Stand: 05.02.2016 21:12 Uhr

Abgasskandal bringt VW-Bilanz ins Wanken

So viel ist sicher: Die Manipulation der Abgaswerte bei seinen Dieselmotoren wird für den Wolfsburger Autobauer Volkswagen teuer werden. Doch noch immer steht die Summe, die der Konzern dafür bereithalten muss, nicht endgültig fest. Im vergangenen Jahr hatte der Autobauer bereits rund 6,7 Milliarden Euro zurückgestellt, doch ob dieser Betrag reichen wird, ist wegen der zu erwartenden Klagewelle in den USA nicht absehbar. Analysten sprechen von Summen zwischen 15 und 100 Milliarden Euro. Die finanziellen Risiken muss Volkswagen in der Jahresbilanz benennen - zumindest ungefähr. Und dieser Abschluss hätte eigentlich Ende Februar vorliegen sollen. Doch damit tut sich Volkswagen offenkundig schwer: Am Freitag hat der Konzern angekündigt, dass die Bilanz-Pressekonferenz am 10. März und die Hauptversammlung am 21. April verschoben werden. In VW-Aufsichtsratskreisen hieß es am Freitag, die Verschiebung werde natürlich als "klassischer Krisenindikator" gewertet. Dennoch sei die Absage kein Drama, verlautete aus dem Umfeld der Kontrolleure. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD), der bei VW im Aufsichtsrat sitzt, sagte am Freitagabend im NDR Regionalmagazin Hallo Niedersachsen, dass der Vorstand mit der Verschiebung eine kluge Entscheidung getroffen habe, die im Interesse aller Beteiligten sei.

Termine vier bis sechs Wochen später

Man werde "zeitnah" neue Termine bekanntgeben, teilte der Konzern mit. Nach eigenen Angaben will Volkswagen auch im Interesse der Arbeitnehmer, der Kommunen mit VW-Standorten und der Aktionäre "größtmögliche Klarheit und Verlässlichkeit schaffen". Ein VW-Sprecher sagte, dass sich die Termine um voraussichtlich vier bis sechs Wochen verschieben werden. Zudem bekräftigte VW, dass 2015 ein Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) "auf dem Niveau des Vorjahres" erwartet werde - jedoch vor sogenannten Sondereinflüssen wie der erfolgten milliardenschweren Rückstellung für die Affäre. Die Prognose ist seit Oktober bekannt.

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Viele Fragen in den USA offen

Auch wenn sich die Wogen in den vergangenen Wochen zumindest in Europa geglättet haben, steht Volkswagen jenseits des Atlantiks vor vielen offenen Fragen: Noch ist unklar, wann und wie der Konzern knapp 600.000 manipulierte Autos in den USA nachbessern kann. Die Behörden dort hatten zuletzt einen ersten Rückrufplan abgelehnt und Nachbesserungen angemahnt. In den USA droht VW zudem der Rückkauf von rund 100.000 Wagen. Zudem sind viele juristische Risiken noch lange nicht einzuschätzen: Im schlimmsten Fall drohen VW in den USA jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen - mit ungewissem Ausgang.

Auch Porsche SE legt Zahlen später vor

Ursprünglich wollte der angeschlagene Wolfsburger Autobauer bei den jetzt verschobenen Terminen Zwischenstände zur Aufklärung des Skandals bekanntgeben. Doch nicht nur Volkswagens Bilanzpressekonferenz ist verschoben, auch die VW-Dachgesellschaft Porsche SE, die rund 50 Prozent der Stimmrechte an Europas größtem Autobauer hält, kündigte am Freitag an, die Jahres-Bilanz zu einem späteren Zeitpunkt vorzustellen. Die Holding benötigt für ihre Arbeit bei der Bilanzerstellung die Vorlage der Wolfsburger. Auch der für Ende April geplante Termin zu den VW-Zahlen des ersten Quartals ist nun hinfällig. VW hat ihn aus dem Finanzkalender bereits entfernt. Der Termin setze schließlich auf dem Jahresabschluss auf, sagte ein VW-Sprecher.

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Zeitgewinn für Buchhalter

Ob die Kostenfrage bis zur Ansetzung neuer Termine allerdings abschließend geklärt werden kann, ist offen. Die am Freitag nun bekanntgegebene Verschiebung ist offenbar vor allem der Lage in den Vereinigten Staaten geschuldet. Börsennotierte Unternehmen müssen Vorschriften für das Verbuchen von finanziellen Risiken - etwa aus Klagen - und auch für wahrscheinliche Belastungen wie Rückkäufe oder Rückrufe einhalten. In welche Quartale diese Kostenblöcke fallen, muss genau geprüft werden. Dafür brauchen die Buchhalter aber möglichst viel Gewissheit - und das kostet Zeit. Diese Zeit hat die Konzernführung mit ihrem Schritt ihren Kassenprüfern nun zunächst verschafft.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 05.02.2016 | 19:00 Uhr