Stand: 23.08.2015 16:30 Uhr

Ein Retter für Til Schweigers Flüchtlingsheim?

von Stefan Schölermann
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Aus der ehemaligen Rommel-Kaserne in Osterode soll ein Flüchtlingsheim werden.

Der Mann hält die Lösung für die verfahrene Situation um die ehemalige Rommel-Kaserne in Osterode offenbar in Händen - und er meint es ernst: Carsten Jungclaus ist die Seriosität - so scheint es zumindest - quasi in die Wiege gelegt. Er stammt aus einer angesehenen hanseatischen Kaufmannsfamilie und ist ihr bis heute geschäftlich verbunden. Zwar lebt der 48-Jährige mittlerweile im Ausland, mit Wohnsitzen in Zürich und New York, unterhält aber bis heute enge Kontakte in seine Heimatstadt Hamburg. Wer Zugang zur Führungsetage der traditionsreichen hanseatischen Privatbank Donner & Reuschel mit Sitz an der Binnenalster hat, dem ist zu glauben, dass er sich finanziell in der Lage sieht, das Projekt in Osterode zu stemmen. Im Gespräch mit NDR Info hat der Wahlschweizer Sonnabendnachmittag seine Absicht bestätigt, sich grundsätzlich in Sachen Rommel-Kaserne engagieren zu wollen.

Schon seit März Interesse am Gelände

Das Projekt in Osterode kennt Jungclaus seit März. Seitdem hat er Erkundigungen eingezogen, hatte Kontakt zu allen Beteiligten: vom Innenministerium bis hin zum Bürgermeister von Osterode. Das Gelände hat Jungclaus ebenfalls in Augenschein genommen. Auch den Eigentümer des Areals, den Stader Geschäftsmann mit den zweifelhaften Bilanzen, Wolfgang Koch, und dessen Kompagnon Jan Karras hat er kennengelernt.

Schweiger bestätigt Kochs Rückzug

Koch hat nach Angaben des Schauspielers Til Schweiger mittlerweile seinen Rückzug aus dem Projekt erklärt. Das Vorhaben von Koch und Co. sei von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, lautet die Einschätzung von Carsten Jungclaus. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern weil es Koch offensichtlich auch an nötigem Know-how fehle. Menschen, die Zugang zu den Räumlichkeiten hatten, hätten berichtet, dass große Mengen Billigwaren und Gebrauchtteile in manchen Räumen der Kaserne gelagert seien. Offenbar sei auch das ein Geschäftsfeld von Wolfgang Koch.

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Hotelier als Beirats-Mitglied

Carsten Jungclaus selbst sieht sich da offenbar nicht nur in finanzieller Hinsicht besser präpariert: Als Mitglied in einem Beirat für das Vorhaben Rommel-Kaserne habe er beispielsweise einen Mann gewonnen, der Erfahrung hat mit weit größeren Investitionsvorhaben: Gert Prantner, früherer Direktor des Hamburger Hotels Vier Jahreszeiten, heute Inhaber einer global tätigen Firma, die Hotels errichtet und betreibt, und weltweit Kontakte zu Baufirmen hat. "Das ist ein anderes Kaliber", sagt Jungclaus. Zwar habe er gelegentlich Kontakt zu Koch gehabt, nach dem Bekanntwerden des Til-Schweiger-Interviews sei die Verbindung aber plötzlich abgerissen. Wochenlang habe es keinen Kontakt mit dem Grundstückseigentümer und keinerlei Informationen gegeben. Mittlerweile habe man aber wieder eine Gesprächsbasis gefunden, heißt es aus dem Büro von Jungclaus.

Ministerium hält an Osterode fest

Nach dem von Schweiger gegenüber der "Frankfurter Rundschau" (Sonnabendausgabe) verkündeten Rückzugs des Stader Geschäftsmannes aus dem Projekt sind die Chancen von Jungclaus gestiegen, das Areal zu erwerben und neuer Eigentümer des Geländes zu werden. Denn Wolfgang Koch will das Grundstück laut Schweiger wieder verkaufen. Das Innenministerium bekräftigte am Sonnabend nochmals, an den Plänen für die Erstaufnahmeeinrichtung in Osterode festhalten zu wollen. Bisher verhandle man mit dem im Grundbuch eingetragenen Eigentümer. Diese Gespräche sollen fortgesetzt werden. Jungclaus könnte schon bald dieser Gesprächspartner sein.

Zehn Millionen für Erstaufnahmestelle

Jungclaus Pläne klingen realistisch: Um das Areal als Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge herzurichten, seien rund zehn Millionen Euro nötig. Eine Summe, die auch NDR Info bereits mehrfach publiziert hatte. Der Stader Geschäftsmann Wolfgang Koch war von lediglich 1,5 Millionen Euro ausgegangen. Insider hatten diese Summe als viel zu gering belächelt.

Unterkunft muss besonders "vorzeigbar" sein

"Es ist klar, dass ein privater Investor im Rampenlicht steht, wenn er solch ein Projekt umsetzen will", beschreibt Jungclaus seine Situation. Deshalb müsse es ein "Vorzeigeprojekt" werden, sagt der 48-Jährige und fügt hinzu: "Der Begriff 'Vorzeigeprojekt' stammt in dieser ganzen Angelegenheit von mir." Gemeint sei aber nicht, dass das Objekt besser sein müsse als andere - nur eben in besonderem Maße vorzeigbar. Errichten ja, betreiben nein: Einen niedersächsischen Politiker ließ Jungclaus kürzlich wissen: "Ich kann das Projekt falls gewünscht finanzieren, aber nur mit gemeinnützigem Betreiber und unter Beteiligung aller Gesellschaftsgruppen vor Ort als übergreifendes Sozialprojekt."

Ende vom Rummel um die Rommel-Kaserne?

Frank Kosching, er sitzt für die Partei Die Linke im Osteroder Kreistag, lässt das hoffen: "Das ist exakt, was ich mir seit dem Frühjahr wünsche. An diesem Versprechen muss sich Jungclaus jetzt auch messen lassen." Auch die unlängst gegründete Stiftung von Schauspieler Til Schweiger sei eingeladen, sich in Osterode zu engagieren, so Kosching zu NDR Info.

Jungclaus zumindest ist erfolgreicher Kaufmann und deshalb auch Realist: Vielleicht gehört auch daher der Rummel um die ehemalige Rommel-Kaserne bald der Vergangenheit an.

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