Stand: 18.10.2017 12:17 Uhr

Kleiner Verlag landet den nächsten Volltreffer

von Marco Schulze
Bernd Beyer hat mit seiner Biografie über den früheren Bundestrainer Helmut Schön das "Fußballbuch des Jahres" geschrieben.

"Die Werkstatt" hat es wieder getan. Der kleine Göttinger Verlag hat bereits zum vierten Mal einen Buchtitel verlegt, der kurz nach der Veröffentlichung zum "Fußballbuch des Jahres" gekürt wurde. Kein Verlag hat den seit 2006 verliehenen Preis häufiger gewonnen. Und daran ist vor allem Bernd Beyer "schuld". Der 67-Jährige ist nicht nur der preisgekrönte Autor des aktuell ausgezeichneten Buches, sondern auch einer der Verlagsgründer. Über mehrere Jahrzehnte hat er als Chef-Lektor und Programmleiter das inhaltliche Profil des Verlages bestimmt. Auch heute ist er noch in der Geschäftsführung tätig. Mit seinem Buch über den früheren Fußballtrainer Helmut Schön hat er die Jury überzeugt. Kein Autor vor ihm hat sich an die Biografie des erfolgreichsten Bundestrainers der deutschen Fußballgeschichte herangewagt. Schön gewann als bisher einziger National-Coach sowohl die Welt- als auch die Europameisterschaft.

"Wir versuchen, wie Handwerker alles selbst zu machen"

"Ich dachte eigentlich, meine 540-Seiten-Biografie über den ehemaligen Bundestrainer sei zu sperrig für den Siegertitel", sagt Beyer leicht schmunzelnd. Anderthalb Jahre hat sich der Autor mit dem Wirken von Helmut Schön beschäftigt, hat dazu den Sohn des Trainers getroffen und zahlreiche Weggefährten wie Uwe Seeler und Berti Vogts befragt. Die Arbeit hat sich gelohnt. Den Fußballbuch-Preis sieht Beyer auch als Anerkennung für sein Lebenswerk mit dem "Werkstatt"-Verlag. Denn was die Göttinger auszeichnet, ist, dass in diesem Verlag der Name Programm ist. "Wir nennen uns 'Die Werkstatt', weil wir versuchen, wie ein Handwerker alles selbst zu machen", sagt Beyer. Layout, Vertrieb und Auslieferung - alles liegt hier in einer Hand. Gesteuert wird der Verlag von der Göttinger Zentrale. Die Herstellung und Auslieferung erfolgt in Rastede bei Oldenburg. Insgesamt arbeiten rund 60 Angestellte für den Verlag.

Ein Verlag vor allem für kritische Fußball-Leser

Bild vergrößern
"Die Werkstatt" bringt jedes Jahr Dutzende Fußballbücher heraus.

"Generell versuchen wir, ein breites Spektrum abzudecken, also eigentlich alle Fans, die 'mal was lesen' wollen", sagt Beyer über die Zielgruppe des Verlags. Den Kern bilden dennoch eher die kritischen Leser. Beyer nennt es das klassische "11 Freunde-Klientel". Das sind Fußballinteressierte, die den Blick über den Stadionrand hinauswagen und auch an Reportagen aus den unterklassigen Ligen Freude haben. Bisher hat "Die Werkstatt" rund 1.000 Bücher veröffentlicht. Jedes Jahr gibt es 40 Neuerscheinungen. Die meisten befassen sich mit Fußball.

Über den Nordirland-Konflikt zum Fußball

Dabei ging der heutige Fußballbuch-Verlag im Sommer 1981 mit einem ganz anderen Fokus an den Start. Zunächst erschienen Politik-Sachbücher und pädagogische Literatur zu Umwelt- und Friedensthemen. Erst elf Jahre später gab der Verlag das erste Fußballbuch heraus. Beyer und seine Mitstreiter merkten, dass politische Bücher bei den Lesern nicht mehr so gut ankamen. Inhaltlich setzte damit ein schleichender Prozess ein. Doch das Personal blieb gleich. Politik- und Sozialwissenschaftler schrieben fortan nicht mehr über den Klimawandel, sondern über Fußball. Ihrem sozialkritischen Ansatz blieben sie sich aber treu. Dietrich Schulze-Marmeling war der erste, der sich dem Fußball widmete. Der Auslöser dafür war seine Reise nach Nordirland Ende der 1980er-Jahre. Er schrieb viel über den schwelenden Konflikt dort und realisierte, welche Rolle auch der Fußballsport dabei spielte. Seitdem blickt Schulze-Marmeling mit anderen Augen auf das Fußball-Geschehen. 1992 erschien dann sein erstes Fußballwerk mit dem Titel "Der gezähmte Fußball".

Fan-Bewegung fördert die hintergründige Fußballberichterstattung

"Wir haben gemerkt, dass wir im Bereich Fußball eine stärkere politische Relevanz entfalten können als bei den anderen Büchern", so Beyer. Befördert wurde der Schwenk zum Fußball-Fachverlag laut Beyer auch durch eine neue Fan-Bewegung, die Anfang der 1990er-Jahre zunächst bei St. Pauli aufkam. "Eine Fan-Bewegung, die mitreden wollte, die Kommerzialisierungstendenzen kritisierte und auch mehr über Rassismus in den eigenen Reihen wissen wollte", sagt Beyer. Das waren Themen, die fortan auch auf der Agenda des "Werkstatt"-Verlages standen.

