Stand: 16.06.2015 17:05 Uhr

Rat kritisiert "Isolationslager" für Flüchtlinge

An der geplanten Unterbringung von Flüchtlingen auf dem früheren Truppenübungsplatz bei Ehra-Lessien im Landkreis Gifhorn übt Niedersachsens Flüchtlingsrat scharfe Kritik. Der Rat wirft der Kreisverwaltung vor, "Isolation und Ausgrenzung" der betroffenen Asylsuchenden zu betreiben. Nirgendwo sonst in Niedersachsen gebe es ein vergleichbar abgelegenes "Dschungelcamp" im Wald, sagte der Geschäftsführer des Rates, Kai Weber. Gifhorns Landrat Andreas Ebel (CDU) wies die Vorwürfe vehement zurück. "Die Kritik ist unangemessen", sagte er.

Wäre altes Krankenhaus eine Alternative?

Tatsächlich liegt die Kaserne mitten im Wald, umgeben vom ehemaligen Truppenübungsplatz. Die nächste kleine Ortschaft in knapp anderthalb Kilometer Entfernung ist Ehra-Lessien. In Niedersachsen sei der Landkreis Gifhorn der einzige, der Flüchtlinge sozusagen fernab der Zivilisation unterbringe, sagt Weber. Kritiker wie der Geschäftsführer des Flüchtlingsrates betonen, dass es durchaus Alternativen zu der ehemaligen Kaserne gegeben hätte. In Gifhorn stehe etwa ein altes Krankenhaus leer, das als Unterkunft für Flüchtlinge geeignet sei. Schuld an der Misere sei, dass der Landkreis die Flüchtlinge auf insgesamt zehn Gebietseinheiten verteilen wolle und diese Gebiete verpflichte, geeigneten Wohnraum zu beschaffen.

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"Diese Kaserne ist kontraproduktiv und falsch"

Kai Weber vom Flüchtlingsrat findet harsche Worte für die Unterkunft nahe Ehra-Lessien. Er bezeichnet die ehemalige Kaserne als "abgelegenes Dschungelcamp mitten im Wald". Video (03:23 min)

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"In einem Jahr wird es hier anders aussehen"

Gifhorns Kreisrätin Evelin Wißmann sieht keine Alternative zu der Unterkunft in der ehemaligen Kaserne nahe Ehra-Lessien. Sie versichert, die Unterkunft werde noch "behaglicher". Video (06:55 min)

Landkreis weist Kritik zurück

Der Landkreis wehrt sich gegen die Kritik: Für die Flüchtlinge werde extra ein Shuttle-Service zur nächstgelegenen Bushaltestelle eingerichtet, so Gifhorns Erste Kreisrätin Evelin Wißmann. Auch Fahrräder seien angeschafft worden. Landrat Andreas Ebel verwies darauf, dass dem Landkreis bereits seit Oktober 800 weitere Flüchtlinge zugewiesen worden seien. "Wir haben die Verpflichtung, diese Menschen adäquat unterzubringen", sagte Landrat Ebel. Es sei immer der Ansatz des Landkreises gewesen, dies wohnortnah zu tun. "Es zeichnete sich aber ab, dass kein Wohnraum zur Verfügung steht", sagte der CDU-Politiker. "Wir haben nach Wohnräumen und Gebäuden gesucht."

1,3 Millionen Euro für den Umbau

Nach Angaben des Landkreises wurden 1,3 Millionen Euro investiert, um die fünf Gebäude für die Unterbringung von maximal 220 Menschen auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz herzurichten. Am Dienstag haben bereits zwei Familien aus Montenegro die Unterkunft bezogen.

Deutschland erwartet 300.000 Flüchtlinge

Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland steigt weiter an: 300.000 erwartet das Bundesamt für Migration dieses Jahr in Deutschland. Der Bund hat die finanzielle Unterstützung für Länder und Kommunen auf eine Milliarde Euro verdoppelt, nicht zuletzt, damit die Flüchtlinge besser untergebracht und integriert werden können.

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NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.06.2015 | 12:00 Uhr