Stand: 15.05.2017 07:04 Uhr

Salzgitters Problem mit den Syrern

von Tino Nowitzki

Mittlerweile leben 5.000 geflüchtete Menschen mit einem Bleiberecht in Salzgitter - 3.300 von ihnen stammen aus Syrien. Während die Stadt gar eine magische Anziehung auf die Hilfesuchende zu haben scheint, gerät Salzgitter mit seinen 100.000 Einwohner an die Grenze seiner Kapazitäten. Das zumindest befürchtet Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU), schrieb Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) einen Brief und traf sich zum Gespräch mit ihm am Mittwoch. Das Ergebnis: finanzielle Hilfe vom Land. Wie hoch - das steht noch nicht fest. Außerdem will man in Hannover die sogenannte Wohnsitzauflage, also die Zuweisung von Wohnorten, noch einmal überdenken. Bislang lehnte das Land diese ab. Während das Wort von der "Ghettoisierung" die Runde macht, kritisieren Flüchtlingsrat und Sozial-Experten die Idee, Geflüchteten den Wohnort aufzuzwingen.

Ein Bürgersteig mit Fußgängern an einer befahrenen Straße.

Salzgitter: Wie klappt die Integration?

Hallo Niedersachsen -

Innerhalb weniger Jahre ist Salzgitter um 5.000 Menschen gewachsen. Die Stadt fühlt sich am Rande ihrer Möglichkeiten. Wie gehen Neuankömmlinge und Alteingesessene damit um?

2,84 bei 44 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Zuhause bei Freunden

Weitere Informationen

Flüchtlinge: Salzgitter bekommt Hilfe vom Land

Das Land Niedersachsen will Salzgitter unterstützen: Die Stadt fühlt sich von der großen Zahl an Flüchtlingen überfordert. Sogar eine Wohnsitzauflage soll nun geprüft werden. (03.05.2017) mehr

Fakher Alwais fühlt sich wohl in seiner neuen Heimat. Vor knapp zwei Jahren flüchtete der 33-jährige Syrer aus Damaskus vor dem Krieg nach Deutschland. Er brach sein Jura-Studium ab und ließ Teile seiner Familie zurück, um in Deutschland ein besseres Leben zu suchen. Vom Aufnahmelager Friedland ging es ohne große Umwege in den Salzgitteraner Stadtteil Lebenstedt. Von hier hatte er nur Gutes gehört. Andere Syrer sollten hier leben - Menschen mit einem ähnlichen Schicksal, wie er. Menschen, die einst genauso neu und hilflos in dem fremden Land waren. Wie sie sprach Fakher Alwais zunächst kein Deutsch. Dazu fehlte jegliche Ahnung vom Alltäglichen: Wie man eine Wohnung sucht zum Beispiel oder wie man in Deutschland zu Arbeit kommt. Die syrischen Nachbarn halfen ihm. Noch mehr gefiel ihm das Umfeld: "Alle hier sind freundlich", sagt Alwais. Rassisten habe er keine gesehen. Dazu gab es Unterstützung in besonderer Form.

Wegziehen aus Salzgitter? Schwer vorstellbar

Bild vergrößern
Der aus Syrien geflohene Fakher Alwais fühlt sich wohl in Salzgitter - weil dort Landsleute wohnen, aber auch weil er sich willkommen fühlt.

Seit seiner Ankunft besucht Alwais regelmäßig das Awista genannte Stadtteilzentrum in Fredenberg. Bereits in den 1960er Jahren, als vor allem Türken und Spätaussiedler nach Lebenstedt kamen, kümmerten sich hier Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt um Zuwanderer. Mittlerweile lernen tausende Syrer bei Awista Deutsch und bekommen Hilfe in Alltagsfragen. Für Fakher Alwais ist der Ort seit Jahren ein Anker. Hier arbeitet er mittlerweile nicht nur als Mitarbeiter im Rahmen des Bundesfreiwilligen-Dienstes und hilft anderen Flüchtlingen. Er hat auch viele Freunde gewonnen. Aus Salzgitter wegziehen? Das sei nur schwierig vorstellbar. Für Soziologen ist das ein allzu menschliches Phänomen.

