Stand: 29.01.2016 12:57 Uhr

"Idioten gibt es überall" - auch in Barsinghausen

von Alexander Nortrup

Wie geht das Leben weiter an einem Ort, der binnen weniger Tage Ziel von zwei Brandanschlägen wurde? In Barsinghausen (Region Hannover) sind die Bürger dieser Tage mit genau dieser Frage konfrontiert. Zunächst brannte am vergangenen Wochenende eine im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft. Die Täter nahmen dabei in Kauf, dass Feuerwehrleute durch explodierende Gasflaschen hätten sterben können. Am Mittwochabend demonstrierten daraufhin mehr als 1.500 Bürger friedlich gegen Fremdenhass. Stunden später fackelten Unbekannte drei hinter dem Rathaus parkende Autos der Stadtverwaltung ab. Auch das Gebäude nahm dabei Schaden. Viel hat nicht gefehlt und der Amtssitz des Bürgermeisters wäre auch in Flammen aufgegangen.

Barsinghausens Bürger beraten über Brände

Im Gespräch fällt auch das Wort "Asylant" schon mal

Es stellt sich die Frage: Wie verkraften es die Barsinghäuser, dass ihre Stadt auf so hässliche Weise bundesweit in die Schlagzeilen gerät? Wer am Ende dieser Woche mit Menschen in der Stadt am Deister ins Gespräch kommt, stellt schnell fest, dass die Befindlichkeiten höchst unterschiedlich sind. Viele, vor allem diejenigen, die Kinder haben oder sich täglich in der Stadt bewegen, drücken ganz offen ihre Furcht aus. "Werden die Täter schnell gefasst? Oder wird es weitere Attacken geben?", bekommt man dann zu hören. Auf der anderen Seite sind manche auch trotzig, wollen ihr Leben nicht von der Angst bestimmen lassen. Viele sind aber auch bemerkenswert gelassen. Und einige Bürger meinen, die Ursachen bereits zu kennen, während die Polizei noch in alle Richtungen ermittelt und bislang offenbar noch keine heiße Spur verfolgt. "Natürlich ist es schlimm, was gerade passiert", sagt etwa eine Mitarbeiterin des Bahnhofs-Cafés. "Aber das müssen keine Rechtsextremen gewesen sein. Ich höre hier beinahe jeden Tag von ganz normalen Leuten, dass es zu viel wird mit den Asylanten."

Tourismusvereins-Chef sorgt sich um das Stadt-Image

Auch Rainer Krabbe ist entsetzt über die Taten der Unbekannten. Den 73-Jährigen empört, dass Gebäude beschädigt und Menschen gefährdet wurden. Als Vorsitzender des Tourismusvereins sorgt Krabbe sich aber auch um den Ruf der Stadt: "Bislang konnten wir damit punkten, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft regelmäßig in das Sporthotel kommt, dass die Umgebung schön und die Fußgängerzone schick ist." Immerhin knapp 50.000 Übernachtungen verzeichnet Barsinghausen nach den Worten von Krabbe jedes Jahr - der nahe Deister lockt Sportler und Familien. Doch dass die Stadt künftig mit Brandanschlägen und Fremdenfeindlichkeit in Verbindung gebracht werde, ist für den Barsinghäuser Krabbe, der mit anderen Vereinsmitgliedern ehrenamtlich ein Touristen-Büro im Stadtzentrum betreut und auf Messen die Stadt vertritt, eine Katastrophe: "Wir sind von Barsinghausen begeistert und würden das gern vermitteln. Aber nun ist diese Mission auf Jahre beschädigt. Und ein Ende ist ja noch nicht in Sicht."

