Stand: 03.02.2016 13:14 Uhr

Giesel gibt Hannover ein Gesicht

von Thomas Hans

Von Gerhard Schröder bis zu den Scorpions - Joachim Giesel hat die Promis aus Hannover und dem Umland alle schon vor der Linse gehabt. Der Porträt-Fotograf gilt als Urgestein Hannovers. Er hat sich über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus einen Namen gemacht. Auch mit 75 Jahren geht Giesel weiter mit viel Elan seinem Beruf nach. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Der Porträt-Fotograf aus Hannover

Porträt-Fotografie im Fokus

"Mit der Fotografie kann ich anderen Menschen zeigen, was ich empfinde und denke", sagt Joachim Giesel. Das sei einfach eine großartige Möglichkeit. Giesel hat als Fotograf für die Zeitschriften und Zeitungen gearbeitet und damals zum Beispiel den Start der U-Bahn-Bauarbeiten in Hannover begleitet. Menschen haben es Giesel aber besonders angetan. So hat der 75-Jährige 1990 den Schwarz-Weiß-Bildband "Fotoporträts aus Hannover" veröffentlicht. 2006 kam der Nachfolger "100 hannoversche Köpfe" mit Farbfotos auf den Markt. Jeder Mensch sei anders, sagt Giesel. Das mache den Job als Fotograf besonders spannend. Bei seiner Arbeit drücke er nie gleich auf den Auslöser. Das Vorgespräch samt Kaffeetrinken sei wichtig, um den Charakter gegenüber genauer kennenzulernen. "Gerade Prominente geben sich vor der Kamera anders als sie in Wirklichkeit sind", sagt Giesel. Es sei manchmal alles andere als einfach, die Menschen dann im Bild richtig zu erwischen.

Auftrag in der Anstalt

Mit seinen 75 Jahren wirkt Giesel topfit. Vor einigen Jahren bekam er allerdings kurzzeitig gesundheitliche Probleme. Beim Tennisspielen wurde ihm plötzlich schwindelig. Die Ärzte stellten ein geplatztes Aneurisma im Kopf fest. Nach der darauffolgenden Operation war Giesel einige Tage ohne Kurzzeitgedächtnis. Er sei völlig desorientiert gewesen, berichtet er heute selbst. Der nachfolgende Foto-Auftrag sei dann ein ganz besonderer gewesen. Giesel fotografierte in der Psychiatrie in Ilten in der Region Hannover Patienten und ihre Pfleger. Es sei schon beeindruckend, Menschen zu treffen, die von außen ganz "normal" aussehen, etwas im Kopf aber nicht mehr richtig funktioniere, so Giesel. Diese Menschen würden abgestempelt als die Bekloppte und als die Doofen. Es habe früher einen Spruch gegeben: "Rede nicht so viel Mist, sonst kommst Du nach Ilten." Dem habe er mit dem Bildband "Verrückt nach Ilten" entgegenwirken wollen. Die Patienten dort seien wunderbare Menschen, kreativ und mit einem tollen Charakter, berichtet Giesel. Einige Zellen im Kopf funktionierten aber einfach nicht richtig und dafür müsse man mehr Verständnis aufbringen. Die Menschen seien psychisch krank, gehörten aber auch zur Gesellschaft dazu. In dem Bildband ist neben den Fotos auch immer zu lesen, was Patienten und Pfleger selbst zu ihrem Bild sagen. Wer Patient und wer Pfleger ist, das verraten die Bilder nicht. "Der Betrachter soll selbst entscheiden", sagt Giesel.

Fotograf Joachim Giesel steht neben einem Regal und schaut in die Kamera. © NDR Fotograf: Thomas Hans

"Fotografie soll die Erinnerung wach halten"

Auch nach Jahrzehnten bleibt Joachim Giesel begeisterter Fotograf. Jeder Mensch sei anders, sagt Giesel. Und genau das reize ihn an seinem Job immer wieder aufs Neue.

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Neue Technik ist Fluch und Segen zugleich

Giesel stammt ursprünglich aus Breslau, nach seiner Flucht mit seiner Familie wurde er in Hannover heimisch. In den 1960er-Jahren absolvierte Giesel als Fotograf seine Meisterprüfung, später studierte er auch Fotodesign. Heute arbeitet er nur noch digital. Professionelles Filmmaterial sei nur schwierig und nur zu hohen Preisen zu bekommen, die Kunden wünschten außerdem keine Bilder mehr in Papierform. "Die neue Technik ist eine Errungenschaft", sagt Giesel. Die Bilder seien sofort verfügbar, die Nachbearbeitung viel einfacher und Bilder könnten problemlos kopiert werden. Aber: Die Branche leide unter dem Digitaltrend. "Heute sieht sich schließlich jeder als Fotograf, der einen Auslöser drücken kann", erklärt Giesel. Fotograf zu werden, das würde er auch deshalb heute niemandem mehr ans Herz legen.

Reise in die Zukunft

Giesel hat drei Kinder und vier Enkel. Seine Frau starb vor mehr als zehn Jahren. Mit seiner Lebensgefährtin, die er auch im Rahmen der Fotografie kennengelernt hat, reist er heute gerne. Als nächstes soll es für einige Tage nach Berlin gehen, eine kleine Fotokamera ist dabei natürlich immer mit im Gepäck. Bei einer Reise gebe es immer wieder Neues zu erleben. Das sei interessant und halte den Geist jung, sagt Giesel. Es schärfe seine Gedanken. Das Reisen steht auch im Mittelpunkt seines neues Fotoprojekts. Giesel hat Menschen abgelichtet, wie sie im Urlaub mit großen Kameras, Smartphones oder auch dem Tablet-PC fotografieren. Die Menschen glaubten, dass sie mit dem schnellen Foto die Wirklichkeit festhalten. Das sei aber falsch, sagt Giesel. Viele Fotos seien oberflächlich, die Menschen beschäftigten sich nicht näher damit. Giesel hingegen will auch weiter Fotos machen, die in die Tiefe gehen. "Ich werde erst dann aufhören zu fotografieren", sagt Giesel, "wenn ich die Kamera nicht mehr ruhig halten kann."