Stand: 03.02.2017 16:26 Uhr

Wenn der Einsatz für Retter zur Belastung wird

von Tino Nowitzki
Rettungskräfte wie die der Feuerwehr haben es häufig mit völlig zerstörten Unfall-Autos zu tun. Oft sind die Insassen schwer verletzt oder werden tot geborgen. Die mentale Belastung kann dann extrem sein. (Archivbild)

Für den Feuerwehrmann Julien Ernst aus Helmstedt wird es kein normaler Einsatz werden. Zwar weiß er schon, dass es um einen sogenannten Unfall mit Personenschaden geht und natürlich kracht es hier in der Gegend öfter - die A 2 liegt in Hörweite der Wache. Auch Verletzte sind da oft im Spiel. Blut, gebrochene Beine - alles schon gesehen. Doch diesmal wird es Julien Ernst wirklich treffen: Derjenige, der dort zusammengequetscht im Fußbereich des roten Golf liegt, ist sein Freund aus Kindertagen. Erst erkennt er ihn nicht. Als es ihm dämmert, bekommt der Retter einen Schock. Sein Hals schnürt sich zu, er bekommt keine Luft. Erst viel später wird er darüber hinweg kommen. Solche Szenen sind für viele Rettungskräfte in Niedersachsen Alltag: Regelmäßig befreien sie Menschen - meist unbekannt, manchmal vertraut - aus Unfall-Fahrzeugen. Schwer verletzt oder tot. Doch was macht das eigentlich mit der Seele der Helfer? Können sie so eine Belastung auf Dauer aushalten?

Einsätze werden zu Critical Incidents

Für den Braunschweiger Notfall-Seelsorger Olaf Engelbrecht ist die Reaktion von Feuerwehrmann Julien Ernst nicht ungewöhnlich. Schon oft hat er Retter nach sogenannten Critical Incidents betreut. Das sind solche Einsätze, die sich besonders dramatisch auf deren Psyche auswirken. Die Auslöser für Critical Incidents können dabei unterschiedlich sein: Bei manchen, wie bei Julien Ernst, ist ein sogenannter Significant Other betroffen - also jemand, der dem Helfer besonders nahe steht. Das sind nicht immer Freunde oder Verwandte. Auch verletzte oder tote Retter-Kollegen seien eine starke mentale Belastung für Einsatzkräfte, sagt Seelsorger Engelbrecht: "Sie arbeiten zusammen und achten aufeinander. Da entstehen starke Bindungen." Manchmal sei es aber schon traumatisch, wenn das Opfer einfach eine Uniform trägt und beispielsweise gar nicht selbst zur Feuerwehr gehört.

Hilflosigkeit führt zu Herzrasen und Schlaflosigkeit

Ein starker Belastungs-Faktor: verletzte oder getötete Kinder. "Da spielt der Faktor Welpenschutz immer mit", sagt Engelbrecht. Aber auch ein besonders hohes Schadensausmaß könne Auslöser für eine psychische Belastung sein, so der evangelische Geistliche. Er selbst habe hautnah als Retter nach dem ICE-Unglück in Eschede erlebt, wie klein man sich bei so einem Unglück fühle. Aber ob großer oder kleiner Critical Incident: "Immer haben die Betroffenen das Gefühl von Hilflosigkeit", sagt Engelbrecht. Die Folgen der Extrem-Belastung sind typisch: Schlaflosigkeit, Herzrasen, Appetitlosigkeit oder im Gegenzug Esszwang. Oft klingen die Symptome recht schnell ab, sagt der Seelsorger: "Dann gibt sich das nach ein, zweimal Schlafen wieder." Gespräche mit ihm als Berater oder Kollegen und Nahstehenden können beim Verarbeiten helfen.

Längere Traumata sind die Ausnahme

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Der Feuerwehrmann Julien Ernst barg einen toten Freund aus einem Auto-Wrack - kam über die Situation aber dank Familie und Freundin hinweg.

Auch Feuerwehrmann Julien Ernst ist so über seinen Critical Indicent hinweg gekommen: "Meine Familie und meine Freundin haben mir in der Zeit danach sehr geholfen", sagt er. Nicht immer läuft es aber so ab. Manchmal hängen traumatische Erlebnisse den Rettern auch länger nach - die können sich dann körperlich äußern: Rückenschmerzen, Gelenkprobleme, Magenleiden. Auch eine Posttraumatische Belastungsstörung kann sich entwickeln. In chronischen Fällen rät Seelsorger Engelbrecht zu therapeutischer Hilfe. Derartige Folgen seien aber eher die Ausnahme, so der Geistliche. Vor allem, wenn Einsatzkräfte früh therapeutische Hilfe bekommen und erst recht, wenn die Ausbildung der Rettungskräfte dementsprechend gut ist.

Ausbildung schützt vor psychischen Schäden

Unfälle mit Verletzten und Toten

Jeden Tag sterben auf Deutschlands Straßen Menschen. In ganz Deutschland waren es in 206 bis September etwa 3.300. In Niedersachsen allein gab es nach der letzten Statistik im Jahr 2015 475 Tote durch Unfälle, darunter waren 13 Kinder. Verletzt wurden über 33.000 Menschen. Als Hauptursachen geben Polizei und niedersächsisches Innenministerium Vorfahrtsmissachtung, zu geringe Abstände und nicht angepasste Geschwindigkeit an.

Auf die achtet auch der Stadtbrandmeister der Feuerwehren in Helmstedt, Stefan Müller. Abgesehen davon, dass jeder Feuerwehrmann in seiner Grundausbildung Erste Hilfe lernen müsse, werde darauf geschaut, welcher Retter bei welchem Unfall zum Einsatz kommt. "Sind Kinder oder bekannte Personen die Opfer, nehmen wir natürlich vor allem die Kameraden, die erfahrener sind oder mit den Menschen nichts näher zu tun haben", sagt Müller. So solle sichergestellt werden, dass die Einsatzkräfte langsam an belastende Situationen herangeführt werden. Dazu müsse ein zum Einsatz fahrender Gruppenleiter sein Team natürlich gut kennen - die Retter im "Angriffstrupp" würden vorher von ihm bewusst je nach Situation ausgewählt. Trotzdem komme es ab und an vor, dass Einsatzkräfte am Unfallort unter Schock geraten. Dann, so Müller, helfen zuerst die Kameraden vor Ort.

"Schlimm ist, wenn man alles probiert und nicht weiter kommt"

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Wichtig ist eine gute Ausbildung, um Retter an die Belastung durch sogenannte Critical Incidents heran zu führen.

Zusätzlich gebe es nach jedem Einsatz eine Besprechung: Dann würden alle Telefone und Funkempfänger ausgestellt und nachgefragt, ob irgendwo Probleme gab. "Wir sind dann fast so etwas wie Psychiater", sagt der Stadtbrandmeister. Wichtig sei: Nach der genauen Ursache für die Belastung zu forschen. Nicht immer seien es nämlich verletzte Kinder oder Verwandte, die an den Nerven der Feuerwehrleute nagen. Auch Technik-Versagen kann das. Für den Wolfsburger Berufs-Feuerwehrmann Jan Lachmann ist genau das das Worst-Case-Szenario: "Das schlimmste wäre, wenn man eine Tür aufmachen muss und man probiert alles und kommt einfach nicht weiter." Schlimm auch, weil er vor einem Einsatz Situationen, wie diese, im Kopf durchgehe - ein mentales Gerüst, das eigentlich Sicherheit geben soll. Auch Seelsorger Olaf Engelbrecht sagt: Werde das durch Zwischenfälle am Einsatzort eingerissen, könne es zu den gleichen Gefühlen von Hilflosigkeit kommen wie in anderen Critical Incidents.

Nur bestimmte Charakter-Typen werden Retter

Generell komme es aber recht selten zu länger anhaltenden psychischen Problemen bei Einsatzkräften, so Engelbrecht. Ein Grund sei auch die Selbstauswahl: "Die, die zur Feuerwehr gehen, sind spezielle Typen und sind an sich recht stabil." Bei Frauen sei diese Selbstauswahl seiner Erfahrung nach oft noch stärker. Auch die Feuerwehrfrau Laura Tabea Ernst hat sich vor ihrem Dienstantritt bei der Feuerwehr Helmstedt darauf eingestellt, dass sie an der A 2 öfter schlimme Dinge zu sehen bekommt. Trotzdem sei es nicht immer leicht - gerade dann, wenn man bei Opfern einzelne Körperteile nicht mehr erkennen könne oder sogar die Angehörigen der Menschen zurückhalten müsse. "Man geht aber irgendwann mechanisch vor und erledigt seinen Auftrag", sagt die Feuerwehrfrau. Und im Notfall gebe es noch die eigenen Kameraden. Aufhören würde sie bei der Feuerwehr deswegen auch nie: "Retten ist das, was ich immer wollte."

Dieses Thema im Programm:

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