"Die Werkstatt" stößt gesellschaftliche Diskussionen an

"Die Werkstatt" hat besonders mit ihren unkonventionellen Büchern viele Diskussionen angestoßen. Die Fans haben einen neuen Blick auf die Vergangenheit ihres Vereins erhalten. Beispiel St. Pauli: "Der Klub hat sein Stadion umbenannt, weil wir beim Namensgeber Wilhelm Koch festgestellt haben, dass er eine NS-Vergangenheit hat", sagt Bernd Beyer mit einem gewissen Stolz. Heute heißt die Arena "Millerntor-Stadion". Ohne den Göttinger Verlag würde es wohl weder den vom DFB gestifteten"Julius-Hirsch-Preis" noch den renommierten "Walther-Bensemann-Preis" geben. Beide Namensgeber waren jüdische Fußballspieler, dessen Geschichten erst durch den "Werkstatt"-Verlag wieder ausgegraben wurden.

"Hooligan-Biografien veröffentlichen wir nicht"

Wie ticken die Verantwortlichen eines Fußballbuchverlages? Bernd Beyer selbst ist kein Fußball-Fan im klassischen Sinne. Er geht nicht jedes Wochenende mit Schal ins Stadion. Aber er hegt Sympathien für Köln und Dortmund. Und er beobachtet den Lieblingssport der Deutschen und seine "dramatische Kommerzialisierung" sehr kritisch - auch wenn sich Beyer aus dem operativen Geschäft des Verlages immer weiter zurückzieht. Unter ihm als Chef-Lektor sind Hunderte Bücher über den Fußball und seine Begleiterscheinungen erschienen. Mal ging es um Homosexualität im Fußball, mal um Rassismus in Vereinen und mal um die Ultra-Bewegungen. Tabu-Themen gab es für ihn nur wenige. Er lehnte Projekte ab, wenn es gewaltverherrlichend oder sexistisch wurde. "Wir haben öfter Hooligan-Biografien angeboten bekommen, unter dem Motto: Ich bin der Hool, der sich geläutert hat. Doch wenn man den Text dann liest, erfährt man größtenteils doch nur, wie wunderbar sie sich geprügelt haben. Das wollen wir nicht befördern", so Beyer.

Fußball, wie er im Buche steht

"Wir gucken nicht nur nostalgisch auf die Vergangenheit"

Es ist ein Spagat, den der Verlag leisten muss. Denn viele ihrer exotischen Fußballbücher sind keine Kassenschlager. Manch ein Buch kommt nicht mal über die 1.000er-Auflage. Verkaufszahlen sind in Göttingen aber nicht immer das entscheidende Kriterium. "Wir versuchen, Bücher zu verlegen, die uns inhaltlich wichtig erscheinen. Auch dann, wenn sie kommerziell nicht unbedingt erfolgversprechend sind", sagt Beyer. Nur so könne der Verlag seinen guten Ruf halten, den er sich über Jahre erarbeitet habe - mit einer Art der Fußballliteratur, "die nicht nur Helden verehrt, die nicht nur nostalgisch auf die Vergangenheit guckt, sondern sich auch einen kritischen Blick auf den Fußball bewahrt hat", so Beyer.

Vereins-Chroniken sichern das Überleben des Verlags

Um diese Bücher finanzieren zu können, setzt der Verlag aber auch auf weniger kritische Lektüre für ein breiteres Publikum. Dazu gehören vor allem die Vereins-Chroniken der Bundesligisten. Mit einer Startauflage von mindestens 3.000 Stück seien diese Bücher die wirtschaftliche Basis des Verlages, so Beyer. Und auch "Die Werkstatt" kommt nicht daran vorbei, Star-Biografien über Ronaldo, Messi und Co. oder Hochglanzbücher von Sport-Großveranstaltungen zu veröffentlichen. Laut Beyer gehört fast jedes zweite Buch, das der Verlag veröffentlicht, in die "Mainstream-Ecke". Im Umsatz machen diese Bücher sogar rund drei Viertel des Umsatzes aus. Das zeigt: Ohne diese "leichte Lektüre" könnte der Verlag nicht überleben. Einen Interessenkonflikt sieht der ehemalige Programmleiter darin nicht. "Die Mischung macht's. Ich glaube, das befruchtet sich, weil man auch in populären Büchern gewisse Spuren legen kann", so Beyer.

Weitere Informationen

Furioses Finale: Göttinger EM-Buch geht in Druck

Portugal ist Europameister - doch nach dem Abpfiff im Endspiel der UEFA Euro 2016 ging im Göttinger Verlag "Die Werkstatt" die Arbeit erst los. Denn Montag wurde gedruckt. (11.07.2016) mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 28.09.2017 | 17:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:47

Schlagabtausch nach GroKo-Start in Hannover

23.11.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
01:26

Weihnachtsmarkt: Osnabrück verstärkt Barrieren

23.11.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
06:11

Diskussion über Hexen-Mahnmal in Rinteln

23.11.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen