Stand: 06.01.2016 18:37 Uhr

Rätsel um Aufenthalt tschetschenischer Familie

von Tino Nowitzki

Die dreiköpfige tschetschenische Familie, die Anfang der Woche in der Gifhorner Flüchtlingsunterkunft Clausmoorhof erwartet worden war, ist nie dort angekommen. Das teilte der Landkreis Gifhorn mit. Dieser hatte die 52-jährige Mutter und ihre beiden 11- und 14-jährigen Kinder Anfang Dezember in ihre Heimat abgeschoben. Weil der Vorgang aber offenbar rechtwidrig war, holte man sie zurück nach Deutschland. Nach Aussage der Ersten Kreisrätin Evelin Wißmann hatte sich die Familie am Dienstag noch in der Ausländerstelle des Landkreises gemeldet. Plötzlich aber war sie nicht mehr auffindbar.

Ursprüngliches Zimmer bereits belegt

"Sie sollten eigentlich in Clausmoorhof untergebracht werden", sagte Wißmann. "Das wollte die Familie aber nicht." Bevor man die Tschetschenen ausgewiesen hatte, lebten sie in einer Flüchtlingsunterkunft in Meinersen in der Nähe von Gifhorn und dorthin hätten sie auch gerne zurückgewollt. Die Ausländerstelle lehnte dies jedoch ab. Der Grund: Das ursprüngliche Zimmer sei bereits wieder vergeben worden und das einzig freie wäre viel zu klein für eine dreiköpfige Familie. "Wir wollten uns nicht vorwerfen lassen, wir pferchen traumatisierte Flüchtlinge in einen Karnickelzwinger", so Wißmann. Sie vermutet, dass die tschetschenische Familie daher einfach verschwunden sei. Der Aufenthaltsort sei ungewiss: "Wahrscheinlich sind sie aber hier irgendwo in der Stadt."

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Die tschetschenische Flüchtlingsfamilie sollte am Dienstag in der Flüchtlingsunterkunft in Gifhorn eintreffen. Dort ist die Familie aber nie angekommen. Bildergalerie

Landkreis stellt Umzug in Aussicht

Verboten sei das nicht, schließlich wären Flüchtlinge keine Gefangenen, sagte Wißmann. "Wir werden sie jetzt nicht polizeilich suchen lassen." Trotzdem glaubt die Kreisrätin, dass sich die Mutter bald melden werde, denn sonst bekommt die Familie keine Asyl-Leistungen. Auch in Sachen Unterkunft sei man beweglich: Zwar sei Clausmoorhof in Augen des Landkreises nach wie vor die beste Möglichkeit. Wenn aber in Meinersen ein Zimmer frei würde, das groß genug für die Familie sei, spreche nichts gegen einen Umzug.

Ein Kind soll traumatisiert sein

Inken Stern, die Berliner Rechtsanwältin der Tschetschenen, sieht das ganz anders. Ihrer Meinung nach sei die Familie nicht absichtlich verschwunden. "Nur weil sich jemand ein paar Tage nicht meldet, ist er doch nicht gleich untergetaucht", sagte Stern. Sie selbst habe noch in den letzten 48 Stunden Kontakt zu ihren Mandanten gehabt. Sie könne auch verstehen, wenn die Familie nicht nach Clausmoorhof will: Eines der Kinder sei schwer traumatisiert und eine Psychologin habe von einem Wohnortwechsel abgeraten.

Anwältin sieht Schuld beim Landkreis

Unterdessen ist die Anwältin immer noch verärgert über das Vorgehen des Landkreises: Der hatte die tschetschenische Familie abgeschoben, obwohl das Asylverfahren noch nicht abgeschlossen war. Das Verwaltungsgericht wollte die Abschiebung noch stoppen - zu diesem Zeitpunkt saßen die Mutter und ihre Kinder aber schon im Flugzeug. Für Stern ist die Abschiebung rechtswidrig gewesen, und die Tatsache, dass man die Familie auf Amtskosten mit dem Flieger zurück geholt habe, zeige die Schuldeinsicht. Trotzdem überlegt die Anwältin weitere rechtliche Schritte: "Man kann über Strafanzeigen schon nachdenken."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 06.01.2016 | 17:00 Uhr