Stand: 08.11.2017 21:04 Uhr

Nacktbilder abgehängt: Selbstzensur in Göttingen?

Sind einige Bilder, die eine Künstlergruppe bis vor wenigen Tagen in der Hauptmensa der Universität Göttingen gezeigt hat, sexistisch oder antisemitisch? Sowohl Gruppen und Vertreter der Hochschule und genauso die Jüdische Gemeinde Göttingen haben die Ausstellung mit dem Titel "Geschmackssache" scharf kritisiert. Die Künstler haben reagiert - und alle 45 Bilder abgehängt. In einer gemeinsamen Erklärung der Gruppe "KomiTee" mit dem Studentenwerk hieß es, man habe zu keinem Zeitpunkt "herabwürdigende Darstellungen von Juden wieder aufleben lassen" wollen.

Bilder einer Ausstellung: Zu deftig für die Mensa?

Studentenwerk: Hinweise auf Aktionen gegen Ausstellung

Es habe Hinweise gegeben, dass Gegner Aktionen planten, sagte der Geschäftsführer des Studentenwerks, Jörg Magull. Man habe eine Eskalation vermeiden wollen. Der Allgemeine Studierenden-Ausschuss (AStA) und andere Studentengruppen hatten die Darstellung von nackten Brüsten und eines Pos kritisiert, weil damit Frauen "in objektifizierender Weise" gezeigt würden. "Ich teile die Sicht, dass die Ausstellung Bilder mit diskriminierendem und sexistischem Inhalt enthält", bekräftigte Doris Hayn, die Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule.

Einstein-Karikatur: Studentenwerk und Künstler entschuldigen sich

Die Jüdische Gemeinde Göttingen bemängelte zudem eine von der Künstlerin Ulrike Martens geschaffene rosafarbene Karikatur, auf der Albert Einstein mit herausgestreckter Zunge und Schweineohren zu sehen ist. Eine Sprecherin des Zentralrats der Juden sagte, der Kritik der Jüdischen Gemeinde sei nichts hinzuzufügen. Studentenwerks-Geschäftsführer Magull beteuert, es gebe in seiner Einrichtung und auch bei den ausstellenden Künstlern keinerlei antisemitische Tendenzen: "Wir haben aber nicht im Blick gehabt, dass dieser Eindruck durch das Bild entstehen könnte", sagte er. Alle Beteiligten hätten in dem Bild von Einstein den Menschen mit seinem Humor und Wortwitz gesehen, nicht den Juden Einstein.

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Künstler erschrocken und enttäuscht

Die dem "KomiTee" angehörende Göttinger Künstlerin Marion Vina sagte: "Wir sind von den Vorwürfen überrannt worden." Sie selbst sei erschrocken über die massiven Vorwürfe. Ihre eigenen Bilder mit der Darstellung unbekleideter Menschen seien "eher harmlos im Vergleich zu vielem, was in der Werbung zu sehen ist". Zudem handele es sich bei allen Bildern der Ausstellung um Satire. Sie hätte sich einen Dialog mit den Kritikern gewünscht. "Es ist schade, wenn das Studentenwerk in einem universitären Umfeld, das sich der Aufklärung verpflichtet fühlt, satirische Kunstausstellungen, die auch provozieren können, nicht zeigen kann", heißt es in der Erklärung.

Vetter-Liebenow: "Selbstzensur keine gute Lösung"

Für die Freiheit von Zeichnern plädierte indes die Direktorin des Wilhelm-Busch-Museums für Karikatur und Zeichenkunst, Dr. Gisela Vetter-Liebenow. "Man sollte immer über Kunst diskutieren", sagte sie im Gespräch mit NDR.de. Wenn aber ein Bild für den persönlichen Geschmack einer Person zu weit gehe, müsse das nicht automatisch für andere gelten: "Über Kunst und Satire kann man debattieren und durchaus auch streiten. Wenn allerdings Zensur oder auch Selbstzensur erfolgt, ist das keine gute Lösung. Denn dann sind wir auf dem Weg in eine unfreie Gesellschaft." Natürlich sollten mit Zeichnungen keine Gesetze gebrochen werden, weil etwa Persönlichkeitsrechte nicht geachtet wurden oder der Tatbestand der Beleidigung erfüllt ist, sagte Vetter-Liebenow. "Um das zu klären, gibt es aber in Deutschland Gerichte."

Deutscher Kulturrat: Freiheit nicht leichtfertig aufgeben

Auch der Deutsche Kulturrat, der Spitzenverband der Bundeskulturverbände, äußerte sich besorgt darüber, dass die Kunstfreiheit in Frage gestellt werde. Hochschulen seien öffentliche Räume, in denen die grundgesetzlich verbriefte Kunstfreiheit gelte, sagte Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann. Er forderte deshalb diejenigen auf, die das Abhängen der Bilder durchgesetzt haben, ihre Haltung zu überdenken. "Die Studierenden und die Professoren sollten die Freiheiten in unserem Land, gerade auch im eigenen Interesse, mit Nachdruck verteidigen und nicht leichtfertig aufgeben. Debattieren ja. Zensieren nein!", sagte Zimmermann.

Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 Uhr | 08.11.2017 | 18:00 Uhr

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