Stand: 23.03.2016 11:55 Uhr

Vier Eier sollen die Harzer Grottenolme retten

Zwei Grottenolme schwimmen im Wasser der Hermannshöhle in Rübeland.

Nur gelegentliches Tropfen ist in der Höhle in Rübeland vernehmbar. Blickt man hinunter ins seichte Wasser des künstlichen Grottensees, zeigt sich mit Glück ein Tier, das es hier und überhaupt in Deutschland eigentlich gar nicht gibt: der rund 30 Zentimeter lange, quasi blinde Grottenolm. Sieben Exemplare der seltenen Schwanzlurch-Art leben in der Hermannshöhle. Es sind die einzigen Grottenolme Deutschlands und die am weitesten nördlich lebenden überhaupt. Die Tiere sehen aus wie eine Mischung aus Regenwurm, Aal und Albinosalamander und sind alle mindestens sechs Jahrzehnte alt. Jetzt wurden in ihrem See zum ersten Mal vier Eier gefunden, und im Harz steigt die Spannung, ob daraus in ein paar Monaten Larven schlüpfen werden.

Bein ab nach Revierkämpfen

In den 1930er-Jahren beschaffte der damalige Rübeländer Höhlendirektor fünf Tiere aus den Karsthöhlen an der Adria, dem einzigen natürlichen Lebensraum der Amphibien. Er setzte sie als Touristenattraktion und Forschungsobjekte in dem künstlich geschaffenen Grottensee im Harz aus. In den 50er-Jahren importierte ein örtliches Ehepaar 13 weitere in einer Blechkanne. Markus Mende ist heute Vize-Leiter des Tourismusbetriebes der nahen Stadt Oberharz am Brocken (Sachsen-Anhalt) und zählt in seinem Büro in Rübeland die Fortpflanzungsprobleme der Olme auf: Die Tiere legen nur alle paar Jahre Eier. Bei Revierkämpfen in der Paarungsphase beißen sie sich gegenseitig schon mal Kiemenbüschel oder Beinchen ab. Und: Sie haben einen fatalen Appetit auf die eigenen Eier. Zwar können die Tiere schätzungsweise bis zu hundert Jahre alt werden. "Aber man hat immer diese Angst gehabt, dass die sterben könnten", sagt Mende. Das wäre ein Verlust - nicht zuletzt, weil sie bei den Höhlentouristen beliebt sind.

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Das Bild zeigt einen präparierten Grottenolm. Nur noch sieben dieser Tiere leben im Harz.
Kannibalischer Hunger der Grottenolme

Weil der Bestand nach Ansiedlung der Tiere aber schrumpfte, wurde professionelle Hilfe geholt. Schon 1981 führte der Hallenser Biologe Wolf-Rüdiger Große erste Geschlechtsuntersuchungen durch, untersuchte später tote, tiefgefrorene Olme auf Krankheiten und Pilze. Schließlich kamen französische und norddeutsche Experten hinzu, die den Olmensee artgerechter ausrüsteten und die wissenschaftliche Beobachtung der Tiere anleierten. Dafür ist Ute Fricke zuständig. Die Höhlenführerin sieht mit einer Kollegin jeden Tag nach den Olmen, sucht weitere Eier und verfüttert alle acht Wochen eine Ladung Tiefkühl-Mückenlarven. Seit Ende Februar überprüft Fricke außerdem wöchentlich das Wasser in den eigens für die Eier aufgestellten Aquarien. Darin ist der Nachwuchs sicher vor dem kannibalischen Hunger der Olme. Ob am Ende tatsächlich neue Grottenolme schlüpfen werden, ist unklar, sagt der Biologe Wolf-Rüdiger Große: "Man sieht es Amphibien-Eiern nicht sofort an, ob sie befruchtet sind." Wenn ja, müssten die Larven im Mai oder Juni schlüpfen. Dann könnte sich entscheiden, ob es auch in den kommenden Jahrzehnten Olme in der Rübeländer Höhle geben wird. Einfach neue etwa aus Slowenien holen - das geht heute aus Artenschutzgründen nicht mehr.