Stand: 20.09.2017 16:10 Uhr

Wollte Sascha L. Polizisten in Sprengfalle locken?

von Angelika Henkel

Er hat geplant, Polizisten mit einem Sprengstoffanschlag zu töten - so lautet der Vorwurf der Generalstaatsanwaltschaft Celle gegen Sascha L. Der mutmaßliche Sympathisant der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus Northeim steht seit Mittwoch wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor Gericht. Drei weitere Männer sollen den 26-Jährigen dabei unterstützt haben und sind in dem Prozess vor dem Landgericht Braunschweig ebenfalls angeklagt. Der Fall im Überblick:

Weshalb steht Sascha L. vor Gericht?

Sascha L. soll vorgehabt haben, Polizisten in Sprengfallen zu locken. Diese Sprengfallen soll er selbst gebaut und mithilfe eines Mitangeklagten auch ausprobiert haben. Die Generalstaatsanwaltschaft in Celle wirft ihm vor, eine Apparatur entwickelt zu haben, mit der er aus 15 Metern Entfernung Polizisten hätte töten können. Nach Recherchen des NDR entdeckte die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in der Ein-Zimmer-Wohnung in Northeim auffällige Versuchsanordnungen und einen hochexplosiven Stoff, den sich der 26-jährige Deutsche im Internet bestellt haben soll. Einige dieser Pakete hatte die Polizei nach NDR Informationen abgefangen. Sascha L. soll früher Neonazi gewesen und heute ein Anhänger der Terrormiliz IS sein - laut Anklage hatte er Videos vorbereitet, in denen er dem IS die Treue schwört. Die Ermittler dachten zunächst, dass Sascha L. ein Einzeltäter sei, weil es zunächst keinerlei Hinweise auf eine Kommunikation mit möglichen Mittätern gab. Doch er hatte möglicherweise drei Unterstützer - diese Männer sind ebenfalls angeklagt.

Welche Rollen spielen die Mitangeklagten?

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass zwei der anderen Angeklagten - ein 27-jähriger Afghane und ein 28-jähriger Türke - ebenfalls islamistische Motive hatten. Sie sollen Sascha L. über das Internet in seinem Tat-Entschluss bestärkt haben. Außerdem sollen sie ihm Geld überwiesen haben, obwohl sie wussten, was er vorhat und das Geld möglicherweise für einen Bombenanschlag benutzen würde. Die beiden sitzen wie Sascha L. in Untersuchungshaft. Aus Sicht der Anklage war einer dieser beiden sogar bereit, potenzielle Opfer - zum Beispiel Polizeibeamte - an den Tatort zu locken. Sein Rechtsanwalt hat die Vorwürfe gegenüber dem NDR allerdings bestritten. Es spricht übrigens vieles dafür, dass sich die Angeklagten gar nicht persönlich, sondern nur über das Internet kannten.

Der dritte mutmaßliche "Helfer" - ein 21-jähriger Deutscher - gehört wohl eher zum rechtsextremen Spektrum. Auf die Spur von Wladislav S. kam die Polizei, weil sie bei Sascha L. Videos von Probesprengungen gefunden hat. Diese Videos soll Wladislav S. gedreht haben. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass er Anhänger des Nationalsozialismus ist und sich mit Sascha L. nicht nur verbunden fühlte, weil er mal bei ihm wohnen durfte, sondern weil beide miteinander eine ausgeprägte antisemitische Haltung verbinde: Deutsche und US-amerikanische Soldaten sollen sie als "Judendiener" beschimpft haben. Der Hass und die Verschwörung gingen aus Sicht der Anklage so weit, dass sie sogar töten wollten. Antisemitismus ist ja durchaus ein Merkmal, das sowohl in der rechtsextremen als auch in der islamistischen Ideologie verbreitet ist - aber dass Menschen aus beiden extremistischen Lagern eine gewaltbereite Schnittmenge entwickeln, das wäre schon ungewöhnlich. Der Prozess wird zeigen, ob und wie sehr hier tatsächlich bei allen Angeklagten politische Ziele eine Rolle gespielt haben.

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Sascha L. soll früher selbst Neonazi gewesen sein - was hat es damit auf sich?

Nach NDR Informationen ist Sascha L. vor einigen Jahren aus privaten Gründen nach Northeim gezogen. Er soll aus Berlin stammen und dort als Rechtsextremist aktiv gewesen sein. Im Internet finden sich Videos, die er selbst unter einem Pseudonym erstellt haben soll - und in denen er sich als Nationalsozialist bezeichnet. Was er selbst dazu sagt, ist noch offen. In seiner Zeit in Northeim ist er offenbar nicht nur konvertiert, sondern hat sich zum radikalen Islamisten entwickelt. Die Recherchen haben ergeben: Sascha L. wollte offenbar von Nordrhein-Westfalen aus in einem Hilfskonvoi nach Syrien mitfahren, das fiel den dortigen Sicherheitsbehörden auf. Polizisten in Northeim übernahmen - und im Laufe der Ermittlungen zeichnete sich immer mehr ab, dass es tatsächlich um hochexplosive Stoffe geht und offenkundig Gefahr drohte.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 20.09.2017 | 19:30 Uhr

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