Stand: 16.10.2015 07:39 Uhr

20.000 Römer lagerten bei Hannover

Und wieder hat Harald Nagel einen Nagel gefunden. Der Archäologe legt ihn auf eine Plastiktüte, damit er nicht sofort wieder im schlammigen Boden versinkt. Und dann kreist erneut sein Metalldetektor über einen Teil des insgesamt etwa 30 Hektar großen Geländes. Historisch ist dieses Fundstück jedoch nicht, selbst der Laie erkennt, dass es dafür viel zu neu ist. Also kein Nagel aus der Sandale eines römischen Legionärs, wie sie sonst auf diesem Stück Acker in Hemmingen-Wilkenburg (Region Hannover) gefunden wurden. Zudem haben die Wissenschaftler des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD) und der Universität Osnabrück römische Kupfermünzen und zum Beispiel eine Pinzette aus dem Boden geholt.

Der Landesarchäologe Henning Haßmann spricht im Interview an einer Ausgrabunsstelle eines Römerlagers. © NDR

"Von unermesslichem wissenschaftlichen Wert"

Landesarchäologe Henning Haßmann erklärt auf dem Gelände der Forschungsgrabung bei Hannover die Bedeutung der Entdeckung des Römerlagers.

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Region Hannover war von machtpolitischer und strategischer Bedeutung

"Tacitus beschrieb bereits bei der Varusschlacht, dass es Hunde und Katzen geregnet hat", so Henning Haßmann, Landesarchäologe vom NLD. Die Römer hätten das Klima in der Region Hannover sicherlich gehasst. Aus dem milden Italien kommend mussten sie sich nicht nur mit Germanen herumschlagen, sondern auch mit dem norddeutschen Wetter. Auch bei der ersten offiziellen Enthüllung der Ausgrabungsstätte schüttet es wie aus Eimern. Die ausgehobenen Gräben auf dem matschigen Feld südlich von Wilkenburg laufen mit Regenwasser voll. Die römische Armee ließ sich vor 2.000 Jahren davon natürlich nicht aufhalten. Zum einen war die Gegend Siedlungszentrum für die verfeindeten Germanen und somit von machtpolitischer Bedeutung, und zum anderen lag sie auch verkehrsstrategisch günstig an alten Nord-Süd- und West-Ost-Wegen, die sich hier kreuzten.

"Eine Art Campingplatz für die Armee"

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Wilkenburg: Archäologen entdecken Römerlager

15.10.2015 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Wissenschaftler haben Überreste eines 2.000 Jahre alten römischen Marschlagers in Wilkenburg südlich von Hannover entdeckt. Die Römer waren auf Expansionszug durch Germanien. Video (02:58 min)

Das nun entdeckte Lager wurde nach jetzigen Erkenntnissen zwischen 12 vor Christus und 9 nach Christus für bis zu 20.000 Soldaten angelegt. Täglich marschierten sie etwa 20 Kilometer durch das heutige Niedersachsen. Und nach dem langen Weg mussten sie jeden Abend noch ein Lager aus dem Boden stampfen. Gräben anlegen, kleinere Befestigungen errichten. Und anscheinend warfen sie mit Münzen um sich, denn obwohl Marschlager in der Regel nur für eine Nacht benutzt wurden, "eine Art Campingplatz für die Armee" waren, wie Archäologe Haßmann es beschreibt, haben die Forscher mehrere Kupfer, Silber- und Bronzemünzen Münzen aus der Zeit von Kaiser Augustus gefunden.

Schatzjäger unerwünscht

Wer jetzt auf die Idee kommt, seinen Indiana-Jones-Hut aufzusetzen und mit einem Metalldetektor bewaffnet durch das Feld bei Wilkenburg zu stapfen, muss sich auf eine Anzeige wegen Ordnungswidrigkeit einstellen. Die Wissenschaftler verstehen da keinen Spaß. Die Suche mit Metallsonden ist in Niedersachsen nur geschultem Personal mit Sondergenehmigung erlaubt. "Wenn wir jemanden mit einem Metalldetektor auf dem Römerlager erwischen, werden wir sehr ungehalten", so Landesarchäologe Haßmann. Der Materialwert der Münzen sei eh gering, der historische Wert jedoch unglaublich hoch - allerdings nur, wenn das Fundstück korrekt dokumentiert und verortet wird.

Karte: Fundgebiet des Römerlagers

Hinweise auf Taktik und Strategie der Römer

Das nun entdeckte Marschlager der römischen Armee ist das erste seiner Art, das in Norddeutschland nachgewiesen worden ist, wie Haßmann berichtet. Die Entdeckung sei ein herausragender Erfolg der niedersächsischen Archäologie, so Gabriele Heinen-Kljajic, Ministerin für Wissenschaft und Kultur. Die Entdeckung des Austragungsortes der Varus-Schlacht bei Kalkriese habe der Wissenschaft Hinweise auf die Guerilla-Taktik der Germanen geliefert, die Funde am Harzhorn über deren asymetrische Kriegsführung, und nun könne man anhand des entdeckten Marschlagers bei Wilkenburg die Taktik und Strategie der römischen Armee genauer erforschen, so Archäologe Haßmann.

Der Sensationsfund von Wilkenburg

Nach der Entdeckung ist vor der Entdeckung

Nun haben die Wissenschaftler einen sicheren Anhaltspunkt für ein Lager der Römer und können quasi einen Zirkel um den Fundort anlegen: Irgendwo in einem Umkreis von 20 Kilometern muss das nächste Marschlager zu finden sein, wo die Legionäre erneut in der Region Hannover nächtigten. "Es ist auf jeden Fall da", so Haßmann, "nur entdeckt haben wir es noch nicht."

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