Stand: 18.09.2017 10:56 Uhr

QR-Code in der Kirche: Mit dem Handy zu Gott?

von Tino Nowitzki

Die Kirche: das Haus Gottes. Ein Raum für Stille und Andacht. Ein Platz, an dem der geschundene Leib Jesu als Mahnmal für die Menschheit hängt. Mit anderen Worten: der letzte Ort, an dem man Menschen mit gezücktem Handy erwartet. Und doch könnte genau das die Zukunft sein. Zumindest wenn es nach den Mitarbeitern der Paramenten-Werkstatt im Helmstedter Kloster St. Marienberg geht. Normalerweise werden hier sakrale Ornamente kunstvoll auf Gewebe gestickt, um anschließend auf dem Talar eines Pfarrers zu prangen oder über dem Altar für feierliche Stimmung zu sorgen. Nun aber kommt von dort Altarschmuck mit einem waschechten QR-Code drauf. Die Idee: christliche Inhalte für ein junges Publikum bereitzustellen. Und nebenbei vielleicht zu Gott zu finden. Heißt es also bald: Predigt aus - Handy raus!?

Sakrale Stickkunst für das Handy

Von Luther zum Handy-Code

Schuld ist Martin Luther. Der konnte zwar noch nichts von Handys oder gar von QR-Codes wissen. Trotzdem hat er Anteil daran, dass sie in evangelischen Kirchen bald klassische Symbole wie Fisch oder Weinrebe ablösen könnten. Denn es war die Suche nach neuen Ideen für das Reformations-Jubiläum, die Mechtild von Veltheim als Leiterin der Helmstedter Paramenten-Werkstatt auf die abstrakten Zeichen brachte. "Ich saß in einem Hotelzimmer und blätterte in einem Magazin und sah diesen Künstler, der sich mit QR-Codes beschäftigt", sagt von Veltheim. Der Berliner QR-Künstler Michael Weisser zögerte nach ihrer Anfrage auch nicht lange und lieferte den Entwurf: Ein knallrotes, würfelförmiges Gebilde auf weißem Grund, umrandet von schwarzen Flecken. Ziemlich abstrakt, das gibt auch Werkstatt-Leiterin von Veltheim zu. Dennoch habe das Muster sie und ihre Kollegin schnell fasziniert.

Die Kloster-Vorsteherin des Klosters Marienburg, Mechtild von Veltheim, spricht vor der Kamera. © NDR

QR-Botschaften in der Kirche

Die sonntägliche Predigt zum Nachlesen auf dem Handy, zusätzliche Infos zum Gottesdienst oder einen Bibeltext - der QR-Code in der Kirche könnte verschiedene Botschaften transportieren.

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Extrem akribische Arbeit

Die Herstellung war jedoch recht kompliziert. Schließlich muss so ein QR-Code ja absolut exakt gearbeitet sein, um vom Handy gelesen werden zu können. "Ich hielt die Idee deswegen zuerst für verrückt. So extrem genau müssen wir normalerweise auch nicht arbeiten", sagt Paramenten-Stickerin Roswitha Karerr-Pollak. Also wandte sie eine besondere Technik an: Die Sticker-Meisterin schnitt sich Satin-Band zurecht, steckte es auf ein großes Stück Stoff und verflocht es ganz akribisch nach Vorlage. "Sonst hätte das nie geklappt", so Karerr-Pollak. 25 Meter Satin habe es dafür gebraucht und sehr viel Konzentration. Gedauert hat das gesamte Projekt etwa zwei Jahre. Dementsprechend erleichtert waren sie und ihre Kolleginnen, als der Code am Ende tatsächlich funktionierte.

Landeskirche: Handy im Gottesdienst schwer vorstellbar

Hält man das Smartphone samt App vor den wie ein Teppich mit Muster wirkenden Code, gelangt man derzeit noch auf die Homepage der Paramenten-Werkstatt. Doch Werkstatts-Leiterin von Veltheim hat noch ganz andere Ideen: In Zukunft hätten andere Kirchen die Möglichkeit, sich das Parament auszuleihen und ganz individuell mit Inhalten zu hinterlegen: "Das könnten historische Geschichten zur Kirche sein, christliche Lieder oder Texte von Predigten", sagt die Kloster-Vorsteherin. Anfragen gibt es bisher allerdings noch nicht, deswegen wird das QR-Parament zunächst in der romanischen Kirche des Klosters St. Marienberg hängen. Die Evangelische Landeskirche Braunschweig hat aber ohnehin etwas Bauchschmerzen bei der Sache: "Als Kunstwerk ist das wunderbar", sagt Landeskirchen-Sprecher Michael Strauß. Als gängige Praxis im Gottesdienst aber? Da habe er seine Zweifel. Der Gottesdienst sei schließlich geistliche Kommunikation zwischen echten Menschen, also Pfarrer und Gemeinde und deswegen absichtlich ein handyfreier Raum. "Ich tue mich schwer mit dem Gedanken, dass dort plötzlich Menschen mit ihren Smartphones in der Hand sitzen", so Strauß.

QR-Code als Weg zur inneren Mitte

Paramenten-Werkstattsleiterin Mechtild von Veltheim sieht das lockerer: "Manchmal ist die Predigt auch so, dass man nicht die ganze Zeit zuhören möchte. Da möchte man auch was fürs Auge haben". Und im Zweifelsfall könne der Pfarrer ja auch ein Handy-Verbot erteilen. Ohnehin sei das QR-Parament durchaus geeignet, um durch bloßes Anschauen zu Gott zu finden: "Gott ist ja immer die innere Mitte und unser Parament in seiner Form sehr zentriert", sagt von Veltheim. Außerdem könne das geschickte Einbinden moderner Technik in den Gottesdienst vielleicht mehr junge Leute in die Kirche ziehen. Am Ende, da ist sie sich sicher, wird sich die erste Aufregung um QR-Paramente auch legen. Ähnlich wie um die weiblich geschnittenen Talare, die einst in der Paramenten-Werkstatt entworfen wurden und um die es zunächst einen Aufschrei gab. Durchgesetzt haben sie sich am Ende doch. Prominente Trägerin: die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 24.02.2017 | 19:30 Uhr

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Die Stickerinnen der Helmstedter Paramenten-Werkstatt haben ein sakrales Parament mit einem QR-Code entworfen. Zwei Jahre wurde an dem Werk gearbeitet. Bildergalerie

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