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Der Anschlag aus der Garage

Drei Freunde treffen sich in einer Garage in einem kleinen Ort in Niedersachsen. Sie hören Musik, Alkohol fließt. Und einige Stunden später werfen sie einen Molotow-Cocktail in ein Haus, in dem Flüchtlinge leben. Die Bewohner - darunter auch einige Kinder - entkommen nur knapp. Wie konnte es dazu kommen? Wer sind die mutmaßlichen Täter? Warum haben sie den Brandanschlag verübt? Wäre die Tat möglicherweise zu verhindern oder vorherzusehen gewesen? Reporter von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" sind den Fragen nachgegangen und können die Tat jetzt nachzeichnen.

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Der Anschlag

Der Anschlag

Die Freiwillige Feuerwehr von Salzhemmendorf rückt aus. Vor wenigen Minuten - um 2.07 Uhr - ist der Notruf eingegangen: Eine Person habe einen Molotow-Cocktail auf ein Haus geworfen. Es ist Freitag, der 28. August 2015. Ein Tag, der Salzhemmendorf erschüttert.

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Der Anschlag

Tagesschau vom 28.8.2015

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Der Anschlag

Der Ministerpräsident von Niedersachsen, Stephan Weil (SPD), eilt noch am selben Tag zum Anschlagsort.

Der Anschlag

Der Anschlag von Salzhemmendorf ist eine von Dutzenden ähnlicher Taten in diesem Jahr. Es ist eine Tat, die zeigt, wie rechtsradikales Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft blühen und viel zu lange unbeachtet bleiben.

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Der Anschlag

Im Unterschied zu vielen anderen Anschlägen konnten in Salzhemmendorf innerhalb von 24 Stunden die Tatverdächtigen ermittelt und festgenommen werden. Ein Augenzeuge hatte sich gemeldet.

Wer waren die mutmaßlichen Täter von Salzhemmendorf? Und wie kam es dazu, dass sie die angebliche Schwelle "zum offenen Terrorismus" überschritten haben?

Der Anschlag

Sascha D., zur Tatzeit 24 Jahre alt, arbeitslos, Vater von einem Kind, lebt getrennt von der Mutter des Kindes.

Der Anschlag

Dennis L., zur Tatzeit 30 Jahre alt, gelernter Tischler. Er hat einen Job in einer Firma im Nachbarort.

Der Anschlag

Saskia B., zur Tatzeit 23 Jahre alt, arbeitslos, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern.

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Die Nacht des Anschlags

Die Nacht des Anschlags

Am 27. August, gegen 18.30 Uhr, treffen sich die Freunde Sascha D. und Dennis L. auf ein Feierabendbier in einer Garage in Lauenstein. Hier wohnt Dennis L., etwa fünf Kilometer von Salzhemmendorf entfernt. Es ist Donnerstagabend, ein milder Sommertag geht zu Ende.

[Die Szenen aus der Nacht sind nachgestellt.]

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Die Nacht des Anschlags

Gegen 23 Uhr kommt Saskia B. hinzu. Sie war zuvor noch bei  anderen Freunden und hat mit ihnen "Mensch ärgere dich nicht" gespielt.

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Die Nacht des Anschlags

Sie hören übers Internet Musik, Bands wie Kategorie C und Sturmwehr. Es sind Schlachtgesänge von Hooligans und der rechten Szene. Dennis L. und Sascha D. trinken den ganzen Abend über Alkohol, erst Bier, später Weinbrand. Saskia B. bleibt bei Cola. Sie will nüchtern bleiben, um noch Auto fahren zu können. Der Alkohol und die Musik habe sie hochgeputscht, sagt Sascha D. später. Ohne den Alkohol wäre ihm so etwas wohl nie in den Kopf gekommen, sagt Dennis L. - "so etwas" wie ein Brandanschlag.

Die Nacht des Anschlags

Irgendwann kommen sie auf das Thema Flüchtlinge zu sprechen. Sie reden vor allem über das Wohnhaus in Salzhemmendorf. Hier leben seit Jahren immer wieder Asylbewerber, nun seit einigen Monaten Flüchtlinge aus Syrien. Die beiden Männer hätten rassistische Sprüche gemacht, erzählt Saskia B. später, sie hätten von "Scheiß Asylanten" gesprochen, die dahin zurück sollten, wo sie herkommen.

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Die Nacht des Anschlags

Kurz nach Mitternacht bauen Dennis L. und Sascha D. den Molotowcocktail. Saskia B. behauptet später zunächst, sie hätte das nicht mitbekommen. Irgendwann gibt sie zu, dass sie daneben saß. 