Lahmann: "Wollen keine Extremisten"

Wie geht es weiter in der Stadt am Deister? Eine Frage, die auch die Stadtverwaltung nicht ohne Weiteres beantworten kann. Am Donnerstagabend lud sie auch deshalb in den Zechensaal des Besucherbergwerks, um einen Austausch über die Ereignisse der letzten Tage zu ermöglichen. Offiziell angekündigt war die Veranstaltung schon kurz nach dem ersten Anschlag, nun hat das zweite Feuer den Veranstaltern noch mehr Gründe geliefert. Mehr als 200 Besucher kamen, mehrere Fernsehteams beobachteten das Bürger-Treffen. Bürgermeister Marc Lahmann (CDU) drückte in einer Ansprache seine Entschlossenheit aus, sich nicht unterkriegen zu lassen: "Wir wollen keine Extremisten in unserer Stadt. Weder Nazis noch Linke oder Islamisten". Viele Bürger richteten ihre Fragen dann an Hannovers stellvertretenden Polizeipräsidenten Thomas Rochell und Ulrich Knappe, den Leiter der für Barsinghausen zuständigen Polizeiinspektion Garbsen: Sollten die Flüchtlings-Wohnheime oder gar die ganze Stadt mit Video überwacht werden? Und wie können auch die Anwohner helfen, den Ort sicherer zu machen? Polizei-Vizepräsident Rochell riet dazu, wachsam zu sein: "Sie können als Nachbarn untereinander viel dafür tun, dass solche Täter es schwerer haben." Zu den Tätern bei beiden Anschlägen konnte Rochell nur vermelden, dass man bislang zwar intensiv, aber weitgehend ergebnislos ermittele.

Kritik an Bundesregierung

Rochell warnte allerdings vor zu schnellen Schlussfolgerungen: "Die Taten könnten zusammenhängen, vielleicht aber auch nicht. Zu schnell zu sicher sein, das ist gewiss keine gute Polizeiarbeit", so der Vize-Polizeichef. Viel Applaus gab es immer wieder die für harsche Kritik an der Politik der Bundesregierung. Vom Chaos auf Bundesebene war die Rede, von unzureichender Hilfe für die Kommunen. Über Barsinghausens Flüchtlinge berichtete Bürgermeister Lahmann dagegen nur Positives. 500 von ihnen wohnen bislang in der 33.000 Einwohner zählenden Kommune. Jede Woche kämen rund 30 weitere Flüchtlinge hinzu. Die Integration sei vorbildlich, die Verwaltung arbeite effizient, viele ehrenamtliche Helfer seien engagiert: "Bislang haben wird das hier gut im Griff", so der Bürgermeister. Dieses Bild müsse von Barsinghausen ins Land gehen, "und nicht Bilder von brennenden Häusern und Autos".

Auch in Barsinghausen wird über Obergrenzen geredet

Krawall gab es nicht an diesem Abend im Besucherbergwerk, auch wenn durchaus kritische Töne fielen: Ob denn ein Zaun um das neue Flüchtlingswohnheim gezogen werde, wollte etwa ein älterer Herr wissen. Der Bürgermeister verneinte vehement. Ein anderer Besucher fragte danach, wie viele Flüchtlinge denn noch kämen: "Ich denke, wir müssen auch hier in Barsinghausen über Obergrenzen reden." Auch dafür gab es viel Applaus. Am Ende appellierte der Ratsvorsitzende Bernd Gronenberg (SPD): "Geben Sie die positive Sicht auf die Willkommenskultur weiter an Ihre Nachbarn. So können wir solche Anschläge vielleicht künftig verhindern." Barbara Müller und ihr Mann diskutierten nach dem offiziellen Ende noch eifrig weiter. "Ich frage mich schon, ob wirklich alle rechten Straftaten konsequent genug verfolgt werden", fragten die Barsinghäuser. In ihrer Nachbarschaft brannte es erst vor wenigen Jahren ebenfalls. "Damals haben wir mein Auto auch regelmäßig umgeparkt, um es zu schützen. Das war furchtbar, aber so etwas passiert nun einmal. Idioten gibt es eben überall."

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