Halt für Flüchtlinge aber Gefahr für die Integration

"Ethnische Communities bieten Neuankömmlingen Halt und Orientierungshilfe", sagt die Professorin für soziale Arbeit an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Christine Bauer. Schließlich sei gerade bei syrischen Kriegsflüchtlingen der psychische Druck nicht zu vernachlässigen. Wird die Community allerdings zu groß, bringe das Nachteile für die Integration - allen voran bei der Sprache. Denn die Notwendigkeit, Deutsch zu lernen sinke naturgemäß, wenn man in der Nachbarschaft nur Arabisch spricht. Doch es gebe noch weitere Probleme durch den seltenen Kontakt mit Einheimischen, sagt die Wissenschaftlerin: "Sie haben kaum mit Leuten zu tun, die verwurzelt sind, sich auskennen und Arbeit haben". Und auch der Sozialwissenschaftler Andreas Herwig von der TU Braunschweig meint: Bestimmte Migranten-Gruppen sind sozial eher schwach - und bleiben es, wenn sie nur mit anderen Migranten zu tun haben. Herwig: "Das ist eine Gefahr für den Integrationserfolg."

Brandbrief an den Ministerpräsidenten

Die Stadt Salzgitter wirkt dem bisher durch Integrationsmaßnahmen entgegen: Sprachkurse und Integrationsbegleitung, wie im Awista beispielsweise. Später kommen Integrationskurse dazu. Das alles kostet Geld. Geld, das Salzgitter nicht hat: Die Stadt ist mit 380 Millionen Euro verschuldet. Auch deswegen schrieb Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel den Brief an Ministerpräsident Stephan Weil. Darin gibt er als Grund für die Attraktivität Salzgitters auf Flüchtlinge vor allem günstigen Wohnraum an: 3.000 freie Wohnungen gebe es noch im gesamten Stadtgebiet. Tatsächlich ist auch Fakher Alwais wegen der Aussicht auf eine bezahlbare Unterkunft in die Stadt gezogen. In seinem Brief sagt Klingebiel, dass die Stadt die starke Zuwanderung zwar bisher gut gemeistert habe. "Aber jetzt wird es eng." Der Bürgermeister fordert deswegen nicht nur mehr Finanzmittel für seine Kommune. Zusätzlich pocht er auf die Wohnsitzauflage, wie sie der Bund im August letzten Jahres festlegte und die die Landesregierung bisher ablehnt.

Konzepte statt Zwang

Sie könnte Neuankömmlingen aus Syrien beispielsweise den Zuzug in bestimmte Stadtteile Salzgitters verbieten. Expertin Bauer von der Ostfalia findet das diskriminierend: Eine Wohnsitzauflage bewerte eine gesamte Personengruppe als Gefahr. Und: "Ein Wohnort darf keine Falle sein." Ähnlich hatte sich der niedersächsische Flüchtlingsrat geäußert. Danach beschneide eine Wohnsitzauflage anerkannte Flüchtlinge in ihren Rechten und stelle eine Abkehr von der Willkommenskultur dar. Der Flüchtlingsrat appelliert an Klingebiel stattdessen konkrete Aufnahme- und Teilhabekonzepte zu formulieren und umzusetzen. Auch Christine Bauer von der Ostfalia meint: ein Integrations-Management sei zielführender.

Bürgermeister fürchtet kippende Stimmung

Bild vergrößern
Politiker meinen, dass eine freie Wohnsitzwahl und ein Arbeitsplatz unerlässlich seien für eine schnelle Integration.