Zu ihren Motiven will keiner der drei Tatverdächtigen etwas sagen, betonen jedoch, sie seien nicht ausländerfeindlich.

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Die Nacht des Anschlags

In dem tiefergelegten Golf von Sascha D. fahren sie nach Salzhemmendorf. Unterwegs halten sie kurz am Haus von Sascha D. Er wohnt in unmittelbarer Nähe zum Flüchtlingsheim und ist Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr von Salzhemmendorf. Zuhause holt er seinen Pieper ab. Später sagt Sascha D., er habe nicht gewollt, dass sein Vater aufwache, wenn der Alarm losgehe.

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Die Nacht des Anschlags

Um kurz vor 2 Uhr kommen sie vor dem Gebäude an. Sascha D. kennt es von außen wie von innen. Er besucht ab und zu einen Freund dort. Saskia B. erzählt nach der Tat, Sascha D. habe an dem Abend gesagt, unten würden "Neger" wohnen.

Saskia B. und Sascha D. bleiben im Auto mit laufendem Motor sitzen. Dennis L. schleudert den Brandsatz durch ein Fenster im Erdgeschoss.

Die Nacht des Anschlags

Die drei fahren los - ohne abzuwarten, ob das Feuer ausbricht oder nicht. Saskia B. sagt später, die beiden Männer hätten während der ersten Minuten laut gelacht. Sie erzählt der Polizei, Dennis L. habe auf der Rückfahrt noch diesen Satz gesagt: "Wenn der Neger brennt, dann feiere ich richtig." Er bestreitet das, er könne sich nicht vorstellen, das gesagt zu haben.

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Die Opfer des Anschlags

Die Opfer des Anschlags

In der Nacht des Anschlags halten sich etwa 25 Menschen in dem Haus auf. Im Erdgeschoss lebt eine Familie aus Simbabwe, eine junge Mutter mit drei Kindern. Normalerweise schläft der elfjährige Sohn in dem Zimmer, in das Dennis L. den Brandsatz schleudert. Es ist Zufall, dass er in dieser Nacht in einem anderen Raum schläft. Die Feuerwehr holt die Familie aus Simbabwe als erste aus ihrer Wohnung.

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Die Opfer des Anschlags

Feuerwehr-Einsatzleiter Michael Lang sagt, die Kinder seien apathisch gewesen.

Die Opfer des Anschlags

Im 1. Stock des Hauses wohnt Familie Kraja. Sie ist aus Syrien geflüchtet, vor dem Krieg. Seit einem Jahr ist sie hier in Salzhemmendorf. Glücklich, endlich sicher zu sein.

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Die Opfer des Anschlags

Abdul Kraja, 11 Jahre, geht in Salzhemmendorf zur Schule, 5. Klasse. Er sagt, es sei perfekt hier.

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Die Opfer des Anschlags

Die Eltern, Ghassan und Nisrin Taha Kraja, waren beide in Homs Zahnärzte. Sie sagen, in Syrien sei es immer sehr schlimm gewesen. Immer Bomben, Schüsse, Panzer, Kanonen. Sie würden jetzt alle Arten von Waffen kennen, so Nisrin Taha Kraja. Sie seien nach Deutschland gekommen, um ein friedliches, ein gutes Leben zu haben. Und nicht, um die Geschichte von Syrien zu wiederholen.

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Die Opfer des Anschlags

Als Dennis L. den Molotow-Cocktail ins Haus schleudert, schlafen sie. Nachbarn wecken die Familie Kraja und bringen sie in Sicherheit.

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Die Opfer des Anschlags

Es sei sehr schwierig für sie, sagt Nisrin Taha Kraja. Sie habe Angst gehabt, sich auf einmal wieder gefühlt wie in Syrien. Zu fühlen, dass Leute jetzt kommen, um sie zu töten. Denn in ihrem Land passierten die gleichen Dinge.

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Die Opfer des Anschlags

Abdul Kraja sagt, seine Eltern hätten noch immer Angst.

Die Vorgeschichte des Anschlags

Die Vorgeschichte des Anschlags

Wie konnte es zu dem Anschlag kommen? War es abzusehen, gar zu verhindern? Viele in Salzhemmendorf stellen sich Fragen...

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Die Vorgeschichte des Anschlags

Warum? Diese Frage stellt sich Elke L., die Mutter von Dennis L., einem der Tatverdächtigen.

