Stand: 01.01.2016 14:58 Uhr

Wie geht es 2016 weiter im Volkswagen-Skandal?

von Jürgen Gemen

Das Autojahr 2016 beginnt ausgerechnet in den USA - bei der Motor-Show in Detroit. Es ist die größte Automesse auf dem wichtigen amerikanischen Markt, da, wo Volkswagen die größten Probleme hat. VW-Vorstandschef Matthias Müller wird dort sein und - vielleicht - entscheidende Gespräche mit den Umweltbehörden führen. Wie sollen die rund 495.000 in den USA betroffenen Diesel-Pkw so umgerüstet werden, dass sie die Grenzwerte einhalten? Spätestens am 9. Januar wollen die Umweltbehörden erklären, was sie von den vorgelegten VW-Planungen für die USA halten. Der Besuch ist heikel. Nicht jedem VW-Manager kann man derzeit eine Reise in die USA empfehlen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Behörden dort leitende Mitarbeiter eines Unternehmens festhalten, dem sie schwere Rechtsverstöße vorwerfen. VW-Markenchef Herbert Dies wird schon wenige Tage zuvor zur "Consumer Electronic Show" nach Las Vegas fahren, um dort ein VW-Elektro-Auto vorzustellen. Diess ist erst seit Mitte des Jahres bei Volkswagen. Er kann ganz unbesorgt reisen.

Ende Januar beginnt der Rückruf in Deutschland

Die Halter der 2.460.000 in Deutschland betroffenen VW-Diesel dürfen ab Ende Januar mit Post rechnen. Zunächst will Volkswagen die Autos mit 2-Liter-Motorenin die Werkstätten zurückrufen. Mitte des Jahres sind dann die Pkw mit 1,2-Liter-Motoren an der Reihe. Bei beiden Motorvarianten soll ein Update reichen, damit der Wagen die deutschen Abgasgrenzwerte künftig wieder einhält. Ab dem dritten Quartal sind dann die Kfz mit 1,6-Liter-Motoren an der Reihe. Bei ihnen ist der Aufwand etwas größer. Neben einem Update der Motorelektronik muss auch ein Plastikrohr eingebaut werden. Der sogenannte Strömungstransformator sieht aus, als gehöre er zum normalen Sortiment der Sanitärabteilung im Baumarkt. Tatsächlich wird die Röhre zwischen Luftfilter und Motor eingebaut und soll so einen sauberen Betrieb ermöglichen. Ende 2016 will VW mit der Rückrufaktion in Deutschland durch sein.

Ein Kunststoffgitter und ein bisschen Software

Interne Untersuchungen bei VW praktisch abgeschlossen

Wenn man VW-Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch glaubt, ist der Skandal im Kern aufgeklärt. Danach handelt es sich um individuelles Fehlverhalten einzelner weniger, sagt Pötsch. In dieser kleinen Gruppe seien Regelverstöße vorgekommen und akzeptiert worden. Der Vorstand habe nichts gewusst, was Pötsch als "Prozessschwäche" bewertet. Wenn das alles so einfach und überschaubar ist, stellt sich die Frage, warum Volkswagen dann erst im Frühjahr Ross und Reiter nennen will. Die von VW oft angekündigte "schonungslose Aufklärung" ist öffentlich kaum erkennbar. Intern arbeiten rund 450 VW-Mitarbeiter und beauftragte Berater an der Aufarbeitung des Skandals. Dass die niedersächsische Justiz länger brauchen wird als die internen Ermittler, ist wahrscheinlich: 20 Beschäftigte des Landeskriminalamtes und fünf Staatsanwälte in Braunschweig sind seit September ausschließlich mit VW beschäftigt. Ob Prozesse gegen Verantwortliche noch in 2016 beginnen können, ist offen.

