Stand: 11.03.2016 16:56 Uhr

In Westerode tobt ein Kampf - um einen Poller

von Tino Nowitzki

Wenn sich die Menschen in Westerode im Landkreis Göttingen an etwas gewöhnt haben, dann lassen sie es sich offenbar nicht so leicht nehmen. Verbote? Hindernisse? Werden kurzerhand aus dem Weg geräumt - zumindest von einigen. Da macht es auch nichts, wenn es sich beim lieb gewonnenen Objekt um ein Stück grauen Asphalt handelt. Seit Jahren kämpft die Verwaltung gegen allzu freche Autofahrer, die darauf bestehen, eine Abkürzung durch den Ort zu nehmen - und dabei nicht einmal vor handfesten Maßnahmen zurückschrecken.

28 Zentimeter Beton sind kein Hindernis

Erster Versuch: Tempo-30-Schilder

Der Schauplatz: Die beschauliche Dorfstraße mit dem poetischen Namen Blumenau. Lange sausten hier bis zu 2.000 Autos am Tag durch: Eine willkommene Abkürzung, vor allem für Menschen, die vom benachbarten Mingerode ins nahe gelegene Duderstadt wollten. Der Rat des 1.100-Seelen-Ortes war sich einig: Die ständige Raserei durch die Blumenau muss aufhören. Und dann ging sie los, die unendliche Geschichte von Westerode. Zunächst versuchte man es mit Tempo-30-Schildern. Weil die aber hartnäckig ignoriert wurden, verbot der Ortsrat die Durchfahrt gleich ganz. Der Effekt: Null. Die Fahrt durch die Blumenau ging fröhlich weiter. Denn so ließen sich die zeitraubenden - immerhin knapp 400 Meter - Umweg durch die offizielle Ortseinfahrt von Westerode umgehen.

Poller landen im Straßengraben

Klein beigeben wollten die Beamten in der Verwaltung aber nicht. Das Bauamt von Duderstadt wurde eingeschaltet. Dieses karrte sogenannte Hochborden - kleine, flache Poller - heran, die es für Landwirte noch möglich machen sollte, über die Blumenau auf ihre Äcker zu kommen. Für Pkw aber war die Straße nun dicht. Dachte man. "Die Poller wurden ständig einfach zur Seite geschoben", erzählt Johannes Böning vom Bauamt Duderstadt. Also wurden die Poller rot-weiß angemalt, um sie leichter erkennbar - und wahrscheinlich auch irgendwie offizieller - zu machen und dübelte sie im Asphalt fest. Geblieben sind sie dort aber nicht. Stattdessen lagen die Poller nun regelmäßig im Straßengraben. Dass das mutwillig passiert war, darüber war man sich schnell einig: "Das macht man nicht einfach mal so, indem man die mit einem Kuhfuß weghebelt", sagt Ortsratsmitglied Michael Kühne. Erwischt wurde keiner der Vandalen - nur ab und an seien ein paar Autos mit Schrammen und Dellen im Bodenbereich aufgefallen.

Selbst der Betonpoller wird weggesprengt

Nachdem sich die Dorf- und Stadtverwaltung die Sache ein paar Jahre zähneknirschend anschaute, hatte sie Anfang dieses Jahres endgültig die Faxen dicke. Ein einbetonierter Pfeiler sollte die Posse endgültig beenden. Für diesen vermaß das Bauamt sogar landwirtschaftliche Maschinen, damit diese nicht zufällig darauf hängen bleiben. Am vergangenen Dienstag stand er schließlich da: 28 Zentimeter hoch, aus unverrückbarem Beton. Ein verwaltungstechnisches Bollwerk mit klarer Ansage: Kein Pkw kommt durch die Blumenau. Gehalten hat er genau einen Tag. Bereits einen Tag später stieß jemand mit einem offenbar größeren Fahrzeug und mit voller Wucht gegen den Betonpoller und sprengte so große Teile der Sperrung ab. Ob mit Absicht oder durch einen Unfall - noch spekulieren sowohl Bauamt, Ortsrat und Polizei über den genauen Hergang. Kurioserweise scheinen aber nicht Autofahrer, sondern Landwirte zu den Hauptverdächtigen zu gehören: "Wer würde schließlich mit dem eigenen Pkw gegen Beton fahren?", so Rainer Kracht vom Bauhof der Stadt. Mit dem Heckgewicht eines Traktors sei das aber kein Problem. Die Polizei geht indes nicht unbedingt von Vandalismus aus. Momentan werde wegen Unfallflucht ermittelt, heißt es vom Polizeikommissariat Duderstadt. Zeugen hätten den Aufprall beobachtet, es werde weiter ermittelt.

Stadt will nicht aufgeben

Eines aber drängt sich auf: Es gibt möglicherweise zu allem Entschlossene, die nicht auf die Abkürzung durch Westerode verzichten wollen. Und die Politik ist mindestens genauso entschlossen, sie daran zu hindern. Auch, wenn alle Versuche der Sperrung schon mehr als 5.000 Euro gekostet haben. Und einfach Frieden machen und die Blumenau für den Verkehr wieder freigeben? Für die Verwaltung ist der Schutz der Anwohner vor Rasern im Zweifelsfall wichtiger: "Das zu vernachlässigen wäre nicht der richtige Weg", so Johannes Böning vom Bauamt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 11.03.2016 | 16:30 Uhr