Ähnlich sehen das viele Parteien. Die migrationspolitische Sprecherin der niedersächsischen Grünen Filiz Polat glaubt, dass Integrationshilfen für den Arbeitsmarkt entscheidend bei der Integration seien. Maßnahmen, die Salzgitter mit Awista und eigenen Integrationslotsen teilweise bereits umsetzt. Auch Linke und FDP in Niedersachsen sind für Alternativen zur Wohnsitzauflage: Für FDP-Sprecher Robert Klein sind die freie Wahl des Wohnortes und eine schnelle Arbeitserlaubnis gar "unerlässlich" für eine schnelle Integration. Doch Oberbürgermeister Klingebiel sieht durch den massiven Zuzug an Flüchtlingen vor allem den sozialen Frieden in seiner Stadt in Gefahr: "Meine große Sorge ist, dass die traditionell gute und Flüchtlingen wohl gesonnene Stimmung bei uns umkippen wird, wenn nicht bald etwas geschieht", warnt Klingebiel und gibt als Beispiel Eltern von Kleinkindern an, die ihre Betreuungsplätze in Gefahr sähen.

Landesregierung sagt nein zur Wohnsitzauflage

Rückenwind erhält Klingebiel von seinen CDU-Kollegen auf Landesebene: Für die Landtagsabgeordnete Editha Lorberg habe die Landesregierung mit dem Verzicht auf die Wohnsitzauflage einen Fehler gemacht. Sie sei aber zwingend notwendig, um Parallelgesellschaften zu verhindern. Die Landesregierung hatte jedoch zuletzt geäußert, dass ihr Gegenden mit Parallelgesellschaften nicht bekannt sind - der Brief von Salzgitters Oberbürgermeister wurde scheinbar nicht berücksichtigt. Für die Landesregierung spricht außerdem gegen die Wohnsitzauflage, dass es nicht überall genug Wohnraum oder Arbeitsplätze gibt. Gerade dort, wo Wohnungsleerstand herrsche, gebe es oft eine angespannte Arbeitsmarktsituation.

Größter Traum: Hilfe zurückgeben

Ein Problem, das derweil auch der geflohene Syrer Fakher Alwais in seinem Stadtteil beobachtet: "Hier gibt es einfach nicht genug Arbeit für alle", sagt er. Würden jetzt noch ein paar Tausend seiner Landsleute nach Lebenstedt kommen, sei es zu viel. Eine Wohnsitzauflage sieht er mit gemischten Gefühlen: Sie sei zwar irgendwie nachvollziehbar. Für die Syrer, die Verwandte in Salzgitter haben und deswegen dorthin wollen, wäre sie aber traurig. Er selbst überlegt, irgendwann nach seinem Integrationskurs aus der Stadt wegzuziehen. In Braunschweig will er seinen Jura-Abschluss machen und hofft, dort vielleicht auch eine Arbeit zu finden. Auch nach Syrien zurück zu gehen sei für ihn eine Option, sobald dort wieder Frieden herrscht. Lieber aber würde er in Europa bleiben: Sein größter Traum sei, eines Tages bei den Vereinten Nationen zu arbeiten. Die Hilfe, die er in Deutschland bekommen habe, sagt Alwais, will er anderen Menschen zurückgeben.

Weitere Informationen
09:08

Wie Flüchtlinge bei uns in den Alltag finden

18.04.2017 21:15 Uhr
Panorama 3

Drei geflüchtete Menschen - drei Geschichten. Nach ihrer Flucht aus Syrien und Afghanistan sind sie dabei, ihren Weg in die die deutsche Gesellschaft zu finden. Video (09:08 min)

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 14.05.2017 | 19:30 Uhr

Flüchtlinge: Salzgitter bekommt Hilfe vom Land

Das Land Niedersachsen will Salzgitter unterstützen: Die Stadt fühlt sich von der großen Zahl an Flüchtlingen überfordert. Sogar eine Wohnsitzauflage soll nun geprüft werden. mehr

Bahi Abouhassan will die Wissenschaft aufmischen

Bahi Abouhassan kam als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland und zählt heute - keine zwei Jahre später - zu den größten naturwissenschaftlichen Nachwuchstalenten im Land. (17.02.2016) mehr