"Einige von denen werden auf Hartz-IV zurückfallen"

Sein Leben war, ist und bleibt Volkswagen. Das hat Martin Winterkorn in seiner emotionalen Abschiedsrede erklärt. Sein Vertrag läuft weiter, für seine Pension sind in der VW-Bilanz über 26 Millionen Euro zurückgestellt. Falls man ihm eine Mitwisserschaft im Diesel-Skandal nachweisen könnte, wird er das Geld eventuell noch brauchen. Das gilt nicht nur für Winterkorn, sondern für alle anderen verantwortlichen Manager. Denn juristisch betrachtet sind sie unter Umständen auch für solche Schäden haftbar zu machen, die durch schludrige interne Kontrollen entstanden sind. Willentliches Fehlverhalten eines einzelnen Vorstandsmitgliedes ist dafür nicht nötig. "Einige von denen werden auf Hartz-IV zurückfallen", sagt deshalb ein VW-Aufsichtsratsmitglied NDR.de. In jedem Fall wird sich der Aufklärungswille von Volkswagen im Diesel-Skandal auch daran zeigen, ob der Konzern Verantwortliche nicht nur benennt, sondern wirklich verantwortlich macht. Mit allen finanziellen Konsequenzen.

Haben die Kunden noch Vertrauen in VW?

Die wohl spannendste Frage für 2016 ist aber, ob die Kunden Volkswagen weiterhin vertrauen. Ob das so ist, wird sich bald an den Absatzzahlen zeigen, die der Konzern monatlich veröffentlicht. Ob die seit November in einzelnen Märkten festzustellende Schwäche schon auf den Diesel-Skandal zurückzuführen ist, ist noch unklar. Mit Rabatten und anderen Marketing-Aktionen will VW in 2016 dafür sorgen, dass sich die Rückgänge in Grenzen halten. Wenn das nicht gelingt, werden vor allem die deutschen Standorte Schwierigkeiten bekommen. Die Verträge von Leiharbeitnehmern in einzelnen Werken sind schon ausgelaufen. Betriebsrat und Vorstand betonen aber, dass die Jobs der Stammbelegschaft sicher seien. Zumindest vorerst.

Kostet Müllers neue Strategie Jobs in Niedersachsen?

VW-Vorstandschef Müller hat klargemacht, dass er den von Martin Winterkorn betriebenen Zentralismus im Konzern zurückdrängen will. Künftig sollen mehr Entscheidungen von den zwölf VW-Marken und in den einzelnen Regionen der Welt getroffen werden. Was aber bedeutet eine solche Strategie für den Standort Niedersachsen? Wenn die Arbeit künftig seltener in Wolfsburg erledigt wird, warum sollten dann die dazugehörigen Arbeitsplätze hier bleiben? Die Frage muss man stellen. Dann müsse man eben wieder Arbeit von den Zulieferern in den Konzern zurückholen, hat VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh schon mal vorsorglich als Ausgleich vorgeschlagen. Das wird eine spannende Diskussion in der IG Metall, die nicht nur bei Volkswagen stark ist, sondern auch bei so manchem VW-Zulieferer.

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Was die unternehmensinterne Aufklärung des VW-Skandals angeht, überlässt Müller dies seinem Vorstandskollegen Francisco Javier Garcia Sanz. Manche halten das für eine Idee nicht ohne Ironie, denn der Name Garcia Sanz ist seit der Lopez-Affäre in den 1990er Jahren bei nahezu jedem Skandal im VW-Konzern aufgetaucht. So richtig geschadet hat es Garcia aber bisher nie. Er ist wohl ein Manager mit vielen Leben, die er vielleicht auch seinem Draht zu VW-Patriarch Ferdinand Piëch verdankt.

In seinem persönlichen Umfeld setzt Müller dagegen vor allem auf neue Leute, von denen viele auch von außerhalb des Konzerns kommen. Mit ihnen will Müller die künftige Strategie für Volkswagen festzurren. Bis wie weit Müller dabei in die Zukunft des Konzerns blicken will, ist noch offen. Er selbst wird im Juni 63 Jahre alt, sein Vertrag läuft über fünf Jahre. Irgendwann wird die Strategie- in die Nachfolgedebatte übergehen.

Eine gezeichnete Weltkarte. © NDR Fotograf: Hendrik Millauer / Cornelia Koller

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