Stand: 08.02.2016 07:00 Uhr

Im Internet wird gegen "Soko Asyl"-Autor gehetzt

von Stefan Schölermann

Als Kriminaldirektor in Braunschweig hat Ulf Küch schon viel erlebt - doch so etwas ist auch ihm noch nicht begegnet: Ein Shitstorm aus Häme, Unterstellungen und zum Teil persönlichen Beleidigungen ist über ihn hereingebrochen. Der Grund: Seit vergangener Woche ist sein Buch "Soko Asyl" im Handel. Das Buch setzt sich detailliert mit der Kriminalitätsentwicklung in Braunschweig auseinander.

Küch: "Kriminalität nur marginal gestiegen"

Anlass ist die große Zahl von Flüchtlingen, die dort in der Erstaufnahmestelle im Stadtteil Kralenriede untergebracht sind. Rund 40.000 Menschen haben die Unterkunft seit Sommer vergangenen Jahres durchlaufen. Trotzdem, so Küchs nachweisbarer Erkenntnisse, sei die Kriminalität in der Löwenstadt nur marginal um etwa ein Prozent gestiegen. Und das liege innerhalb der normalen Schwankungsbreite.

Der Lüge bezichtigt

Doch manchem passt diese Erkenntnis offenbar nicht in den Kram. Ganz nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, muss der Buchautor im Internet Sätze wie diese lesen: "Herr Küch sollte sich gewaltig schämen, springt er doch auf den Zug des politischen Mainstream, um Geld zu verdienen und belügt gleichzeitig die Bürger."

Buchverkauf-Erlöse als Spende

Von Lüge, so Küch, könne aber keine Rede sein. Und Geld verdient der 58-jährige Beamte mit dem Buch auch nicht. Geschrieben hat der Braunschweiger Kriminalist das Buch unter der Federführung des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK), dessen stellvertretender Bundesvorsitzender er ist. Der BdK wird alle Einnahmen an eine soziale Organisation in Braunschweig spenden. Und was die Frage der Wahrheit angeht, spricht Küch eine klare Sprache: "Da muss ich dann schon fast drüber schmunzeln. Wir Polizeibeamte können die Statistik überhaupt nicht fälschen, weil in dem Augenblick, wo die Straftaten aufgenommen werden, das System alle Vorgänge automatisch erfasst. Und da ist eine Manipulation von uns vor Ort überhaupt nicht möglich."

Fäkale Kommentare

Manchem kommt die in Braunschweig statistisch belegte Erkenntnis, dass sich die Kriminalitätsrate von Flüchtlingen nicht unterscheidet von Gesetzessverstößen deutscher Mitbürger, offenbar äußerst ungelegen - so ungelegen, dass sich mancher Kritiker deutlich im Ton vergreift: "Das Buch wird auf die Kommode neben meiner Toilette gelegt. Sollte ich mal kein Klopapier haben, so werde ich den Hintern mit dem Geschreibsel dieses Buches abputzen. Ein leider sehr teures Klopapier". Solche Einwände lassen den frisch gebackenen Buchautor kalt. Er hat seine eigene Erklärung dafür, warum die Internetkommentatoren so scharf mit ihm ins Gericht gehen: Das Buch habe mit seinen vielen Fakten offenkundig "in ein Ameisennest gestochen".

Weitere Informationen

Buch widerlegt Vorurteil von Flüchtlingskriminalität

Flüchtlinge sind nicht krimineller als Deutsche. Das ist die Essenz eines Buches, für das der Braunschweiger Kriminaldirektor Küch zahlreiche Statistiken ausgewertet hat. (30.01.2016) mehr

Kritiker lassen bürgerliche Maske fallen

Interessant dabei: Mancher Kritiker hatte seine Erkenntnisse über "Soko Asyl" schon "in Stein gemeißelt", noch bevor das Buch im Handel zu haben war. Der Kriminaldirektor aus Braunschweig war allerdings nach Bekanntwerden des Projekts in diversen Talkshows zu Gast gewesen. Und mancher Zuschauer spritzt seitdem nicht nur verbales Gift, sondern lässt im Kommentar auch die eigene Geisteshaltung durchblitzen: "Was für eine widerliche, abartige, abgefuckte Hetzsendung gegen das eigene Volk. Zum Kotzen. Jeder in Deutschland, der nicht vollkommen verblödet ist, weiß was hier los ist."

Küch "erschrocken über Dummheit mancher Menschen"

Es ist nicht die Schlichtheit manches Eintrags, sondern die Häme manches "Autoren", die ihm gelegentlich unter die Haut geht: "Zunächst ist man verärgert. Aber dann ist man auch eigentlich erschrocken: über die Dummheit, weil die Menschen einfach nicht zuhören, und die Boshaftigkeit mancher Menschen." Er könne jetzt verstehen, wenn andere sagen, dass sie unter einem Shitstorm leiden.

Arbeit weckt Interesse in anderen Bundesländern

Küch kann sich allerdings fürs Erste bestätigt fühlen: Das Buch ist schon vor dem Erscheinen auf Bestseller-Listen zu finden gewesen. Und mittlerweile haben nach Informationen von NDR Info auch andere Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Bremen und Nordrhein-Westfalen Interesse an der Arbeit jener Sonderkommission gezeigt, die Küch im Spätsommer vergangenen Jahres in Braunschweig gegründet hatte.

Kriminaldirektor warnt Kritiker

Ob sich der ein oder andere Kommentator einen Gefallen damit getan hat, rechtlich zumindest zweifelhafte Kommentare ins Netz zu stellen, ist eine ganz andere Frage. Schließlich ist der Kriminalpolizist aus Braunschweig ein Mann vom Fach: "Ich werde das jetzt ganz genau beobachten, wie die Sache so weitergeht. Ich kann denen nur raten, die es demnächst übertreiben: Wir werden uns entsprechend zur Wehr setzen - und ich erwische sie dann auch", sagt der Ermittler mit einem Augenzwinkern.

Weitere Informationen

Küch warnt vor voreingenommenen Ermittlungen

Nach Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht bezweifelt Braunschweigs Kripo-Chef Küch, dass die Täter Asylbewerber sind, die erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen sind. (07.01.2016) mehr

Flüchtlinge in Niedersachsen

Die steigende Zahl von Flüchtlingen aus den Krisengebieten der Welt stellt Niedersachsen vor große Herausforderungen. Es gibt aber auch bereits Beispiele für gute Lösungen. (25.01.2016) mehr

Die rechte Szene in Norddeutschland - Was tun?

NSU, NPD, Pegida - wir haben die rechte Szene im Norden im Blick, analysieren Strukturen und geben Tipps, was Sie gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit tun können. (03.02.2016) mehr