Stand: 27.02.2016 15:49 Uhr

"Wollen Sie wirklich so viel für dieses Rad ausgeben?!"

von Julia Henke

Katrin Bechtel hat ein "traumatisches Erlebnis": Es ereignete sich an ihrem sechsten Geburtstag. Am Morgen ist sie stolze Besitzerin ihres ersten Fahrrads. Die Freude währt nur kurz. Bereits am Nachmittag wird ihr das Rad gestohlen. "Das war ein toller Geburtstag", sagt sie ironisch. Heute kann die Studentin darüber lachen. Aber ein bisschen schwingt das Erlebnis immer noch mit, als sie an diesem Sonnabendmorgen vor dem Historischen Museum in Hannover steht. Zusammen mit ihrem Bekannten Patrick Schiermeister ist sie zur ersten städtischen Fahrradauktion in diesem Jahr gekommen. Sie möchte ein Damenrad ersteigern, "ein ganz einfaches für die Stadt, das zur Not auch wieder geklaut werden kann".

(Altes) Fahrrad sucht neuen Besitzer

"Genau das Rad habe ich mir vorgestellt"

130 Räder stehen zur Auswahl. Sie stammen aus dem Bestand des städtischen Fundbüros. Mindestens ein halbes Jahr werden sie dort gelagert, bevor sie versteigert werden. Frank Schaffert, Leiter des Fundbüros, leitet die Auktion. Ein Fahrrad nach dem anderen stellt er vor sich auf den Tisch, damit es auch für die potenziellen Käufer in der letzten Reihe einigermaßen gut zu sehen ist. Er nennt Marke, Rahmengröße, Mängel und Startpreis - und dann beginnt das Wettbieten. Das Foyer des Museums ist voll, entsprechend viele Arme schnellen in die Höhe.

Jonas Burgheim kommt zur Auktion, als die ersten Fahrräder schon einen neuen Besitzer haben. Ein blaues "Fixie" steht gerade auf dem Tisch. Es ist genau das Rad, das er sich vorgestellt hatte. Er bietet mit: 120 Euro, 122 Euro, 124 Euro - zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten. Burgheim erhält den Zuschlag. "Ich bin super happy", sagt er, als er sein Rad in Empfang nimmt. Dringend gebraucht hätte er es nicht, es ist bereits sein achtes. Er ist eben ein "Radfan", wie er selbst sagt.

"Sie tun sich mit dem Rad nichts Gutes an"

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Von alter Tretmühle bis zu teuren Mountainbikes und Stadträdern ist auf der Auktion alles dabei.

Immer wieder mahnt Schaffert die Bieter zur Zurückhaltung. "Halten Sie Ihr Portemonnaie nicht zu offen, es ist die erste Versteigerung in diesem Jahr." Schafferts flapsige Radbeschreibungen sind das Highlight der Auktion. Über ein "Hercules"-Rad in schlechtem Zustand sagt er: "Wir haben hier eine Luftpumpe drangemacht - und wir wissen, warum." Als die Gebote für ein altes, rostiges Fahrrad der Marke "Bismarck" die 20-Euro-Marke übersteigen, sagt Schaffert: "Wollen Sie wirklich so viel für dieses Rad ausgeben? Sie tun sich damit nichts Gutes an." Ein blaues Tandem bietet der Fundbüro-Leiter mit den Worten an: "Das macht zweimal Spaß und danach nicht mehr - außer die Frau fährt vorne und strampelt sich einen ab." Später erklärt Schaffert, dass eine Online-Auktion mehr Geld einbringen würde. Aber es ginge der Stadt nicht darum, den Haushaltstopf zu füttern, sondern den Hannoveranern ein vernünftiges Rad zu einem vernünftigen Preis anzubieten. Wie viel Geld bei der Auktion zusammenkommt, will Schaffert nicht sagen. Nur so viel: Es sei keine große Summe.

Pragmatismus geht über Eleganz

Den höchsten Preis erzielt an diesem Tag ein neuwertiges "Cube"-Mountainbike. 700 Euro zahlt der neue Besitzer. Es ist mit Abstand der höchste Preis. Die meisten Räder gehen für 40 bis 80 Euro über den Tisch. Dass es auch darunter geht, zeigt Lisa Jagaus Neuerwerb: Sie ersteigert ein silber-blaues "Mc Kenzie" für 24 Euro. Angepriesen hatte es Schaffert zuvor als "ein Hauch besser als Schrott". Jagau ist pragmatisch. "Hauptsache es fährt." Außerdem muss sie schnell zum Bahnhof, ihr Zug fährt in ein paar Minuten. Das Schloss für ihr neues Rad hat sie gleich dabei - es sieht teurer aus als das Gefährt, das es sichern soll.

Für Katrin Bechtel ist an diesem Tag nichts Passendes dabei. Nach rund eineinhalb Stunden geht ihr das Stehvermögen aus. Sie verlässt die Auktion ohne Rad. Immerhin kann ihr so auch kein Rad gestohlen werden. Vielleicht hat sie bei der nächsten Fahrradversteigerung der Stadt, am 29. April um 11 Uhr auf dem Goseriedeplatz, mehr Erfolg.

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