Stand: 30.01.2017 11:38 Uhr

Spurensuche: Wer unterstützt die RAF-Terroristen?

von Angelika Henkel und Stefan Schölermann

Man muss nicht besonders lange suchen, um Spuren von Menschen zu finden, die offenbar bis heute die Fahne der Roten Armee Fraktion (RAF) hochhalten und den drei Abgetauchten Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg zumindest ideologisch den Rücken stärken. Fundort: die ehemals besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstraße. Dort prangt seit dem Frühling vergangenen Jahres ein mehrere Meter langes Transparent. Die Losung ist eindeutig: "Freiheit und Glück für Burkhard, Dani und Ernst. Einstellung aller RAF-Verfahren".

Unterschlupf - und mehr?

Diese Sympathiebekundung ist kein Zufall. Denn schon in den 1980er-Jahren fand mancher aus der Szene dort Unterschlupf und vielleicht auch mehr. Das Plakat - eine Einladung an die drei Abgetauchten? Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar aus Hamburg befasst sich seit Jahrzehnten mit der RAF und gilt als einer der führenden Experten auf dem Gebiet. Er deutet das Plakat so: "Das heißt zumindest, dass man sich damit identifiziert und möglicher Weise auch eine Einladung ausspricht, da in irgendeiner Weise behilflich zu sein. Das ist nicht auszuschließen."

Stichwort: RAF

Die Rote Armee Fraktion (RAF) gründet sich im Frühjahr 1970 um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Einige Medien bezeichnen die Gruppe zunächst als "Baader-Meinhof-Bande". Die Wurzeln der RAF reichen in die Studentenbewegung der späten 60er-Jahre, ihre exakte Verbindung ist jedoch unter Historikern umstritten.
Ein zentraler Begriff im Selbstverständnis der Gruppe ist "Stadtguerilla" in Anlehnung an revolutionäre Vereinigungen in Lateinamerika. Ihr gemeinsames Ziel: Veränderung des politischen Systems durch eine kleine Gruppe - auch mit Gewalt.
Einer Serie von Raubüberfällen folgt im Mai 1972 der erste Bombenanschlag der RAF auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main. Kurz danach gibt es weitere Anschläge; unter anderem auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlages in Hamburg. Innerhalb weniger Monate nehmen die Ermittler nahezu alle Mitglieder der RAF fest.

Während den Anführern der Gruppe 1975 in Stuttgart-Stammheim der Prozess gemacht wird, verübt die "Zweite Generation" der RAF immer brutalere Anschläge. Seinen Höhepunkt erreicht der Terror 1977 während des sogenannten Deutschen Herbstes, der mit der Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September beginnt. Wochenlang halten die Terroristen das Land in Atem. Am 19. Oktober 1977 wird Schleyer ermordet aufgefunden. Er ist einer von 34 Toten, die auf das Konto der RAF gehen. Einen Tag zuvor hatten sich die drei führenden RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim offenbar selbst getötet.
Eine "Dritte Generation" ändert Anfang der 80er-Jahre die Strategie und will die RAF internationalisieren. Das Morden geht dabei weiter. Erst 1998 erklärt sich die RAF für aufgelöst.

Immer noch keine heiße Spur

Wenn man heute darüber nachdenke, in welchen "Biotopen" sich die drei bewegen, müsse man auch an die Hafenstraße in Hamburg denken. Sie sei bis heute ein "Leuchtfeuer" der sogenannten Autonomen Bewegung, so Kraushaar weiter. Das wissen auch die Ermittler. Doch eine heiße Spur, die zu den dreien führen könnte, gibt es bis heute nicht. Die Suche nach Unterstützern sei bei der Fahndung ein wichtiger Baustein, sagt der Präsident des niedersächsischen Landeskriminalamtes, Uwe Kolmey: "Die Frage, ob es Unterstützer gibt, die diesen Flüchtigen beim Untertauchen helfen, sie beherbergen, die beschäftigt uns ständig."

Wer hegt noch Sympathien?

Die Frage aber ist: Wie groß ist der Kreis möglicher Unterstützer? Spielen die Ideen und mörderischen Konzepte der RAF in den Köpfen mancher heute noch eine Rolle? Und wenn ja, wie viele Menschen hegen Sympathien für die Akteure von damals und heute? Zahlen gibt es nicht - wohl aber eindeutige Spuren. Die Suche führt wieder nach Hamburg und wieder ist es ein Plakat - geklebt im Sommer des vergangenen Jahres im Schanzenviertel und an anderen Orten.

Das Markenzeichen der RAF

Diesmal ist sogar das Markenzeichen der RAF zu sehen. Der fünfzackige Stern mit einer MP5, dazu der Spruch: "Burkhard, Daniela, Volker, der Kampf geht weiter!" Gezeigt wird ein Foto vom Tatort nach dem Raubüberfall in Cremlingen am 26. Juni vergangenen Jahres. Für Kraushaar sind die Bezüge eindeutig: "Plakate, die unter Verwendung des RAF-Labels geklebt wurden, sprechen eine eindeutige Sprache."

Verfassungsschutz: Plakat ist mehr als Sympathiebezeugung

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Seit Monaten tauchen solche Plakate in Hamburg auf.

Der Chef des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, Torsten Voß, sieht in dem Plakat mehr als eine Sympathiebezeugung. "Hier haben wir tatsächlich Solidaritätsbezeugungen gegenüber Terroristen." Der Rahmen der "normalen" Gewaltbereitschaft sei hier deutlich überschritten, so Voß. Zwar werde auf diesem Feld des Extremismus zur Zeit noch keine Terrorismusdebatte geführt, da die Schwelle dafür noch nicht erreicht sei, aber: "Wir haben schon Geisteskinder in dieser Szene, die diesen Terrorismus unterstützen", meint Voß.

Ermittlungen wegen versuchten Mordes

Vor allem ein Argument ist dem Verfassungsschutz-Chef wichtig: Bei den Überfällen auf die Geldtransporter hätten die Täter Grenzen überschritten und eine bislang nicht gezeigte Brutalität an den Tag gelegt. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, dass bei der Tat ohne erkennbaren Anlass mit der Maschinenpistole auf die Besatzung der Geldtransporter geschossen wurde. Dabei wurde sogar die Panzerung des Spezialfahrzeugs durchschlagen. Auch deshalb ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen versuchten Mordes. Dies sei Gewalt und Brutalität ohne irgendeinen erkennbaren politischen Hintergrund. Wenn Sympathisanten sich mit einer solchen Form von Gewalt solidarisch erklärten, dann, so Voß, müsse die Frage gestellt werden, welche Brutalität in Zukunft in solchen Kreisen auf Akzeptanz stoßen wird. Auch dieser Aspekt bereite ihm Sorge.

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Fahndungsfotos des gesuchten Trios

Das LKA Niedersachsen veröffentlicht neue Fotos der drei gesuchten Ex-RAF-Mitglieder. Hier geht es zur Seite des Landeskriminalamtes. extern

"Geldbedarf nach wie vor hoch"

In Ermittlerkreisen wird davon ausgegangen, dass die Überfälle vor allem finanzielle Gründe hatten. Lutz Gaebel ist Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Verden. "Wir gehen davon aus, dass der Geldbedarf nach wie vor hoch ist. Das ist dadurch bedingt, dass man so etwas wie Krankenversicherung und Rentenversicherung nicht hat. Es ist deshalb mit weiteren Taten zu rechnen", sagt er.

Glorifizierung live im Rundfunk

In Teilen der linken Szene werden die Taten nach wie vor glorifiziert. Beispiel: ein Radiobeitrag, ausgestrahlt beim Internetsender Radio Flora in Hannover. Der bietet in einer Sendung vom 9. September 2016 ein Forum dafür, die Taten der drei Abgetauchten zu glorifizieren. Wörtlich ist davon die Rede, dass Klette, Garweg und Staub sich durch Abtauchen in den Untergrund dem Zugriff der "Menschenjäger" (gemeint ist die Polizei, d. Red.) entzogen hätten, und dass sie Geldtransporte und Supermärkte "enteignet" hätten, um so ihr Leben in der Illegalität zu finanzieren. Keine Rede ist in diesem Beitrag von den Opfern und den Folgen. Worte, die Hinterbliebenen von RAF-Opfern wie Hohn vorkommen müssen.

"Aus dem Film nie ausgetreten"

Sind also die Ziele und Methoden der RAF nach wie vor akut? Spielen sie eine Rolle bei einzelnen in der linksextremen Szene? Dagegen spricht, dass die sogenannte Dritte Generation der RAF das "Projekt RAF" im Jahr 1998 für beendet erklärt hatte. Doch das, so Kraushaar, muss nicht wirklich das Ende bedeuten: "Ein Projekt ist abhängig von der Zustimmung einer Gruppe von Leuten, die das mal zum Projekt erklärt haben, die das vielleicht später wieder reaktivieren - wie auch immer. Das heißt, man ist aus diesem Film nie vollständig ausgetreten."


30.01.2017 11:38 Uhr

Hinweis der Redaktion: In der vorherigen Version dieses Artikels hieß es, dass es sich bei der Waffe auf dem RAF-Logo um eine Kalaschnikow handelt. Das ist falsch, tatsächlich ist es eine MP5 des Herstellers Heckler & Koch.

 

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

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