Stand: 08.01.2016 20:58 Uhr

Klingebiel-Zelle: Neuer Zeitzeuge aufgetaucht

Das NDR Dokudrama "Ausbruch in die Kunst - Die Zelle des Julius Klingebiel" hat in diesem Jahr viele Menschen in ganz Deutschland bewegt. Der Film erzählt die tragische und berührende Geschichte des Patienten Julius Klingebiel, der 1940 in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie Göttingen gesperrt wurde. In mehr als 20 Jahren Einzelunterbringung wurde er dort zum Künstler. Nach Ausstrahlung des NDR Dokudramas meldete sich ein neuer Zeitzeuge, der Julius Klingebiel zu Lebzeiten regelmäßig in seiner Zelle besucht und ihm beim Malen über die Schulter gesehen hatte: Der Jurist Gerd Harms machte vor über 50 Jahren als Student ein Praktikum in der Psychiatrie Göttingen. Seine Erinnerungen bringen den Kunsthistorikern nun wichtige neue Erkenntnisse, um Julius Klingebiels Bilder zu verstehen. Er kann sogar helfen, die Menschen auf der Wand zu benennen, denn Klingebiel hatte ihm damals erklärt, wen er gerade malt.

Farbe aus Spucke, Brot, Milch und Urin

Der 1965 verstorbene Julius Klingebiel war ein gelernter Schlosser aus Hannover. Nach zwei schweren Arbeitsunfällen bekam er anfallartige, starke Kopfschmerzen und fühlte sich verfolgt, die Ärzte attestierten ihm eine paranoide Schizophrenie. 1940 kam er in die Psychiatrie in Göttingen. Nach zehn Jahren Isolation begann er, die Wände seiner Zelle zu bemalen. Dabei mischte er Farbe aus allen Materialien, die er zur Verfügung hatte: Kohlereste, Steine, Baumrinde, Spucke, Brot, Milch und Urin. Zeitzeuge Gerd Harms erinnert sich daran sehr genau. Er brachte Julius Klingebiel später Farbkästen zum Malen mit.

Bildergalerien
7 Bilder

Zelle 117: Schizophrenie in Form und Farbe

Jahrelang hat der 1965 verstorbene Psychiatrie-Patient Julius Klingebiel die Wände von Zelle 117 in Göttingen bemalt. Nur selten war seine Kunst der Öffentlichkeit zugänglich. Bildergalerie

International bedeutendes Werk der "Outsider-Art"

Heute gelten Klingebiels Wandmalereien als international bedeutendes Werk der sogenannten Outsider-Art, also Kunst, die von psychisch erkrankten Laien ohne künstlerische Vergangenheit geschaffen wird. Klingebiels Bilder wurden erst 50 Jahre nach seinem Tod einer breiten Öffentlichkeit bekannt - für das NDR Dokudrama durfte zum ersten Mal ein Fernsehteam in der Originalzelle des Psychiatriepatienten drehen.