Stand: 03.11.2015 16:36 Uhr

Flüchtlingsunterbringung = höheres Schadensrisiko?

von Thomas Hans
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Nach dem Brandanschlag auf dieses Haus in Salzhemmendorf suchen die Eigentümer einen neuen Gebäudeversicherer, weil die Generali den Vertrag aufgekündigt hat.

Als wäre der Brandanschlag im August nicht schon schlimm genug gewesen: Nun müssen die Hauseigentümer der Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf (Landkreis Hameln-Pyrmont) auch noch mit zunächst wohl völlig ungeahnten Folgen kämpfen. Ihnen ist der Versicherungsschutz für das Haus gekündigt worden. Aber auch damit nicht genug: Vier weitere Gebäude der Bauunternehmer-Familie sind eigenen Angaben zufolge ebenfalls nicht mehr versichert. Die Gebäude wieder zu versichern, erscheint momentan nahezu unmöglich. Die Versicherungen machten nämlich keine oder völlig überteuerte Angebote, klagt Tanja Constabel. Sie wirft der Versicherungswirtschaft mangelnde Solidarität in der Flüchtlingskrise vor.

Generali-Versicherung will doppelte Beitragssumme

Tanja Constabel aus Salzhemmendorf verwaltet die Immobilien gemeinsam mit ihrem Vater. Insgesamt hatten die Constabels rund 20 Gebäude bei Generali versichert. Nach dem Brandanschlag in Salzhemmendorf habe die Versicherung um eine Auflistung gebeten, in welchen anderen Gebäuden auch Flüchtlinge untergebracht sind. Dann sollten die Konditionen geändert werden. Auch nach mehreren Gesprächen habe man sich nicht einigen können, sagt Tanja Constabel. Eine Verdoppelung der Prämie sei einfach nicht hinnehmbar gewesen. Dann schickte die Versicherung die Kündigung.

Generali stuft Schadensrisiko höher ein

Der Versicherer Generali begründet die Vertragskündigung damit, dass sich die Nutzungsart der Gebäude geändert hat. So seien in den Mehrfamilienhäusern, die als Flüchtlings- und Teilflüchtlingsunterkünfte genutzt würden, heutzutage mehr Menschen untergebracht als früher, heißt es auf Nachfrage von NDR.de. Ein Gebäude habe vorher sogar leer gestanden. Dadurch ergebe sich natürlich ebenfalls ein geändertes Schadensrisiko, erklärt Generali-Sprecher Christian Krause. Entscheidend sei bei der Gebäudeversicherung nicht, wer dort wohnt, sondern wie das Gebäude genutzt wird. Ob Flüchtlinge einziehen oder "normale" Mieter - das spiele bei der Abwägung des Risikos keine Rolle. Man habe am Ende ein Angebot gemacht, das eine Verdoppelung des Beitrages entsprechend der geänderten Nutzung vorsah - die Familie habe aber abgelehnt.

Kostenexplosion befürchtet

Ähnliche Probleme wie die Constabels haben zurzeit offenbar auch die niedersächsischen Kommunen. Oliver Kamlage vom Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund berichtet von teils drastischen Preiserhöhungen um bis zu 1.000 Prozent. "Die Entwicklung beobachten wir mit Sorge", sagt Kamlage gegenüber NDR.de, "schließlich treibt das die Gesamtkosten für die Flüchtlingsunterbringung nach oben."

Versicherer verteidigen Verfahren

Könnten sich die Versicherer angesichts der aktuellen Notlage in Sachen Flüchtlinge nicht in Zurückhaltung üben? Versuchen sie sogar, mit der Flüchtlingskrise schnelles Geld  zu verdienen? Beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungsbranche will man davon nichts wissen. Auf die Problematik angesprochen verweist man auf die Sachlage. Wenn sich die Art der Nutzung eines Gebäudes ändert und zum Beispiel mehr Menschen dort leben als vorher, sei es völlig normal, dass die Beiträge angepasst werden müssen, so GDV-Sprecherin Kathrin Jarosch. Die Versicherer leisteten gute Arbeit, heißt es weiter. Deutschlandweit sei inzwischen eine fünfstellige Zahl von Flüchtlingsunterkünften versichert. Zu dem Fall in Salzhemmendorf äußerte sich Jarosch nicht konkret. Das sei ein Einzelfall, deshalb könne man dazu nichts sagen.

"Kein erhöhtes Brandrisiko durch Flüchtlinge"

Auch das Land ist Eigentümer von Gebäuden, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Doch als Selbstversicherer ist das Land von der Versicherungspflicht für Wohngebäude befreit, heißt es aus dem zuständigen niedersächsischen Innenministerium. Trotzdem ist die aktuelle Problematik mit den Versicherern auch im Ministerium präsent. Wegen der andauernden Krisenlage müssten Gebäude angemietet werden und die Eigentümer dieser Gebäude müssten abgesichert sein, so die Forderung des Ministeriums. Man sei deshalb darauf angewiesen, dass die Versicherer Gebäude mit Flüchtlingen auch weiter versichern, sagt der zuständige Abteilungsleiter Alexander Götz. Darüber hinaus habe man bei den landesweit mehr als 30 Notunterkünften bislang nicht feststellen können, dass das Brandrisiko steige, weil in den Gebäuden Flüchtlinge leben.

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