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Die Vorgeschichte des Anschlags

Für den Bürgermeister des Fleckens Salzhemmendorf, Clemens Pommerening, war die Tat nicht vorherzusehen.

Die Vorgeschichte des Anschlags

Der Flecken Salzhemmendorf am Rand des Weserberglands hat etwa 9.000 Einwohner. Im Sommer 2015 kommen auch hier immer mehr Flüchtlinge an. Nichts deutet auf einen Anschlag hin. Nicht so wie in anderen Teilen Deutschlands, wo Ausländerfeinde lauthals protestieren.

Die Vorgeschichte des Anschlags

In Salzhemmendorf engagieren sich viele Einwohner für Flüchtlinge. Sie empfinden die Zuwanderung als Bereicherung. Im Sommer demonstrieren Schüler sogar gegen die geplante Abschiebung von Marwan und Mohamed Kraja, die beiden älteren Brüder von Abdul.

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Die Vorgeschichte des Anschlags

Tatsächlich keine "rechte Szene" im Ort, die gegen Ausländer hetzt? Nein, sagt Bürgermeister Clemens Pommerening.

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Die Vorgeschichte des Anschlags

Eine organisierte rechte Szene hat niemand wahrgenommen, aber rechte Äußerungen gibt es durchaus. Das zeigen Auswertungen der Handy-Chats der Tatverdächtigen. Bei Saskia B., Sascha D. und Dennis L. gehören rechte Sprüche zum Alltag.

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Die Vorgeschichte des Anschlags

Der Anwalt von Dennis L., Roman von Alvensleben, sagt, es sei nicht so einfach. Sein Mandat sei nicht rechtsradikal organisiert.

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Die Vorgeschichte des Anschlags

Sascha D. war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Salzhemmendorf und hat sogar nach dem Anschlag am Einsatz teilgenommen. Ortsbrandmeister Thomas Hölscher sagt, er habe von den rechten Umtrieben nichts mitbekommen. So etwas hätte er keineswegs akzeptiert.

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Die Vorgeschichte des Anschlags

Dennis L. sei nicht fremdenfeindlich, sagt sein Bruder, Marcel L.

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Die Vorgeschichte des Anschlags

Und die Mutter Elke L. sagt, Dennis L. selbst könne es sich nicht erklären, warum er dies getan habe.

Ein Brief aus der U-Haft

Dennis L., Saskia B. und Sascha D. sitzen seit ihrer Festnahme Ende August in Untersuchungshaft. In einem Brief an den NDR äußert sich Dennis L. zu der Tat. Wegen der Haft-Auflagen darf er sich nicht zur Motivation oder dem konkreten Tatvorgang äußern. Der ganze Brief kann als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Weiterführende Informationen

Der NDR hat weitere Informationen zur rechten Szene in Norddeutschland zusammengestellt, über Hochburgen der Neonazis, über ihre Taten. Dazu gibt es Hinweise darauf, woran rechte Gedanken und Merkmale zu erkennen sind, wie sich Rassimus im Alltag bemerkbar macht; außerdem Tipps zum Umgang mit rechter Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.

 

Weitere Informationen
15:25 min

Ein Abend in Salzhemmendorf

NDR Fernsehen

Am 28. August 2015 sollen Dennis L., Sascha D. und Saskia B. in Salzhemmendorf einen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt haben - sie sitzen in Untersuchungshaft. Video (15:25 min)

Link

Anschläge auf Flüchtlingsheime: Die Täter aus der Mitte

Mehr als 700 Angriffe auf Flüchtlingsheime gab es bereits 2015: Die Täter stammen oft aus der Mitte der Gesellschaft. Recherchen zeigen, wie ein vielerorts rassistisches Klima in Gewalt umschlägt. extern

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Fast täglich kommt es zu Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte. Nach Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" waren es seit Anfang des Jahres mehr als 60 (Stand: 17.9.) mehr

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Biedermann als Brandstifter: Wer zündet Flüchtlingsheime an?

17.09.2015 21:45 Uhr
Das Erste: Panorama

Fast jeden Tag brennt ein Flüchtlingsheim, doch die Täter werden selten ermittelt: Die Brandstifter denken häufig, sie agierten im Namen einer schweigenden Mehrheit. mehr

Credits

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Autoren/Redaktion: Britta von der Heide, Christian Baars, Georg Mascolo, Stephan Wels

Mitarbeit: Reiko Pinkert

Kamera: Sigurd Frank, Carsten Janssen, Kolja Niber, Sven Wettengel

Schnitt: Peter Mirecki

Grafik: Bastian Böhm

Musik: Michael Dommes

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