach denen Patienten für einen angeblich besseren Vierfach-Impfstoff selbst in die Brieftasche greifen müssen. Die Krankenkassen - so der Tenor - bezahlen lediglich ein Dreifach-Präparat. Doch das ist falsch, heißt es von der AOK in Niedersachsen. Sie organisiert die Impfstoff-Beschaffung für alle niedergelassenen Ärzte. Also gilt doch nicht: Wer zahlt, ist besser geschützt?

Krankenkassen kaufen günstig ein

Der Vorwurf klingt hart: Die niedersächsischen Krankenkassen unter Federführung der AOK kaufen günstigere Dreifach-Impfstoffe von den Herstellern ein, geben sie an die niedergelassenen Ärzte aus und verpflichten diese zur Weitergabe an den Patienten. Und das, obwohl auf dem Markt seit Jahren Präparate existieren, die sogar gegen vier Virenstämme wirksam sind. Tatsächlich schließen die niedersächsischen Krankenkassen seit 2012 regelmäßig sogenannte Rabatt-Verträge mit Pharma-Unternehmen ab, bei denen der günstigste Anbieter den Zuschlag bekommt. "Wir haben da drei potenzielle Anbieter", sagt der Sprecher der AOK Niedersachsen, Carsten Sievers. Auch richtig ist, dass der Vertrag über einen sogenannten trivalenten Impfstoff läuft - also einen mit drei abgeschwächten Virenstämmen. Doch der Grund sei nicht, dass man Patienten andere Präparate vorenthalten wolle.

Patienten können Vierfach-Impfstoff auch kostenfrei bekommen

In den Praxis-Kühlschränken niedersächsischer Ärzte lagert aktuell zwar vor allem der Dreifach-Impfstoff und bei einer Grippe-Impfung wird er auch vorrangig verabreicht. Wünscht ein Patient trotzdem den Vierfach-Wirkstoff, muss er aber keineswegs automatisch zuzahlen: "Die Entscheidung liegt zuerst beim Arzt", sagt AOK-Sprecher Sievers. Sieht der einen medizinischen Grund für den anderen Impfstoff, kann er ihn auch verabreichen. Das Problem liegt dabei aber im Detail, denn weil das Präparat nicht das von der Krankenkasse empfohlene ist, kann der Mediziner es auch nicht über die Kasse abrechnen. Der Arzt hat nun zwei Möglichkeiten: Er kann dem Patienten ein herkömmliches Kassenrezept ausstellen. Damit kann der Patient zur Apotheke gehen, sich umsonst den Impfstoff holen und der Arzt verabreicht diesen dann. Oder der Arzt stellt dem Patienten ein Privatrezept aus - dann muss dieser die Kosten des Medikaments selbst tragen. "Davon bekommt der Patient aber auch 80 Prozent wieder", sagt Sievers. Für eines der aktuellen Grippe-Medikamente müssen dann also noch rund 20 Euro bezahlt werden. Dazu gehen dann meist noch circa 15 Euro an den Hausarzt für die Impfung.

Das Herz.

Myokarditis: Wenn Viren das Herz schwächen

Visite -

Beitrag aus der Sendung Visite vom 14.02.2017 zur Herzmuskelentzündung grippalen Infekten.

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Dreifach-Impfstoff genauso gut?

Dass die Krankenkassen überhaupt auf den Dreifach-Impfstoff setzten, liegt laut Sievers an den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Berliner Robert-Koch-Institut. Die würden nach wie vor die Dreifach-Impfung empfehlen. Bei der STIKO wird die Bewertung der Vierfach-Impfung nach eigenen Angaben auch noch immer diskutiert. Die Impfung enthält neben Wirkstoffen gegen den Erreger-Typ A auch sogenannte B-Komponenten. Das könne einen gewissen, mutmaßlich aber eher kleinen Vorteil beim Impfschutz bedeuten, sagt SIKO-Sprecherin Susanne Glasmacher. Allerdings falle jede Grippewelle anders aus. Auch der niedersächsische Landesverband der Hausärzte empfiehlt den Vierfach-Wirkstoff nicht ausdrücklich. Wichtig sei vielmehr, dass sich Risikopatienten - also Senioren, Schwangere und chronisch Kranke - überhaupt impfen lassen.

Rabatt-System weg und alles gut?

Wirksamkeit hin oder her - Kritik am Vorgehen der Krankenkassen gibt es trotzdem. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Niedersachsen (KVN) habe es zumindest schon einige Beschwerden durch Ärzte gegeben, sagt Sprecher Detlef Haffke. Und auch die Bundesregierung hat im Mai dieses Jahres das sogenannte Arzneimittelversorgungs-Stärkungsgesetz erlassen. Das verbietet den Kassen künftig, Rabattverträge mit den Herstellern zu schließen. Für die kommende Grippe-Saison hat das aber deswegen noch keine Auswirkungen, weil die laufenden Verträge ihre Gültigkeit bis 2018 behalten. Doch manch einer fürchtet Nachteile, wenn das Rabatt-System verschwindet. KVN-Sprecher Haffke glaubt: Gibt es keine Ausschreibungen für Impfstoffe mehr, würde auch der Wettbewerb unter den Pharma-Unternehmen wegfallen und die Kassen müssten die Impfstoffe eventuell teurer einkaufen. Haffke: "Dann könnten auch die Krankenkassen-Beiträge steigen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 26.09.2017 | 12:00 Uhr